Schauspielerin Clara Jost beim Photocall für den Film "Colo" am 15.02.2017 auf der 67. Berlinale (Quelle: imago/ZUMA Press)

Filmkritik | Colo - Wenn die Realität eine Last ist

Der längste Beitrag des Wettbewerbs erzählt von einer Familie in einer finanziellen Notlage. Doch "Colo" ist kein Elendsdrama, sondern eine kluge Charakterstudie mit langen Einstellungen und sehr guten Hauptdarstellern. Von Fabian Wallmeier

Mário (João Pedro Vaz) hat den Kühlschrank ausgeräumt, die Dosen und Gläser auf dem Boden aufgereiht. Jetzt kniet er im kalten Schein der Kühlschrankbeleuchtung und schrubbt. Seine Frau (Beatriz Batarda) kommt herein und schaut ihn verständnislos an. "Ich habe etwas Verdorbenes gerochen, aber ich kann nicht finden, was es ist", sagt er. "Ich habe den Kühlschrank doch gerade erst geputzt", sagt sie. Ihr Blick verrät, für wie sinnlos sie Mários Aktion hält.

"Colo" zeigt in Mário einen Mann auf der Suche, meist ist er dabei noch zielloser und oft rätselhafter als hier. Er ist arbeitslos, hat nichts weiter zu tun - und selten eine Idee, wie er gegen die Ereignislosigkeit des eigenen Lebens angehen soll. Viel Zeit verbringt er auf dem Dach des Hochhauses, in dem er mit seiner Familie lebt. Dort sammelt er Müll ein, den irgendwer dort hinterlassen hat, oder er sitzt einfach nur da und starrt.

"Ich bin, wer immer ich sein will"

Die zweite Hauptfigur ist seine Tochter Marta (Alice Albergaria Borges). Die 17-Jährige geht zur Schule und wird gleich zu Beginn des Films von ihrem Freund verlassen. Die Haut auf ihrem Bauch ist vernarbt vom Ritzen. Wenn Marta vorm Spiegel steht, all ihren Mut zusammennimmt und dann sagt "Ich bin, wer immer ich sein will", bleibt das eine traurige Behauptung.

Vater und Tochter sind von einem tiefen Misstrauen geprägt, nicht zuletzt der Mutter gegenüber, die im Film eine deutlich kleinere Rolle einnimmt. Der Vater ist fest davon überzeugt, dass sie ihn verlassen hat – zu Unrecht, wie sich bald herausstellt.

Marta und Mário umgibt eine Aura des Zukurzgekommenseins. Marta steht in einer Szene nachts auf der Straße und schreit die Welt an. Mário bedroht einen ehemaligen Mitschüler mit einem Messer, weil dieser ihm keinen Job vermittelt hat. Es sind kurze, impulsive Ausbrüche, die aber zu nichts führen, keine Linderung bringen. Beiden dient dabei das nahe gelegene Meer als Sehnsuchtsort, an dem sich das Leben vielleicht zum Guten ändern ließe. Meistens bleiben Mário und Marta hilf- und tatenlos.

Lange Einstellungen und viel Raum für Reflexion

Teresa Villaverde nimmt sich sehr viel Zeit dafür, sie dabei zu beobachten. Ihr Beitrag ist mit 136 Minuten der längste im diesjährigen Wettbewerb, fühlt sich aber nicht so an. In langen Einstellungen folgt sie Mário und Marta, fast immer getrennt voneinander. Dabei bleibt vieles nur angedeutet, auch weil die beiden Hauptdarsteller so wunderbar kühl, zurückhaltend und vieldeutig spielen. Villaverde lässt viel Raum zur eigenen Reflexion und zum Ziehen eigener Schlüsse.

Marta kümmert sich um ihren Vogel und um ihre beste Freundin Júlia, die gerade erfahren hat, dass sie schwanger ist und sich nun ständig übergeben muss. "Das wahre Leben ist das Schlimmste", sagt Júlia einmal. Marta widerspricht nicht. In Júlia hat sie jemanden gefunden, deren Probleme auf den ersten Blick noch größer sind, hinter ihr kann sie sich verstecken.

Die Mutter ist der distanzierte Realitätsanker

Die im Zuge der Arbeitslosigkeit immer unübersehbarer werdende finanzielle Not nimmt Villaverde nicht zum Anlass, ihren Film nun Richtung Sozialdrama kippen zu lassen, sondern sie studiert genau ihre Figuren und ihre rätselhaften, auch von ganz anderen Dingen motivierten Handlungen.

In der Wohnung der Familie fällt irgendwann der Strom aus, mutmaßlich, weil sie die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten. Vater und Tochter nehmen das hin, wehren sich nicht. Nur die Mutter unternimmt etwas. Sie ist die einzige, die den ganz normalen Dingen des Alltags gewachsen ist: Sie hat noch Arbeit, sie legt der Tochter das Geld für die Busfahrkarte hin. Mit der verschlossenen Gedankenwelt des Ehemanns kann sie wenig anfangen, meist will sie auch gar nicht so genau wissen, warum er sich immer merkwürdiger verhält. Dass Villaverde sie nur als Randfigur, als distanzierten Realitätsanker zeigt, ist eine gute Entscheidung. Denn so wird nur ab und zu reflektiert, wie verquer und selbstbezogen Mários und Martas Verhalten eigentlich ist. Das öfter festzustellen, wäre unnötig redundant gewesen.

Nichts ist entschieden, nichts gelöst

Im letzten Drittel gibt es einige dramatische Entwicklungen. Vater und Tochter versuchen nun zaghaft, sich aus der eigenen Misere zu befreien. Der Film endet mit einem kontemplativen Schlussbild, das in seiner Länge und seiner durch die Kamerabewegung vorgetäuschten Dynamik angenehm irritiert. Nichts ist hier entschieden oder gar gelöst - ganz im Gegenteil: Vater und Tochter haben auf ganz unterschiedliche Art die Flucht ergriffen - und beide werden früher oder später scheitern, werden sich neu ordnen müssen. Das ist nicht sonderlich schön, aber realistisch – und sehr klug und konsequent gemacht.

Fazit: Teresa Villaverdes Film ist kein offenkundiges Vergnügen, aber eine reiche Charakterstudie, bei der sich das genaue Hinsehen auszahlt. Wer langsames, präzises Erzählen mag, wird "Colo" eine Menge abgewinnen können.

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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