67. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 09.02.2017, Eröffnungsgala und Filmpremiere «Django»: Jayro Bustamante (l) , Regisseur und Produzent aus Guatemala, die französische Schauspielerin Clotilde Courau und der saudiarabische Regisseur und Produzent Mahmoud Sabbagh. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Video: Berlinale Studio

Filmkritik | "Django" - Django Reinhardt bleibt ein Rätsel

Der Jazzgitarrist Django Reinhardt sieht sich im Paris der Nazi-Besatzung zunehmend unter Druck. Davon will "Django", der am Donnerstag die Berlinale eröffnet hat, wohl erzählen. Doch Reinhardts Motivationen bleiben unklar in diesem allenfalls mittelmäßigen Film, findet Fabian Wallmeier.

Paris, 1943: Django Reinhardt probt mit seinem Quintett. Er hat ausgesprochen schlechte Laune, herrscht seine Mitmusiker an. "Ich spiele doch nur, was da auf dem Blatt steht", verteidigt sich einer kleinlaut. "Es ist mir egal, was da steht", mault Reinhardt. Er selbst kann keine Noten spielen, hochbegabter Autodidakt, der er ist.

Den herrisch-genialischen Musiker Django Reinhardt (1910 – 1953) fängt "Django" von Drehbuchautor und Regiedebütant Etienne Comar etwas klischeehaft, aber nachvollziehbar ein. Hauptdarsteller Reda Kateb kann sehr schön schmollen und mal unglücklich, mal unbeteiligt schauen. Die warmen Brauntöne, die den Film dominieren, sind ebenfalls hübsch anzusehen. Auch die langen Sequenzen in Konzertsälen und Jazz-Bars, in denen naturgemäß viel Musik zu hören ist, sind stimmig, wenn auch ohne jede überraschende Nuance eingefangen.

Seltsam gleichgültiger Anstrich

Problematisch aber ist das Wesentliche: das Psychogramm des Menschen Django Reinhardt, das Comar hier allem Anschein nach versucht. Denn bis zum Ende bleibt die Figur rätselhaft, blass, in ihren Haltungen unklar, in ihren Gefühlsregungen unnahbar.

"Django" zeigt das Leben des Jazz-Gitarristen zwischen 1943 und 1945, zur Zeit der Besetzung Frankreichs durch Deutschland. Reinhardt ist Sinti, eine von den Nazis verfolgte und ermordete ethnische Gruppe. Als Ausnahme-Musiker hat er einen Sonderstatus, die Besatzer wollen ihn sogar auf große Deutschland-Tour schicken, zur Belustigung der Truppen. Doch schon bei seiner Familie, der Mutter Negros und seiner Frau Naguine, die ihn ständig umgeben, fängt die Unsicherheit an.

Die Bedrohung Reinhardts und seiner Familie durch die Nazis wird allerdings selten richtig sichtbar. Ein bisschen markiges Anordnungs-Gekeife hier, etwas "Der Führer ist groß" da – und auf einmal sind alle Sinti in einem Lager interniert. Doch auch jetzt wirkt Reinhardt noch nicht nennenswert beeindruckt oder gar eingeschüchtert. Das mag die entrückte Sichtweise des Musikers auf alles Nicht-Musikalische adäquat abbilden, doch dem Film als Ganzem verleiht es auch einen seltsam gleichgültigen Anstrich.

Plötzlich hat Reinhardt Angst

Dann aber auf einmal sollen wir glauben, dass all das Django Reinhardt doch nahe geht. "Ich habe Angst", sagt er zu seiner Geliebten Louise (Cécile de France), "ich habe Angst um dich." Er flieht schließlich vor den Deutschen in die Schweiz, zusammen mit seiner Familie. "Auch er hat schließlich die Augen geöffnet", sagte Comar auf der Pressekonferenz . Wann genau Reinhardt das getan hat und warum – das verrät der Film nicht.

Reinhardt läuft durch den Schnee, auf der Flucht vor einer deutschen Patrouille. Um ihn herum ist nur noch Weiß zu sehen – was natürlich den Assoziationsraum der Filmgeschichte weit aufstößt - viel weiter, als dieser mittelmäßige Film es verträgt.

Erst kürzlich war eine ähnliche Szene in einem anderen Künstler-Biopic zu sehen, und der Vergleich fällt deutlich zu Ungunsten von "Django" aus. Denn er macht klar, wie uninspiriert Comar sich seinem Thema nähert: Pablo Larrains "Neruda" über den chilenischen Dichter Pablo Neruda, läuft auf einen irrwitzigen Showdown im Schnee zu, in dem all die lustvolle Verwirrung, die der Film bis dahin mit der Biographie und mehreren Metaebenen betrieben hat, ihren verblüffenden Höhepunkt erreicht.

Django Reinhardt dagegen läuft einfach noch ein bisschen weiter. Dann schneidet Comar ins Paris nach der Befreiung von den Deutschen, zu einem kitschig-heroischen Happy-End. Warum die Berlinale dieses kaum bemerkenswerte Regiedebüt als Eröffnungsfilm ausgewählt hat, bleibt ein großes Rätsel.

Fazit: Etienne Comar zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben des Jazz-Gitarristen Django Reinhardt. Wer dieser Django Reinhardt ist und was ihn umtreibt, bleibt dabei aber weitgehend unklar. Ein uninspiriertes Regiedebüt, das als Eröffnungsfilm der Berlinale keine gute Figur macht.

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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7 Kommentare

  1. 7.

    Die Wichtigkeit eines Musikers wie Django so zu Unterschätzen ist doch sehr bedenklich. Jeder Versuch die Figur "Django" einem Nichtkenner seiner Musik näher zu bringen kann doch eigentlich nur positiv ankommen. Einen Musiker zerlegt man nicht in Bauteile und da ist auch nichts zu interpretieren oder unter die Lupe zu nehmen. Man braucht schon eine gewisse Sensibilität, um seine Musik wirklich zu verstehen. Ihre Filmkritik ist leider Opfer einer sehr bedauerlichen Unkenntnis der Manouche Musik.

  2. 6.

    Es sei vorweg geschickt: Ich habe den Film leider noch nicht sehen können, bin selber Sinti-Jazzmusiker und freue mich auf den Film - trotz Ihrer Kritik.
    Grundsätzlich stellt sich schon die Frage, ob man eine Figur wie "Django Reinhardt", die auch im wirklichen Leben rätselhaft war, die sich womöglich selber rätselhaft war, mit einem Spielfilm nun auf einen "Nenner" bringen kann und soll. Ich fände es einigermaßen verwegen, wenn man Django "vereindeutigen" wollte, das Ergebnis wäre notwendigerweise ein Klischee. Wenn Comar seine Figur "flirren" lässt, dann verunsichert er vielleicht jene Zuschauer, die mit Ambiguitäten schlecht umgehen können, ist damit aber vermutlich sehr viel näher an der Wahrheit als mit einem eindimensionalen Psychogramm.

  3. 5.

    Es heißt: DIE Sinti und DER Sinto (eine Sinti-Frau heisst: Sintessa)
    Ich bin selber Gypsy Swing Musiker und glaube nicht, dass Django ein herrischer und schlechtglaunter Typ war. Aus erzählungen von u.a. Stephan Grapelli weiss man, dass er ein "Lebemann" war, ein Spieler im wahrsten Sinne des Wortes, der sich nicht für Politik interessierte.
    Ich finde es gut, dass ein Film über ihn gemacht wurde und auch dass es dabei um NS Geschichte geht. Alle Sinti wurden von den Nazis verfolgt! Bin sehr gespannt auf den Film.

  4. 4.

    Fabian Wallmeier Motivationen bleiben unklar in dieser allenfalls mittelmäßigen Rezension.

  5. 3.

    Ein Spielfilm ist keine historisch genaue Dokumentation. Doch zumindest Eckdaten können nicht einfach so zurechtgebogen werden. Entspringt es der Fantasie des Filmemachers oder des Journalisten, dass Reinhardt «schließlich vor den Deutschen in die Schweiz, zusammen mit seiner Familie» flieht?
    Zum Komponieren hatte Django Reinhardt in der Schweiz keine Zeit, denn er wurde von den Grenzsoldaten zurückgewiesen.
    Soviel historische Korrektheit muss sein — im Film, aber noch viel mehr in der aktuell eh schon unter Dauerbeschuss stehenden Presse.
    Die Wahrheit steht zB. im Bericht von Thomas Huonker et al.: «Roma, Sinti und Jenische, Schweizerische Zigeunerpolitik zur Zeit des Nationalsozialismus»
    https://www.uek.ch/de/publikationen1997-2000/romasint.pdf
    Ein weiteres Dunkles Kapitel Schweizer Geschichte - leider einmal mehr blauäugig weissgewaschen.

  6. 2.

    Ganz ohne Erwartungen bin ich selten. In diesem Fall habe ich mir vorher Filme angesehen, zu denen der Regiedebütant das Drehbuch verfasst hatte, mich ein wenig mit der Biographie Django Reinhardts befasst und die Vorberichterstattung zum Film gelesen/gehört. All das ergab zusammen eine Erwartung, die nicht besonders hoch war. Trotzdem gehe ich immer so offen wie möglich in einen Film, bin auch schon oft positiv überrascht worden - nur dieses Mal leider nicht.

  7. 1.

    Wieso twittert der Auto "wie erwartet war der Auftakt schon mal nix"? Sind Sie etwa voreingenommen (negativ) hineingegangen?

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