Roter Teppich «Felicite»: Die Schauspieler Gaetan Claudia (vorne l-r), Papi Mpaka, Vero Tshanda Beya und der Regisseur Alain Gomis (hinten). (Quelle:dpa)

Filmkritik | Félicité - Eine stolze Frau in Kinshasa

In der einzigen senegalesischen Ko-Produktion des Wettbewerbs erzählt Regisseur Alain Gomis die Geschichte einer Barsängerin aus Kinshasa – ein starker Aufschlag für das afrikanische Kino, meint Ula Brunner.

"Félicité" beginnt mit einer langen Kameraeinstellung auf das Gesicht der Hauptdarstellerin. Und dieser nicht mehr ganz jungen schönen Frau gehört auch der Film – obwohl sie hier zunächst selbst Zuschauerin ist, eine leicht amüsierte Beobachterin des erhitzten Trubels in der kleinen Outdoor-Bar einer Seitengasse in Kinshasa. Einige Minuten später, wenn sie die Bühne betrifft und zu singen beginnt, löst sich die Distanz, und auf mitreißende Weise nimmt sie uns mit ihrer Musik mitten hinein in ihr Leben.

Am Rande ihrer Würde und Kraft

Alain Gomis nimmt sich alle Zeit, um Félicités Geschichte zu erzählen: Da ist der Job als Barsängerin, der ihr und ihrem vierzehnjährigen Sohn eine bescheidene, aber unabhängige Existenz sichert. Als der Kühlschrank defekt ist, will ihn ausgerechnet der unberechenbare Tabu, ein ständig angesoffener Weiberheld und Félicités größter Verehrer reparieren.

Das selbstbestimmte gelassene Leben gerät aus der Bahn, als ihr Kind von einem Motorrad angefahren wird. Damit sein linkes Bein gerettet werden kann, muss Félicité vorab eine Million kongolesische Francs für die Operation auf den Tisch legen. Die Kamera folgt ihr durch die Straßen Kinshasas, als sie versucht, das Geld aufzutreiben. Sie drängt ihren Ex-Mann, ihr das Geld zu geben, setzt sich Schlägen, Prügeln und Verachtung aus und holt gar die Polizei, um ausstehende Schulden einzutreiben. Schließlich hat sie – am Rande ihrer Würde und Kraft – das Geld zusammen. Doch das Bein ihres Sohnes kann nicht mehr gerettet werden. Am Ende ist es einzig Tabu, der ihr hilft.

Mit Elementen des traditionellen afrikanischen Kinos

Alain Gomis hat seinen Film in Kinshasa und zu großen Teilen mit Laiendarstellern gedreht. Die Story kommt mit wenigen Dialogen aus und lebt von den treibenden Rhythmen der Musik, der Authentizität der kongolesischen Metropole und ihrer Menschen.

Natürlich ist Vero Tshanda Beye als Félicité schon ein absoluter Glücksfall: In ihrer ersten Kinorolle schafft es die charismatische Akteurin, dass dieser Film über immerhin 127 Minuten hinweg trägt. Drei, vier Tage umfasst der linear erzählte Plot, der immer wieder auch Elemente des traditionellen afrikanischen Kinos aufnimmt: Im Stil des typischen Ältestenrat wägen die Musiker ab, ob sie Félicité unterstützen wollen, einige Male unterbricht ein Chor das Geschehen, in mythischen Traumsequenzen trifft Félicité auf Tabu.

Selbstverwirklichung als Tradition

"Félicité" ist der vierte Langfilm von Alain Gomis, einem in Paris lebenden Franzosen mit senegalesischen Wurzeln. Bereits 2012 war Gomis im Wettbewerb der Berlinale zu Gast, damals mit der senegalesisch-französischen Ko-Produktion "Aujourd'hui" über einen Mann, der am Ende seines Lebens in seine afrikanische Heimat zurückkehrt.

Die Geschichte über eine starke Frau, die unbeirrbar ihre Eigenständigkeit und Selbstverantwortung gegenüber ihrer vorbestimmten Rolle in der Gesellschaft behauptet, entspricht auch der Kinotradition seiner afrikanischen Heimat. Schon früh überschritten senegalesisch Regisseure wie Djibril Diob Mambéty, Safi Faye oder Ousmane Sembène mit ihren Filmen bewusst die Grenzen von Tabus und überholten sozialen Regeln. Wie schön, dass Alain Gomis in seinem Porträt dieser starken stolzen Frau, für die sich am Ende doch noch eine Art von Happy End abzeichnet, diese Tradition fortsetzt.

Fazit: "Félicité" gibt spannende Einblicke in das Leben einer Frau in Kinshasa, bürstet mit seiner ruhigen Erzählweise unsere Sehgewohnheiten auch ein wenig gegen den Strich. Aber es lohnt, sich auf den Film einzulassen.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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