Der Schauspieler Tristan Göbel präsentiert auf der Pressekonferenz am 13.02.2017 den Film "Helle Nächte" (Quelle: dpa/ Rainer Jensen)/
Video: Berlinale Studio | 13.02.2017 | Steffen Prell

Filmkritik | Helle Nächte - Eine schweigsame Reise durch Norwegen

Vater und Sohn, die sich seit Jahren nicht mehr gesehen haben, auf einem Trip durch Norwegen – der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag überzeugt als schnörkelloses ausdrucksstarkes Roadmovie über eine schwierige Annäherung. Von Ula Brunner

Thomas Arslan war zuletzt mit seinem Western "Gold" im Wettbewerb der Berlinale zu sehen. 2017 gibt er den Auftakt für die insgesamt drei deutschen Filme in der wichtigsten Festivalkategorie. In "Helle Nächte" kehrt der Berliner Regisseur zu einer minimalistischen Erzählweise und schlanken Story zurück: Der Tod seines Vaters führt Bauingenieur Michael (Georg Friedrich) nach Jahren erstmals wieder mit seinem 14-jährigen Sohn Luis (Tristan Göbel) zusammen, und auf eine gemeinsame Reise durch Nordnorwegen. Entstanden ist ein subtiles Roadmovie über die vorsichtige Annäherung zwischen Vater und Sohn, mit eindrucksvollen Bildern, sparsamen Dialogen und wunderbaren Schauspielern.

Lose familiäre Kontakte

Mit wenigen Dialogen skizziert Arslan in der Eingangssequenz das brüchige Beziehungsgefüge, in dem Michael lebt. Seine Freundin will für ein Jahr ins Ausland, die familiären Kontakte zur Schwester und zu Sohn Luis sind sporadisch. Auch den Vater ,zu dessen Begräbnis er jetzt nach Norwegen reist, hat er seit Jahren nicht gesehen. Ihr Verhältnis sei schwierig gewesen, erklärt er Luis, der wortlos zuschaut, wie Michael in der norwegischen Berghütte die Sachen des Verstorbenen ordnet. Ebenso schwierig ist auch die Beziehung zu Luis, den er seit Jahren vernachlässigt hat. Vielleicht gibt das Buch über Brückenbau, das Michaels Vater – Ingenieur wie er selbst – noch vor seinem Tod beendet hat, den Anstoß, Luis vorzuschlagen, noch "ein wenig Zeit miteinander" zu verbringen.

Beziehung über Blicke und Schweigen

Mit einem feinen Gespür für emotionale Zwischentöne, stumme Bedürfnisse und Enttäuschungen tariert Thomas Arslan die Beziehung zwischen Vater und Sohn aus. Auf den langen Fahrten durch die bizarre Gebirgswelt Norwegens wird mehr geschwiegen als geredet. Es ist ein hilfloses, verstocktes Schweigen, hinter dem sich die Angst verbirgt, die drängenden Fragen zu stellen. Dabei ist es schon auch komisch zu beobachten, wie sich mit jedem weiteren Kilometer auf der endlosen norwegischen Landstraße die Sehnsucht nach Aussprache und die Frustration anstaut.

Dazu setzt "Helle Nächte" zwei außergewöhnliche Darsteller trefflich in Szene. Da ist der grantige österreichische Schauspieler Georg Friedrich als verunsicherter Vater, dessen Midlife-Crisis einhergeht mit dem selbstkritischen Blick zurück und dem plötzlichen Wunsch, dem eigenen Sohn näher zu kommen. Der 14-jährige Tristan Göbel überzeugte zuletzt in dem Roadmovie "Tschick" als jugendlicher Ausbrecher Maik und in "Helle Nächte" nehmen wir ihm jede Sekunde den verstockten Jugendlichen ab, der die Enttäuschung über die verletzende Abwesenheit des Vaters hinter einer coolen Fassade verbirgt.

Kino der Interpretationen

Kameramann Reinhold Vorschneider greift Intimität und Verlorenheit dieses sperrigen Beisammenseins in raumgreifenden Totalen auf. Wir sehen Vater und Sohn mit ihren Rucksäcken durch die verlassene Landschaft stapfen, erleben auch die ungewohnter Nähe in der Enge des kleinen blauen Kugelzeltes. Wie in jedem Roadmovie wird die äußere Bewegung allmählich zum Katalysator einer inneren Veränderung.

Nach einer minutenlangen Fahrt über eine vernebelte Schotterstraße, kommt es dann tatsächlich zu ersten zaghaften Zeichen einer möglichen Annäherung. Wie so oft bei Arslan ist auch hier am Ende vieles offen: Es ist ein Kino der Interpretationen, der Möglichkeiten und der Verunsicherung, das im besten Sinne Raum lässt – seinen beiden großartigen Protagonisten – aber auch dem Publikum.

Fazit: Ein nachdenklicher und schöner Film, der auch noch weiterwirken kann, wenn wir die Kinotür hinter uns schließen.

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