Filmstill aus dem Film "Joaquim", der im Wettbewerb der Berlinale 2017 läuft (Quelle: Berlinale/REC Produtores & Ukbar Filmes)
Video: Berlinale Studio | 16.02.2017 | Vanessa Loewel

Filmkritik | Joaquim - Vom Zähnezieher zum Kopflosen

Marcelo Gomes' "Joaquim" über den brasilianischen Freiheitskämpfer Tiradentes sieht schön schmutzig aus. Der Film hätte die deftige Demontage eines Nationalhelden sein können – wenn ihn nicht eine so pathetische wie unerklärliche Klammer umgäbe. Von Fabian Wallmeier

"Hier spricht ein kopfloser Mann", hört man zu Beginn aus dem Off. Man sieht eine Kapelle im Regen, davor eine Säule, darauf ein abgeschlagener Kopf. Er gehört dem Freiheitskämpfer und brasilianischen Nationalhelden Tiradentes, der im 18. Jahrhunderts gegen die portugiesische Kolonialmacht kämpfte und hingerichtet wurde.

Die Stimme aus dem Off ist ebenfalls die von Tiradentes, mit bürgerlichem Namen Joaquim José da Silva Xavier. Um einen Ausschnitt aus seinem Leben geht es in "Joaquim", dem Wettbewerbsbeitrag des brasilianischen Regisseurs Marcelo Gomes. Er zeigt vor allem die Anfänge von Joaquims Politisierung und mischt dabei Überliefertes mit Fiktivem.

Joaquim jagt Goldschmuggler. Doch noch wichtiger ist ihm eine kaputte Liebschaft: Sie ist Sklavin, er scheint ihren Namen nicht einmal zu kennen und nennt sie nur "Schwarze". Sie bewahrt sich einen Rest Selbstachtung, indem sie ihn immer wieder kraftvoll zurückweist - schließlich sei sie zwar Sklavin, aber nicht seine. Er will sie freikaufen, doch sie bringt irgendwann ihren eigentlichen Herrn um und flieht.

Mit der Handkamera ran an den Schmutz

Mit der Handkamera ist der Zuschauer ganz nah dran: an den schmutzigen Gesichtern der Schmuggler und ihrer Jäger im gleißenden Sonnenlicht, am schnellen Sex im Stall - und an den brutalen Verrichtungen, die Joaquim später seinen Spitznamen einbrachte: Tiradentes heißt Zähnezieher. Er greift zur Zange, im Halbdunkel sehen wir das Blut und das entsetzte Gesicht des Patienten, der Schmerzlaute röchelt.

Joaquim wird mit einer kleinen Gruppe auf eine Mission durch das Hinterland geschickt. Viel Leerlauf zeigt der Film dabei, viel Dschungel. Ein Jaguar brüllt bedrohlich im Gebüsch, ein Pferd wird beim Überqueren des Flusses von der Strömung erfasst. Ein Indio und ein Schwarzer aus der Reisegruppe messen sich im Liedersingen.

Joaquim ist derweil manisch auf der Suche nach Gold, mit dem er seine "Schwarze" freikaufen will, driftet immer weiter in den Wahnsinn ab. Stundenlang wühlt er mit den Händen im Kies des Flussbetts, hechelnd und wirr um sich blickend. Seine Gefährten müssen ihn immer wieder zum Aufbruch drängen.

Als deftige Demontage eines Nationalhelden hätte der Film ganz gut funktioniert: Tiradentes wird hier als jemand gezeigt, dem Werte nichts bedeuten. Er ist ein manischer Goldrauschsüchtiger, der sich in eine kranke falsche Liebe hereingesteigert hat und sonst nichts.

Doch schon der Anfang des Films, mit dem dräuenden Pathos des geköpften Helden aus dem Off, hat eigentlich eine andere Richtung vorgesehen. Erst in den letzten Minuten schlägt Gomes sie wieder ein. Joaquim hat es nicht geschafft, den erhofften Goldgräberreichtum zu erlangen, und auch die versuchte Inbesitznahme seiner "Schwarzen" ist krachend gescheitert, da muss eben etwas anderes her: Gomes lässt Joaquim nun plötzlich geläutert erscheinen. Warum, wird nicht klar. Im Gespräch mit einem Priester schwingt er auf einmal revolutionäre Reden, redet von der Freiheit und dem Ende der Unterdrückung. Der Priester lacht ihn aus – und es fällt schwer, es ihm nicht gleichzutun.

Fazit: Wenn im Kino gelacht wird und man sich zugleich sicher ist, dass der Film das nicht beabsichtigt, ist das kein gutes Zeichen. Bei "Joaquim" ist es aber so, denn der Hauptteil des Films über den brasilianischen Nationalhelden Tiradentes passt überhaupt nicht zu seinem Ende.

 

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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1 Kommentare

  1. 1.

    Eben gesehen und für schlecht befunden. Ich weiß nicht, was das sollte... Der Applaus war auch recht sparsam, als die Crew auf die Bühne kam.

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