Schauspielerin Kim Minhee nimmt den silbernen Bären als beste Darstellerin für den Film "On the Beach at Night alone" entgegen. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)

Filmkritik | On the Beach at Night Alone - Eine unglückliche Koreanerin im Hamburger Winter

Hong Sangsoo schickt in "On the Beach at Night Alone" eine unglückliche Schauspielerin nach Hamburg und zurück nach Korea. Die Komödie vereint alles, was seine bisherigen Filme ausmacht, ist aber mehr als "Best of Hong" – auch dank der Hauptdarstellerin. Von Fabian Wallmeier

Younghee (Kim Minhee) hat sich, beflügelt vom koreanischen Schnaps Soju, in Rage geredet. Über die Unmöglichkeit der Liebe schreit sie nun sogar, herrscht eine Frau am Tisch an, sie solle den Mund halten, denn sie habe keine Kompetenz in dieser Frage. Es herrscht betretenes Schweigen, bis Younghee die Szene selbst rettet: Sie fängt an mit einer anderen Frau am Tisch zu knutschen, einfach so. Die lässt die Attacke gern über sich ergehen und auch den Männern am Tisch gefällt's.

Es ist eine typische, zugleich komische und peinsame, Hong-Sangsoo-Szene: Man sitzt zusammen beim Essen, es fließt zu viel Soju, die Folgen sind ein peinlicher Ausraster - und eine unerwartete, komische Wendung. Es gibt viele solcher Elemente und Motive, die immer wieder in Hongs Filmen auftauchen. In seinem neuen Film "On the Beach at Night Alone" sind sie fast alle versammelt.

Bei Hong Sangsoo stehen oft Filmemacher oder andere Künstler im Mittelpunkt. Sie haben Liebeskummer und stecken in einer existenziellen Krise, die sie einerseits lähmt, andererseits zu merkwürdigen impulsiven Handlungen verleitet. Das ist auch hier so: Younghee ist Schauspielerin, sie hat eine unglückliche Affäre mit einem verheirateten Mann hinter sich, es gibt Gerüchte über sie.

In einem anderen Land: Deutschland

Younghee hat sich nach Hamburg verzogen, hier spielt der erste, deutlich kürzere, Teil des Films. Der nasskalte diesige Winter, der in der Stadt herrscht, steht im offenkundigen Widerspruch zu dem, was eine dort lebende Freundin ihr erzählt: Hamburg sei laut einer Umfrage die lebenswerteste Stadt der Welt. Das Café, in das sie gehen wollen, hat schon geschlossen, und das Gespräch mit dem deutsch-amerikanischen Paar, bei dem sie zum Abendessen eingeladen sind, verläuft schleppend. Trotzdem beteuert Younghee später bei Freunden in Gangneung: Die Zeit in Hamburg sei gut gewesen, die deutschen Männer sehr nett und gut behangen.

Hong hat schon in früheren Filmen davon erzählt, wie sich das Leben in der Fremde anfühlt. Isabelle Huppert spielt in "In Another Country" drei Frauen, die in einen koreanischen Badeort kommen. In "Night and Day" lässt er einen Maler in der Sinnkrise einen Sommer in Paris verbringen, auch er will, genau wie nun Younghee, Gras über etwas wachsen lassen.

Hong lässt in fast allen seinen Filmen Menschen nach langer Zeit wieder aufeinander treffen. Der zweite Teil seines neuen Films ist ebenfalls davon geprägt: Younghee trifft Freunde von früher, ein Running Gag sind Gesprächsfetzen darüber, wie alt, jung oder erwachsen der oder die andere doch geworden sei.

Noch mal nachts allein am Strand

Allein die formalen Elemente, die Hongs Filme oft prägen, scheinen hier keine Rolle zu spielen: das Spiel mit mehreren Wirklichkeitsebenen und die Wiederholung mit Variationen. Hongs Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Nobody's Daughter Haewon" (2013) ließ offen, was von dem, was wir sehen, auf Tagebuchnotizen basiert und was nur geträumt ist. In "Right Now, Wrong Then", für den Hong 2015 den Goldenen Leoparden in Locarno gewann, ließ er die Geschichte nach der Hälfte einfach noch einmal neu beginnen, in nur in Nuancen veränderter Form.

In "On the Beach at Night Alone" glaubt man lange, er verzichte dieses Mal auf solcherlei Verwirrspiele - bis die letzte Szene zum zweiten Mal beginnt, mit einer von Hongs bislang schönsten Einstellungen: Es ist Morgen, Younghee liegt am Strand, von hinten sehen wir sie, warm eingepackt in Winterkleidung, hinter ihr das Meer. Nun kommt auch der berühmte Hong-Zoom zum Einsatz: ein schlichtes, meist eher schnelles Rein- und Rauszoomen, mit dem er sparsam umgeht und einem Detail besondere Aufmerksamkeit verleiht.

Darstellerin spielt auf Bären-Niveau

"On the Beach at Night Alone" vereint also noch einmal die wichtigsten Elemente von Hong Sangsoos Filmen, ist aber mehr als ein reines "Best of Hong". Denn er stellt sie nicht einfach nur nebeneinander, sondern verbindet sie zu einem durch und durch stimmigen Film. Die Häufung der Hongismen ist, wenn überhaupt, nur in zweiter Linie ein selbstreferenzielles Geschenk an die Fans.

Etwas Entscheidendes ist zudem anders als sonst: Während es in Hongs Filmen sonst immer einen männlichen Protagonisten gibt oder der weiblichen Hauptfigur zumindest ein ebenbürtiger männlicher Partner an die Seite gestellt wird, ist Younghee dieses Mal die alleinige zentrale Figur. Kim Minhee füllt die Rolle atemberaubend gut aus. Wie sie die vielen Schattierungen der Figur spielt, ist phänomenal. Younghee ist in einem Moment spöttisch, im nächsten aufbrausend, dann gibt sie sich der Verzweiflung hin. Kim beherrscht den waidwunden Blick genauso wie die giftige Frechheit.

Sollte Kim Minhee am Samstag den Silbernen Bären für die beste Darstellerin bekommen, wäre das eine sehr verdiente Entscheidung. Und den Goldenen für Hongs herausragenden Film darf es gern gleich noch obendrauf geben.

Fazit: Eine Schauspielerin nimmt sich in einer Krise eine Auszeit in Hamburg und verhält sich auch nach ihrer Rückkehr nach Korea sehr eigenartig. Hong Sangsoos Komödie führt die wichtigsten Elemente und Motive seiner bisherigen Filme zusammen – und funktioniert trotzdem ganz eigenständig. Bären für Hong und seine Hauptdarstellerin Kim Minhee? Unbedingt!

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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