67. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 18.02.2017, nach der Preisverleihung der Bären: Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland (r) wurde für den Öko-Thriller «Pokot» mit dem Alfred-Bauer-Preis geehrt - links ihre Tochter Kasia Adamik. (Quelle: dpa/Jens Kalaene)

Filmkritik | Pokot Spoor - Die Rache der Tiere

Mit dem hoch unterhaltsamen Öko-Murder-Mystery Drama "Pokot" kehrt die mehrfach Oscar nominierte polnische Regisseurin Agnieszka Holland wieder zurück zur alten Form. Und der Berlinale gelingt etwas Unerhörtes: Denn mit "Pokot" konkurriert eine erstklassige Miniserie um den Goldenen Bären. Von Patrick Wellinski

Es ist tiefer Winter im polnischen Hinterland. Die Jäger ziehen durch die dichten Wälder. Denn die Jagd ist der Lebensinhalt so gut wie aller Figuren in Agnieszka Hollands Wettbewerbsbeitrag "Pokot". Eine Tatsache, die der alten Frau Duszejko gar nicht gefällt. Die Hobby-Astrologin und Aushilfslehrerin lebt zurückgezogen mit ihren Hunden im Einklang mit der Natur. Doch plötzlich häufen sich mysteriöse Todesfälle in ihrem Umkreis. Jäger werden tot im Wald gefunden, die einzigen Spuren, die die Polizei findet, sind Tierfährten. Schon bald rücken unterschiedliche Verdächtige in den Fokus der Fahnder, doch auch Frau Duszejko nimmt mit Hilfe einiger Freunde die Ermittlungen auf.

"Pokot" basiert auf der Erzählung "Der Gesang der Fledermäuse" der polnischen Bestsellerautorin und Nobelpreisanwärterin Olga Tokarczuk. Gemeinsam mit Holland verfasste die Schriftstellerin das Drehbuch. Beide entwickeln so ein herrlich verschrobenes Verwirrspiel in der polnischen Provinz mit einer eindeutigen moralischen Weltsicht. Die Natur wendet sich endgültig gegen den jagenden Menschen. Die Tiere schlagen zurück. Konsequent weist der Film damit auf sehr moderne Thesen hin, die letztlich auch ein Richard David Precht neulich in seinem Buch "Tiere Denken" ausgeführt hat.

Filmszene aus "Pokot - Spoor"

Film mit tierischer Perspektive

Agnieszka Holland inszeniert diese Gedankenspiele clever und voller Andeutung. Im Film wimmelt es vor Tieren und tierischen Perspektiven. Wir sehen lebendige Tiere, ausgestopfte Tiere, Stofftiere und Tierkostüme. In jeder Einstellung wird der tierische Blick gesucht und verleiht diesem Ökothriller eine unheimliche Komponente. Die Menschen erscheinen getrieben von Gier und einem ungesunden Todestrieb. Alle sind verdächtig und haben die Unschuld schon lange verloren.

Wunderbar spielt Agnieszka Mandat die Hauptfigur Duszejko mit jener nötigen Ambivalenz, die es für diese sehr komplexe Rolle braucht. Phasenweise erinnert sie an eine ökobewusste Miss Marple, dann blitzt da wieder was Irres und Irrationales durch wie bei der Waldhexe, die Meryl Streep in "Into The Woods" verkörperte. Man kann sich nie sicher sein, was sie antreibt, welche Allianzen sie schmiedet und zu welchem Zweck.

TV Serie als Spielfilm verkleidet

"Pokot" erinnert nicht nur durch seine starke Hauptfigur an moderne Serien. Auch formal prägt den Film eine gewisse Episodenstruktur. So ist der Film mit Inserts durchzogen, die nicht nur unterschiedliche Jahreszeiten ankündigen, sondern auch gleich noch die jeweilige Jagdsaison einläuten. Es gibt auch immer wieder Rückblenden, die dramaturgisch das Erzählte zusammenraffen. Sie wirken wie Cliffhanger am Ende einer Episode. Vielleicht ein Resultat aus Agnieszka Hollands erfolgreicher Arbeit im US-Serienbetrieb. Sie führte Regie bei Erfolgsproduktionen wie "The Wire" und "House of Cards". Das sind Erfahrungswerte, die "Pokot" zu einem sehr amüsanten und sehr unterhaltsamen Spielfilm machen, der dann bald sicherlich als vierteilige Miniserie auch im Fernsehen zu sehen sein wird. In seiner bösen Heiterkeit, seiner umweltbewussten Botschaft und starken Besetzung ist "Pokot" definitiv einer der spannendsten und sehenswertesten Filme des diesjährigen Wettbewerbs.

Fazit: Eine Empfehlung für alle passionierten Tierschützer und all jene, die schon immer mal eine polnische Miss Marple sehen wollten und modernes Erzählen wie in bekannten US-Fernsehserien (Stichwort: House of Cards) zu schätzen wissen.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Patrick Wellinski

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