Die Schauspielerin Nina Hoss läuft am 15.02.2017 auf der 67.Berlinale über den roten Teppich (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Video: Berlinale Studio | 15.02.2017 | Steffen Prell

Filmkritik | Rückkehr nach Montauk - Der Engel und der Waschlappen

Volker Schlöndorff verknüpft in "Return to Montauk" Max Frisch mit eigenen Erlebnissen, hochkarätig besetzt ist der Film auch: mit Nina Hoss und Stellan Skarsgård. Doch das Ergebnis ist trotz interessanter Ansätze ein schablonenhafter Film ohne echte Tiefe. Von Fabian Wallmeier

Am Anfang ist nur Max Zorn (Stellan Skarsgård) im Bild, in Großaufnahme. In einem langen Monolog lässt er sich über das schwierige Verhältnis zu seinem Vater aus, einem Philosophen, der wenig von den Büchern des schreibenden Sohnes hielt. Die Maxime des Vaters lautet sinngemäß: Nur zwei Dinge im Leben zählen – die Dinge, die wir getan zu haben bereuen, und die, die wir nicht getan zu haben bereuen.

Erst als die Kamera ein Stück weiter weg ist und Max Zorn ein Buch zuklappt, wird klar: Alles bisher Gesagte war eine Lesung in New York. Das Ich, das hier sprach, war der Ich-Erzähler seines Romans – wenn auch einer, der dem Autor Max Zorn sehr nah steht.

Vorbild ist Max Frisch

Hätte Regisseur Volker Schlöndorff diese Verwirrungstaktik beibehalten und hätte er weiter Unsicherheiten eingestreut über das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit, dann hätte "Return to Montauk" vielleicht ein interessanter Film werden können. Und er wäre dem Vorbild Max Frisch gerechter geworden. Nach dem Schweizer Schriftsteller, mit dem Schlöndorff befreundet war, hat er nicht nur die Hauptfigur benannt, sondern ihm ist der Film auch gewidmet. Und an eines seiner wichtigsten Bücher lehnen sich Geschichte und Filmtitel an: "Montauk" ist eine lange, kluge, collagenhafte Erzählung, die in weiten Teilen offen lässt, inwieweit sie autobiographisch ist.

Erinnerungsreise nach New York

"Return to Montauk" hat zumindest auch autobiographische Elemente. Er fuße in Teilen auf eigenen Erlebnissen, wie Schlöndorff auf der Pressekonferenz sagte. Doch der Film konzentriert sich, nach dem hübschen Irritationsmoment des Auftakts, nicht auf das Verhältnis zwischen Autor und Werk oder zwischen Figur und Regisseur, sondern interessiert sich primär für ein romantisches Dreiecksverhältnis. Auch darin stecken Anklänge an "Montauk": Zwei Frauen, die eng mit dem Ich-Erzähler verwoben sind, treten in einer unzuverlässig erinnerten Vergangenheit und der von ihr bestimmten Gegenwart auf.

Max, der aus einem unbestimmten Land in Skandinavien stammt und jetzt in Berlin lebt, ist nur für eine Woche in New York, um sein neues Buch zu bewerben. Er trifft dort auf seine derzeitige Freundin Clara (Susanne Wolff), die in New York lebt und arbeitet. Sein eigentliches Interesse gilt aber der Frau, die er vor vielen Jahren hier zurückgelassen hat: Rebecca (Nina Hoss) ist mittlerweile eine erfolgreiche Anwältin, sie hat eine große, teuer eingerichtete Maisonette-Wohnung in bester Lage. Ihre Erscheinung hat etwas Engelhaftes: Schlöndorff lässt sie in hellem Licht, mit perfekt sitzendem, wallendem, blondem Haar und in strahlend weißer Bluse im Foyer erscheinen.

Zurück an den Ort glücklicher Tage

Zorn setzt nun alles daran, sie zurückzuerobern. Sie reagiert erst mit Ablehnung, was ihm die Zeit gibt, sich mit Clara abzulenken beziehungsweise eifersüchtig zu sein. Denn Clara ist einem anderen New Yorker Autor verdächtig nahe. Dass sie ein eigenes Leben führt, gefällt Max nicht.

Dann aber lässt der Anruf von Rebecca ihn jedes Interesse an Clara verlieren: Am Samstag um elf Uhr soll er sich bei ihr einfinden, zu einem Ausflug. Das Ziel ihrer Fahrt deutet sie nur an, doch er weiß sofort, was sie meint: Nach Montauk soll es gehen – dorthin, wo sie einst glückliche Tage zusammen verbracht haben.

Emotionale Tiefe erzeugt nur der Soundtrack

Im Auto reden sie viel von früher, nähern sich langsam dem eigentlichen Thema ihrer Reise an: Was ist damals passiert, warum sind sie nicht zusammen geblieben und wessen Schuld ist das? Die eineinhalb Tage in Montauk bilden den Kern des Films. Leider ist er ziemlich morsch. Rebecca ist erst distanziert, beginnt sich dann zu öffnen, schnauzt ihn unverhofft an, lässt das Auto in den Dünen versanden, fängt plötzlich an zu kichern – während Max nicht viel mehr schafft, als mit etwas waschlappigen Antworten einigermaßen Schritt zu halten. All das ist zwar in malerischen Szenerien gefilmt, doch es bleibt kraftlos, die Figuren bleiben auch dann unnahbar und schablonenhaft, wenn sie ihr Innerstes offenbaren. Auch Hoss und Skarsgård schaffen es nicht, Max und Rebecca Leben einzuhauchen. Für etwas emotionale Tiefe sorgt allein der beizeiten dramatisch anschwellende Soundtrack von Max Richter.

Starker Moment kurz vor Ende

Ganz am Ende, kurz vor Zorns Abreise, gelingt Schlöndorff noch einmal ein starker Moment: Während Max noch vom Erinnerungsreigen mit Rebecca verzaubert ist, holt Clara ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Er schwafelt von einem Geist, den er gesehen habe, sie entgegnet, einen Geist könne man nicht ficken. Für Max ist es da aber längst zu spät – und für Schlöndorffs Film leider auch.

Fazit: Max Frischs "Montauk" ist Volker Schlöndorffs filmische Anlehnung himmelweit überlegen. Die emotionale Kraft seiner Geschichte ist leider nicht zu spüren. Aber immerhin sieht der Film gut aus.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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