Schauspielerin Catherine Deneuve läuft bei der Premiere von "Sage femme" am 14.02.2017 über den roten Teppich (Quelle: dpa/Gregor Fischer)

Filmkritik | Sage Femme - Entrecôte mit Vollkornreis

Zwei Frauen und die Wunden ihrer Vergangenheit. In "Sage Femme" zeigt Martin Provost, wie sich zwei widersprüchliche Charaktere aneinander annähern. Trotz zweier famoser Hauptdarstellerinnen erschöpft sich der Film jedoch in seiner vorhersehbaren Handlung. Von Andreas Kötzing

"Es muss ein tolles Gefühl sein, einem Menschen auf die Welt zu helfen." Wann immer Claire erzählt, was sie beruflich macht, hört sie diesen Satz. Als Hebamme arbeitet sie seit vielen Jahren auf einer Geburtsstation in Paris.

Als Claire wieder einmal auf ihre Arbeit angesprochen wird, antwortet sie, es sei vor allem ein merkwürdiges Gefühl: "Da taucht ein Mensch wie aus dem Nichts auf. Und auf einmal ist er in unserer Welt." Das Wichtigste in einer solchen Situation sei, dass man seinen Kopf ausschaltet und ganz auf sein Gefühl vertraut.

Wie wichtig es sei kann, im Leben nicht immer nur auf seinen Verstand zu hören, erfährt Claire selbst, als Beatrice in ihr Leben tritt, die ehemalige Geliebte ihres Vaters. Vor über 30 Jahren hat Beatrice das Leben ihrer Familie zerstört. Auch sie taucht wie aus dem "Nichts" auf, doch anders als bei den Geburten, die Claire tagtäglich betreut, steht bald nicht mehr der Anfang des Lebens im Mittelpunkt, sondern das Ende: Beatrice ist an Krebs erkrankt. Sie leidet an einem Gehirntumor und allen anfänglichen Bedenken zum Trotz wird Claire zu ihrer engsten Vertrauten.

Provost gibt seine Figuren nicht der Lächerlichkeit preis

"Sage Femme" des französischen Regisseurs Martin Provost, der im Berlinale-Wettbewerb "Außer Konkurrenz" gezeigt wird, ist ganz auf seine beiden konträren Hauptfiguren zugeschnitten. Hier die rationale, hilfsbereite Claire, die auf Vollkornreis und Gemüse schwört. Dort die burleske Beatrice, die nach ihrer Todesdiagnose erst recht nicht auf ihr blutiges Entrecôte und den schweren Rotwein verzichten mag. So widersprüchlich die beiden Charaktere auf den ersten Blick auch scheinen, so sehr schimmert unter der Oberfläche auch das gegenseitige Interesse aneinander durch. Dass das Wechselspiel zwischen den beiden Frauen den Film über weite Strecken trägt, liegt zum einen daran, dass Provost seine starken Figuren ernst nimmt und sie trotz einiger humorvoller Szenen nie der Lächerlichkeit preisgibt. Zum anderen agieren die beiden Hauptdarstellerinnen zusammen sehr intensiv, ohne sich gegenseitig ausstechen zu wollen. Catherine Frot (Claire) gelingt es dabei erstaunlich gut, gegen die unverwüstliche Catherine Deneuve (Beatrice) anzuspielen.

Darstellerinnen können Defizite des Films nicht überspielen

Sowohl Beatrice als auch Claire durchlaufen im Verlauf des Films notgedrungen einen Wandel – sonst gebe es ja nicht allzu viel zu erzählen. Auch dabei geben sich Deneuve und Fort alle Mühe, ihre Figuren aus der starren Anfangskonstellation zu befreien. In einige Szenen gelingt das auch ganz gut. Grandios ist zum Beispiel der Moment, in dem Claire in einen Spiegel blickt, ihre Haare öffnet und sich mit der Schminke und dem Parfum von Beatrice vertraut macht und dabei eine ganz neue Seite an sich entdeckt. Doch solche Szenen, in denen der Film seine Kraft nicht nur aus den pointierte Dialoge schöpft, sondern allein auf seine Bilder vertraut, gibt es leider zu wenige in "Sage Femme". Selbst die besten Darstellerinnen alleine können dieses Defizit nicht überspielen.

"Sage Femme" macht sich der Langeweile schuldig

Dass Martin Provost konsequent auf eine zurückhaltende Inszenierung setzt, möchte man ihm eigentlich nicht übelnehmen. Er verzichtet auf künstliches Licht ebenso wie auf eine aufdringliche musikalische Untermalung – dies trägt sicher viel zu der angenehm ruhigen Stimmung von "Sage Femme" bei. Es ändert allerdings nur wenig daran, dass es Provost kaum gelingt, die Geschichte von Beatrice und Claire substantiell zu verdichten. Sein Film hätte das Potential gehabt, sich mit einer großen Frage zu beschäftigen: Ist so etwas wie Vergebung in Anbetracht eines nahenden Todes möglich? Stattdessen verläuft die zunehmend seichtere Handlung recht bald in vorhersehbaren Bahnen. Hinzu kommen einige uninspirierte und überflüssige Nebengeschichten, wie z.B. die Auflösung von Claires Geburtsstation oder die Rolle ihres Sohnes, die den Fluss des Films zusätzlich lähmen. Am Ende erfüllt "Sage Femme" damit leider einen schwerwiegenden kinematographischen Straftatbestand: Langeweile.

Fazit: Sehr gut gespieltes, aber leider auch sehr vorhersehbares Drama über zwei Frauen, die sich an den Wunden ihrer Vergangenheit abarbeiten.

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Beitrag von Andreas Kötzing

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