Schauspielerin Blanca Suarez während der Pressekonferenz des Films "The Bar (El Bar)" (Quelle:Ekaterina Chesnokova/sputnik)

Filmkritik | The Bar - Tiefer in den Dreck geht nicht

Eine kleine Bar in Madrid wird zum Schauplatz eines dramatischen Überlebenskampfes. "El Bar" des spanischen Regisseurs Alex de la Iglesia ist eine Komödie über die grotesken Untiefen der menschlichen Existenz und ein Muss für Fans des schwarzen Humors. Von Ula Brunner

Es ist ein bitterböses Kammerspiel, das in einer kleinen Bar in Madrid beginnt und sich dann – auch räumlich – zu den ärgsten Untiefen der menschlichen Existenz vorarbeitet. Dieses Sujet ist nicht neu. Seit jeher ist die erzwungene Intimität in geschlossenen Räumen ein passendes Setting für zwischenmenschliche Dramen: Nicht nur in Sidney Lumets New-Hollywood-Kultfilm "Hundstage" (1975), auch in Sally Potters diesjährigem Wettbewerbsbeitrag "The Party" geht es im Kern um Leben und Tod. So auch in "El Bar", dem ersten spanische Beitrag, der am Mittwoch außer Konkurrenz im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale zu sehen ist.

Mikrokosmos der Gesellschaft in einer Bar

An einem ganz normalen Vormittag führt der spanische Filmregisseur Alex de la Iglesia ("Allein unter Nachbarn – La Comunidad", 2000) eine gute Handvoll X-beliebiger Menschen zusammen. Ein kleines Frühstückslokal wird zum Mikrokosmos der Madrider Gesellschaft und zum Schauplatz einer Geschichte zwischen existenziellem Drama, absurdem Theater und rabenschwarzer Komödie: Die junge attraktive Elena (Blanca Suárez) ist eigentlich unterwegs zu einem Date, der bärtige Nacho (Mario Casas) arbeitet in einer Werbeagentur, die verwitwete Trini (Carmen Machi) vertreibt sich wie jeden Tag die Zeit an den Spielautomaten, und der durchgeknallte Israel (Jaime Ordóñez) zitiert Bibelverse, während er auf ein paar freie Drinks aus ist.

Doch plötzlich wird einem älteren Herrn auf dem Weg nach draußen in der menschenleeren Straße in den Kopf geschossen. Ein weiterer Barbesucher, der ihm zu Hilfe eilen will, wird ebenfalls Opfer einer Kugel. Unter den verbleibenden Gästen bricht Panik aus.

Das Verhalten in Extremsituationen

Die Story zu "El Bar" ähnelt einer genau konstruierten psychologischen Versuchsanordnung über das menschliche Verhalten in Extremsituationen, von der Regie mit bewundernswerter analytischer Präzision in Szene gesetzt. Zunächst suchen die verängstigten Gäste nach vernünftigen Erklärungen: War es ein Terroranschlag, ein Scharfschütze?

Doch diese Erklärungsversuche laufen bald ins Leere, als die toten Körper vor der Tür plötzlich verschwunden sind, und stattdessen ein Polizeikommando einen Brand simuliert. Was ist, wenn das alles ein staatlich verordnetes geheimes Experiment über menschliches Verhalten in Extremsituation ist? Oder sich der Täter vielleicht sogar noch in der Bar befindet? Die Situation gleitet endgültig ins Absurde ab, als ein weiterer zombiehafter Toter in der Toilette aufgefunden wird: Gibt es, wie in der Horror-Serie "Walking Dead", einen schrecklichen Virus, den die Regierung verheimlichen will?

Abstieg in irrationale Ängste

"Die Angst zeigt uns, wer wir wirklich sind", heißt es irgendwann im Film. Im Kampf ums blanke Überleben – das macht De la Iglesia nur allzu deutlich – ist sich jeder selbst der nächste. Zivilisatorische Fassaden brechen auf, Verunsicherung, blinde Wut und Panik, aber auch Hilfsbereitschaft, kommen zum Vorschein. Dabei führt der Regisseur seine Protagonisten immer mehr ins Irrationale und in die abgründigsten Tiefen der menschlichen Existenz – auch dramaturgisch: Vom düsteren Keller der Bar geht es weiter in die eklige Kanalisation.

Der Abstieg in diese unterirdische Hölle funktioniert wie eine alptraumhafte Parabel auf irrationale Ängste und sinnentleerte moderne Überlebensstrategien. Zwar hat der Film gerade in den Keller- und Kanalisationssequenzen einige Längen, doch die ganze Geschichte ist insgesamt stimmig erzählt. Zugleich zitiert De la Iglesia, geradezu im Vorübergehen, Genres und Erzählmuster von Alfred Hitchcock bis hin zu "The Walking Dead" – und entwickelt dabei trotzdem seinen ganz eigenen aufgedrehten Stil.

Fazit: Ein rasanter Thriller über eine Gruppe von Menschen, die in einer Extremsituation auf sich selbst zurückgeworfen sind – und ein Muss für Freunde des schwarzen Humors.

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1 Kommentare

  1. 1.

    Für mich ist El Bar bisher das Highlight der Berlinale 2017, auch wenn ich sehe, dass ich da nicht mit Meinungen von Kritikern übereinstimme.
    Nahe am Herzinfakt steuere ich durch die Untiefen der menschlichen Spezie, die im Zweifelsfall bereit ist alles soziale über Board zu werfen um vermeintlich zu überleben.
    Die Kombi ais Thriller und tiefschwarzem Humor gab dem Publikum die Möglichkeit das Unerträgliche zu ertragen.
    fünf Sterne von mir

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