Die Schauspieler Kristin Scott Thomas und Bruno Ganz laufen bei der 67. Berlinale über den roten teppich und präsentieren ihren Film "The Party" (Quelle: dpa/ Britta Pedersen)

Filmkritik | The Party - Diese Party stellt alles auf den Kopf

In Sally Potters neuem Film geht alles Schlag auf Schlag: Hier wird in schlanken 71 Minuten eine Geschichte in Echtzeit erzählt – und in Schwarzweiß. Ein elegantes Experimentierstückchen, meint Ula Brunner.

Es ist schon ein bisschen ungewöhnlich, wenn ein Film zum Auftakt sein Kinopublikum in den Lauf einer Pistole blicken lässt. Aber Sally Potter fährt in "The Party" sprichwörtlich scharfes Geschütz auf. Und damit nicht genug: Auch in ihrem neuen Film begibt sich die englische Regisseurin und Autorin, die als eine der wichtigsten Vertreterinnen des feministischen Kinos gilt, künstlerisch auf unbekanntes Terrain.

Bereits ihr Spielfilmdebüt "Orlando", die Adaption von Virginia Woolfs 400 Jahre umfassendem Roman, sorgte 1992 für Furore und machte Tilda Swinton zum Star. 2009 wurde ihr sechster Spielfilm "Rage" als erster Film weltweit mit Handys uraufgeführt. Und nun also Nummer acht, "The Party", der in knappen 71 schwarz-weißen Filmminuten eine Geschichte in Echtzeit erzählt und dabei vieles zugleich sein will: ironische Erörterung der menschlichen Existenz, schwarzhumorige Abrechnung mit Rollenklischees, ein gewitzter Schlagabtauch über politische Ideale und eine mediale Reflexion über redundante narrative Muster.

Die schöne Party

Doch zurück zur Geschichte: Janet (Kristin Scott Thomas) richtet in ihrem Londoner Stadthaus eine kleine Party im engsten Freundeskreis aus. Ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett soll gefeiert werden, der Höhepunkt ihrer politischen Laufbahn. Während sie in der Küche werkelt und Ehemann Bill (Timothy Spall) im benachbarten Wohnzimmer mit einem Glas Rotwein und seiner Schallplattensammlung beschäftigt ist, trudeln nach und nach die Gäste ein: Janets bissige Freundin April (Patricia Clarkson) mit ihrem esoterischen Gatten Gottfried (Bruno Ganz), der attraktive Banker Tom (Cillian Murphy) und nicht zuletzt das lesbische Paar Martha (Cherry Jones) und Jinny (Emily Mortimer), das Drillinge erwartet.

"Gottfried, shut up"

Sally Potter inszeniert ihre starbesetzte Satire im Stil einer Screwball-Komödie, mit schlagfertigen Dialogen, Sprachwitz, galligem Humor und mit einem ausgesprochen guten Gefühl für Pointen und Rhythmus. Natürlich werden auch die Geschlechterrollen aufs prächtigste auf den Kopf gestellt: "Gottfried, shut up", zischt ihm seine Ehefrau genervt zu, wenn Bruno Ganz, alias Gottfried, mal wieder von Seelenverwandtschaft und anderen esoterische Halbweisheiten fabuliert.

Die chronologische Handlung macht Schauplätze und Nebenschauplätze auf: Tom kokst in der Toilette, Janet telefoniert heimlich mit ihrem Liebhaber und im Wohnzimmer debattiert man derweil über den erwarteten Nachwuchs, über das marode Gesundheitssystem oder über den Sozialstaat. Angeheizt von den spöttischen Kommentaren Aprils gerät die Stimmung zunehmend in Schieflage und kippt endgültig, als Bill seine Frau und die Gäste unerwartet mit zwei Enthüllungen schockiert.

Rasante Achterbahnfahrt

Der thematische Rundumschlag im engen Zeitkorsett von 71 Minuten ist überaus unterhaltsam. Die Schauspieler laufen zur Hochform auf, der Film ist leichthändig erzählt, die Ereignisse purzeln nur so in die Handlung. Gleichzeitig behält Potter die Erzählfäden geschickt in der Hand, so dass nach dieser rasanten filmischen Achterbahn am Ende selbst die Pistole ihr eigentliches Ziel findet.

Dass hier alles Schlag auf Schlag kommen muss, versteht sich von selbst. Schade ist allerdings, dass der Film wenig Nachklang hat. "The Party" ist ein bisschen wie Roman Polanskis "Gott des Gemetzels" im Schnelllaufmodus. Am Ende dieser rasanten Achterbahnfahrt kommt man doch recht geplättet aus dem Kino und fragt sich, was um Himmels Willen hier eigentlich passiert ist?

Fazit: Ein unterhaltsames Filmvergnügen, gut geeignet für den schnellen Kinobesuch "zwischendurch".

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

RSS-Feed
  • Stephan Karkowsky (Quelle: rbb/radio eins)

    Stephan Karkowsky

  • Reiner Veit (Quelle: rbb)

    Reiner Veit

  • Filmbewertung Ula Brunner (Quelle: rbb)

    Ula Brunner

  • Anke_Sterneborg (Quelle: rbb/ Gregor Baron)

    Anke Sterneborg

  • Filmbewertung Silke Mehring 3 (Quelle: rbb)

    Silke Mehring

  • Filmbewertung Fabian Wallmeier (Quelle: rbb)

    Fabian Wallmeier

Beitrag von Ula Brunner

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

Das könnte Sie auch interessieren