Sie sind hier:
rbbonline


Graphic Novels fallen unter die Kategorie Comic, sind aber sehr häufig alles andere als lustig. Anspruchsvolle Bildergeschichten für alle Altersstufen sind gefragte Artikel im Weihnachstgeschäft. Lina Kokaly stellt ihre drei Favoriten des Jahres 2012 vor.
Eingemummte Männer in dicken Anoraks mit Pelzkragen kämpfen sich durch Eis und Schnee - ein Forschungsteam auf der Suche nach dem Nordpol. Ganz vorne läuft Matthew Henson gegen den Schneesturm an. Wir schreiben das Jahr 1909 und Henson wird als erster Mensch den Nordpol erreichen. Doch kaum jemand kennt diesen Polarforscher – denn Henson ist schwarz.
"Packeis" heißt der Comic, der die bewegende Geschichte eines vergessenen Forschers erzählt. Simon Schwartz, der Autor und Zeichner, ist einer der vielversprechendsten Talente der deutschen Comic-Szene. Er nimmt das Leben der historischen Persönlichkeit zum Anlass, eine Geschichte in eindrücklichen Bildern zu schildern. Dabei fühlt er sich nicht immer strikt an die Fakten gebunden – und schafft doch ein stimmiges Bild.
Besonders gelungen ist der nicht chronologische Handlungsverlauf von "Packeis". Die Erlebnisse Hensons als junger Mann mischen sich mit denen seiner letzten Berufsjahre. Schwartz verdeutlicht so, dass die amerikanische Gesellschaft sich hinsichtlich der gehegten Vorurteile nicht sonderlich weiterentwickelt hat. "Packeis" ist der beste deutsche Comic 2012, befand die Jury des Max und Moritz-Preises, einer der wichtigsten deutschen Comic-Auszeichnungen.
Nach einem Drittel dreht die Autorin den Spieß um
Einen einsamen Friseur, seine exzentrische Mutter und eine melancholische Verkäuferin porträtiert die französische Autorin Camille Jourdy. "Rosalie Blum" heißt ihr wunderschöner Comic. Vincent, ein einsamer Frisör, sieht die Verkäuferin Rosalie und kann von nun an nur noch an sie denken.
Es ist nicht unbedingt Liebe, eher eine gesteigerte Faszination. Vincent folgt Rosalie, findet heraus, wo sie wohnt, wie sie ihre Freizeit verbringt – und wird so zu ihrem Stalker. Jourdy erzählt eine eindrückliche facettenreiche Geschichte. Ihr Held wird von seiner pflegebedürftigen Mutter tyrannisiert, von seiner Freundin betrogen und emanzipiert sich im Handlungsverlauf auf ganz eigene Art.
Nach dem ersten Drittel des fast 400 Seiten starken Comics hat der Leser gerade die sonderbaren Figuren lieb gewonnen – da dreht die Autorin unerwartet den Spieß um. Von nun an erzählt sie die Geschichte aus einer anderen Perspektive. So kann der Leser zurückblättern und die detailreichen Bilder von einer anderen Warte aus betrachten – ideal für das Genre Comic.
Anti-Love-Pills sorgen für einen kühlen Kopf
Auf James Bond wartet eine ernstzunehmende Konkurrentin. Die Heldin der neuen Comic-Reihe von Aisha Franz heißt Brigitte – und ist eine Hündin auf geheimer Mission. Als Agentin spielt sie gekonnt mit ihren tierischen Reizen und überwältigt heimtückisch Bösewichte. Außerdem kann sie gut tauchen, lautlos einbrechen und kaltblütig töten – und sie hat dennoch ein Herz für die, die sich nicht selbst helfen können. Das Beste aber ist Brigittes Geheimwaffe: Ihre Anti-Love-Pills helfen der Agentin, auch in knisternden Situationen einen kühlen Kopf zu behalten.
Der jungen Berliner Künstlerin Aisha Franz reichen in "Brigitte und der Perlenhort" nur wenige verwischte Bleistiftzeichnungen, um überaus sympathische und lebensnahe Personen, oder eben Hunde, zu erschaffen. Zu Recht wurde sie dieses Jahr mit dem Sondermann-Preis für Newcomer ausgezeichnet – einer der wichtigsten Comic-Preise Deutschlands.
Keiner der dreivorgestellten Bände gehört in Kinderhände. "Packeis" ist traurig, "Brigitte" brutal und in "Rosalie Blum" finden sich abwegige Sexfantasien. Alle drei sind aber anspruchsvolle Comics für Buchliebhaber, die beweisen, dass das Genre blüht.
Lina Kokaly, Kulturradio
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/buecher/themen/beste_graphicnovels.html