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Das Internationale Literaturfestival Berlin (ILB) ist nicht einfach nur ein Fest für Autoren, die gut vorlesen, und Leser, die gerne zuhören - es ist ein Treffen der großen und kleinen Literaten aus aller Welt, ein Event, bei dem es um Kunst, Politik und andere Leidenschaften geht. Und natürlich ums Erzählen.
Zuerst die Zahlen: An 12 Tagen werden 186 Autoren aus 56 Ländern während 126 Veranstaltungen sich und ihre Bücher dem Berliner Publikum vorstellen. "Europe Now" ist das Kernthema, der Fokus, auf den sich alles konzentriert, der als "literarischer Rettungsschirm" verstanden werden soll. Was ist Europa, was passiert in Europa und wie sehen Literaten und Künstler auf anderen Kontinenten dieses Europa? Klingt politisch; genau das ist gewollt. "Wir sind ein politisches Festival. Jeder Besucher entscheidet für sich, wie politisch", so Festivalleiter Ulrich Schreiber.
Positionen
Eine Benefizveranstaltung für die in Russland verurteilten und inhaftierten Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot (08.09.2012, 19:30 Uhr) machen das Literaturfestival ebenso politisch, wie das Gespräch zwischen dem US-amerikanischen Soziologen Richard Sennet und dem deutschen Philosophen Richard David Precht darüber, "was unsere Gesellschaft zusammenhält" (11.09.2012, 21:00 Uhr, alle Veranstaltungen soweit nicht anders angegeben im Haus der Berliner Festspiele). "Europe Now heisst: zu verstehen, dass es in Europa immer mindestens 27 verschiedene Standpunkte gibt - und alle gleich ernst zu nehmen und als Bereicherung zu empfinden. Europa ist ein Prozess, eine Erfahrung. Und die wird immer reicher und immer wichtiger", meint Thomas Böhm, ILB-Programmleiter.
Grenzüberschreitungen
Reich an Erfahrung sind sie, die Macher des ILB. Für Festivalleiter Ulrich Schreiber ist es das 12., für Programmleiter Thomas Böhm das erste. In Köln arbeitete Böhm jahrelang für das ansässige Literaturhaus. Gemeinsam mit dem Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, mit dem Leiter des Kinder- und Jugendprogramms, Christoph Peter, und einem fachkundigen Team entstand ein Programm, das vor allem die bislang unerhörten Geschichten hörbar machen und die gewachsenen Grenzen zwischen Religionen, Kulturen und Wahrnehmungen verständlich und überwindbar machen soll. Thomas Oberender ist der Überzeugung: "Festivals, und ein Festival wie das Internationale Literaturfestival insbesondere, sind sehr gute Möglichkeiten solche Grenzüberschreitungen zu verstehen und zu erfahren. Vielleicht gibt es, im gelungenen Fall, keine Grenzen?"
Hochkarätiger Start
Am Dienstag, eine Stunde vor dem eigentlichen Start des ILB, wurde in ganz Berlin gelesen. "Berlin liest" war eine Performance, bei der viele prominente und weniger bekannte Bücherfans mitmachten, indem sie an unterschiedlichen Orten in der Stadt öffentlich vorlasen. So wie rbb-Intendantin Dagmar Reim und der Regisseur und Autor Robert Wilson, die vor dem Haus der Berliner Festspiele auftraten.
Mit einer Rede des chinesischen Dichters und Dissidenten Liao Yiwu wurde dann das 12. Internationale Literaturfestival Berlin 2012 offiziell eröffnet. Liao Yiwu gelang erstmals 2010 und mit Hilfe des ILB die Ausreise nach Deutschland, zu einer Lesung in Berlin. Der Chinese beschrieb das Wirken des 17. Gyalwa Karmapa, des dritthöchsten Würdenträgers des buddhistischen Lamaismus nach Dalai Lama und Panchem Lama.
Weitere Publikumsmagneten während des Festivals sind Nobelpreisträgerin Hertha Müller (06.09., 19:30 Uhr), die erstmals ihre dritte Sammlung von Gedichtcollagen unter der Überschrift "Vater telefoniert mit den Fliegen" präsentiert; John Green, der aus seinem neuen, weltweit viel gelobten und sehr verstörenden Roman "Das Schicksal ist ein mieser Verräte" vorlesen wird (11.09., 9:00 und 19:30 Uhr); außerdem Georg Seeßlen mit Markus Metz (05.09., 19:00 Uhr), David Mitchell (10.09., 21:00 Uhr) und Zeruya Shalev (14.09., 21:00 Uhr).
Absender - noch - unbekannt
Selbst Literaturkenner finden im Programm des ILB Autoren, von denen sie noch nie zuvor gehört haben, obwohl sie in ihrer Heimat Literaturgrößen sind. Unbedingt empfehlenswert: Abdol Khal. Seinen ersten Roman schrieb er mit 17 Jahren. Heute, 43 Jahre später, kann er stolz auf mehrere Romane, Erzählbände und die Auszeichnung mit dem International Prize for Arabic Fiction für seinen Roman "Tarmi bi Sharar" (2007; übersetzt: "Funken sprühen so groß wie Schlösser") blicken. Und das, obwohl einige seiner Bücher in Saudi-Arabien wegen "unmoralischer Themen" verboten sind. Bislang erschien keines seiner Bücher auf Deutsch. Vielleicht wird sich das ändern, wenn er hierzulande "Spewing Sparks As Big As Castles" vorgestellt hat, die Geschichte eines Auftragsmörders in Diensten eines mysteriösen und sadistischen Palastbesitzers, der sich an den gefilmten Aufnahmen der gequälten Besucher seines Hauses erfreut (12.09., 21:00 Uhr).
Eigentlich ist Ma Thida aus Myanmar (ehemals Burma bzw. Birma) Chirurgin, doch ihre große Leidenschaft neben der Medizin ist das Schreiben. Ihr sowohl medizinisches, als auch schriftstellerisches Engagement für die Demokratiebewegung in ihrer Heimat führten 1993 zur Festnahme, Verurteilung und Inhaftierung. Seit ihrer Freilassung im Jahr 1999 reist sie um die Welt, nimmt an Schriftstellerprogrammen, Podiumsdiskussionen und Literaturfestivals teil. Während des ILB stellt sie ihren aktuellen Roman "The Roadmap" vor, für den sie 2011 mit dem norwegischen "Freedom of Speech Award" geehrt wurde. Das Buch beschreibt die Veränderungen in Myanmar anhand einer Familiengeschichte über zwei Jahrzehnte hinweg (15.09., 15:00 Uhr).
Es ist ein Thriller, eine Liebesgeschichte und eine politische Satire, die Antonio Ungar in seinem Roman "Drei weiße Särge" erzählt. Der Kolumbianer zählt zu den aufregendsten Autoren zeitgenössischer Literatur seines Landes. Ungar hat europäische Wurzeln. Seine jüdischen Großeltern stammen aus Wien in Österreich. Als Journalist schreibt er für internationale Magazine. Seine erste schriftstellerische Publikation hatte er bereits im Jahr 1999 (14.09., 19:30 Uhr, Instituto Cervantes).
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