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Erwin Strittmatter war einer der bedeutendsten Schriftsteller der DDR. Nach der Wende wurde bekannt, dass er der Stasi zugearbeitet hat. Außerdem stellte sich posthum heraus, dass er im 2. Weltkrieg Mitglied einer Polizeieinheit war, die ähnliche Aufgaben wie die Waffen SS zu erfüllen hatte. Am 8. August 2012 wäre er 100 Jahre alt geworden. In seiner Herkunftsstadt Spremberg wird der Umgang mit dem Jubilar kontrovers diskutiert.
Er war Bestsellerautor, leidenschaftlicher Landmensch, Staats- und Lebenskünstler: Am 14. August würde der 1994 verstorbene Schriftsteller Erwin Strittmatter 100 Jahre alt. Rund um das Jubiläum werden seine Werke gefeiert. So wurde in seinem Geburtsort Spremberg erstmals öffentlich die preisgekrönte fünfstündige Verfilmung seiner "Laden"-Trilogie im Spree-Kino gezeigt. Und das Dorf Dollgow (unweit von Schulzenhof, wo er verstarb) ehrt ihn mit einem Literaturwochenende vom 10. bis 12. August. Am Staatstheater Cottbus wird "Der Laden" zum Bühnenspektakel und der Erwin-Strittmatter-Verein in Bohsdorf (wo das Gutshaus steht, in dem "Der Laden" verfilmt wurde) feiert ihn mit einer Reihe von Veranstaltungen.
Eine Vergangenheit für jeden Anlass
Doch die posthume Verehrung des knorrigen eigenwilligen Gutsbesitzers und Pferdezüchters als Literat und moralische Instanz wird gestört durch die Erkenntnisse, die die Publizistin Annette Leo in ihrer jüngst im Aufbau Verlag erschienenen Biografie zusammengetragen hat. Endgültig bringt sie Licht ins Dunkel der Kriegsjahre Erwin Strittmatters. Zu Lebzeiten hatte sich der langjährige Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes eine Biografie zurecht gelegt, in der er diese Zeit nach Bedarf beschönigte oder Teile ausblendete. Das Wunschdenken, mit dem er sich seine Vergangenheit schön schrieb, gipfelte in der Aussage, im Zweiten Weltkrieg nie eine Gewehr- oder Pistolenkugel abgeschossen zu haben.
Dem widerspricht Biografin Leo jetzt mit einer grundlegenden Korrektur des Strittmatter-Bildes. Danach hat sich der nach einer Bäckerlehre in der Thüringischen Zellwolle AG in Rudolstadt-Schwarza beschäftigte Strittmatter Mitte September 1939 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, im Oktober desselben Jahres zur Schutzpolizei und im April 1940 zur Waffen-SS. Tatsächlich ging er dann zu einem Polizeigebirgsjägerregiment, das im Kampf gegen Partisanen in Slowenien und Griechenland eingesetzt wurde. Als Kompagnieschreiber war er, so die Biografin, auf jeden Fall Zeuge von sogenannten Säuberungsaktionen unter der Zivilbevölkerung. Und: Obwohl seine Regimenter nicht Teil der SS waren, hätten sie doch "ähnliche Aufgaben" erfüllt.
Mit gleichlautenden Behauptungen hatte der Germanist Werner Liersch bereits vor vier Jahren am Strittmatter-Monument gerüttelt. Annette Leo hat ihre fundierten Erkenntnisse jetzt im wesentlichen aus diversen Archiven und den Briefen rekonstruiert, die der Kriegsteilnehmer zwischen 1939 und 1942 an seine Eltern und Geschwister schrieb. Darin zeigt sich der spätere glühende Antifaschist wie die meisten seiner Generation als williger Mitläufer, wenngleich er Zweifel am Endsieg anmeldet und durchaus Empathie für die von den Aktionen betroffene Landbevölkerung empfindet. Nach langem Ringen mit sich hatten die Söhne Jakob und Erwin der Biografin Einblick in die Schulzenhofer Archivbestände gewährt.
Er hielt der SED bis 1990 die Treue
Im Juni 1945 gab Erwin Strittmatter auf dem Formular einer Meldebehörde erstmals "Schriftsteller" als Beruf an. Zwei Jahre später trat er in die SED ein, der er bis 1990 die Treue hielt, auch wenn er immer wieder auf Distanz zur als "Sekte" empfundenen Partei ging, wie sich aus seinen Tagebüchern 1954-1973 "Aufzeichnungen aus meinem Leben" herauslesen lässt. Doch er lavierte und taktierte - als Funktionär im Schriftstellerverband, gegenüber den Aufständen am 17. Juni, in Ungarn und der Tschechoslowakei, Abweichlern aus den eigenen Reihen, der Biermann-Ausbürgerung. "Er begründete seine Haltung vor sich selbst stets mit dem Werk, das er schaffen müsse und das Vorrang vor allen anderen Erwägungen haben sollte", schreibt Annette Leo. Wohl auch deswegen kooperierte er ab September 1958 einige Jahre mit der Staatssicherheit und verfasste nachweislich acht Berichte.
Mit 38 Jahren brachte der Roman "Ochsenkutscher" ihm den Durchbruch und den ersten von mehreren Nationalpreisen. Ab 1954 lebte Erwin Strittmatter zurückgezogen auf dem Schulzenhof im Ruppiner Land. Dort entstand sein umfangreiches von seiner eigenen Herkunft auf dem Dorf und bäuerlichen Lebenswelten geprägtes Werk. Auf den nur im zähen Kampf mit der Kulturbürokratie durchzusetzenden Roman "Ole Bienkopp" mit "seiner Art von positiver Sozialismuskritik", wie Biografin Leo es nennt, folgte die "Wundertäter"-Trilogie (1977-1980) und ab 1983 dann die "Laden"-Trilogie, mit der er der Stadt Spremberg und dem Dorf Bohsdorf ein Denkmal des sorbisch-deutschen Lebens in den 1920er und 30er Jahren und der Nachkriegszeit setzte.
Spremberg lehnt offizielle Feier ab
Auch auf den Familienmenschen wird durch die Veröffentlichung seiner eigenen Aufzeichnungen und die neue Biografie jetzt ein anderes Licht geworfen. Der jähzornige Egomane und von Depression und Krankheit geprägte Poltergeist prügelte seine Kinder und degradierte seine dritte Ehefrau, der Lyrikerin Eva Strittmatter, die ihm fast 40 Jahre zuarbeitete, als Heimchen am Herd. Erwin Strittmatter hatte acht Kinder aus drei Ehen. Die Erstgeborenen kamen vorübergehend bei den Großeltern oder in Heimen unter, weil der Vater sie nicht um sich haben konnte. "Er war streng und auf sich fixiert. Sein unwahrscheinliches Arbeitspensum ließ ihm nicht viel Zeit, um die kindlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Großen Austausch von Zärtlichkeiten hat es nicht gegeben", berichtete sein inzwischen 72jähriger Sohn Knut aus erster Ehe bei einer Podiumsdiskussion in Spremberg, wo die Mehrheit der Stadtverordneten eine offizielle Feier des 100. Geburtstages ihres Ehrenbürgers wegen der verschwiegenen Kriegsvergangenheit abgelehnt hat.
Bei dieser Diskussion im Juli 2012 wurde zu "mehr Gelassenheit" im Umgang mit dem Erbe Strittmatter aufgerufen, wie sie letztlich auch Biografin Annette Leo nahelegt. Denn der von zwei Diktaturen geprägte Schriftsteller war typischer Vertreter einer Generation, die im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich geladen hatte, sich dazu nicht bekennen mochte und sich umso glühender in den Aufbau eines anderen besseren Deutschlands stürzte. In Strittmatters in über 40 Sprachen übersetztem Werk speisen sich die utopischen Impulse allerdings weniger aus der Staatsdoktrin als aus der Idealisierung eines der Großstadt abgewandten, vorindustriellen, freien Selbstversorger-Lebens auf dem Lande.
Ute Büsing
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/buecher/themen/strittmatter.html