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Am 11. Januar hatte am Potsdamer Hans Otto Theater eine Neuinszenierung von Shakespeares "Das Wintermärchen" Premiere. Jörg Albinsky schildert seine Eindrücke.
Das Thema
Was Shakespeare mit seinem "Wintermärchen" so alles sagen wollte, sei jetzt mal dahingestellt. Am Hans-Otto jedenfalls läuft die Story so: Ein König wird eifersüchtig, einfach so, ganz grundlos. Alle anderen können das nicht nachvollziehen und sind ganz und gar ratlos. Da wird der König noch wütender und ruiniert alles. Ausweglosigkeit macht sich breit. Doch dann kommt die Pause und hernach bricht ein Hüttengaudy über die Zuschauer los: Da tanzen als Zigeuner verkleidete Schauspieler über die Bühne, Konfetti regnet auf die balkaneske Szenerie, ein Königssohn weint und ein adipöser Kleinkrimineller versucht sich am Singen und Scherzen. Auch irgendwie grundlos.
Die Inszenierung
Ja, hier inszeniert der Chef noch selbst. Intendant Tobias Wellemeyer hat es mit erstaunlicher Präzision geschafft, das Stück sämtlicher Finessen und Geistesblitze zu berauben. Boah, is der eifersüchtig der König, denkt das Publikum, und dann denkt es noch, echt, Wahnsinn, so eifersüchtig, boah! Nach der Pause dann kann das Denken getrost eingestellt werden, es wird ja schließlich gesungen. Die lebensfrohen Zigeuner drehen sich wie die Brummkreisel, als müssten sie im Anschluss noch beim Frühlingsfest der Volksmusik auftreten. Sogar Kunstschnee kommt von der Decke, und der König? Na? Noch eifersüchtig? Nee, keine Spur, alles gut.
Die Darsteller
Es ist nicht fair, alle über einen Kamm zu scheren. Sei's drum. Niemand fällt hier wirklich auf (und somit auch nicht raus). Alle spielen gerade weg. Im ersten Teil gibt es sogar einige berührende Szenen, weil der Regisseur sie noch agieren lässt. Zum Ende hin rühren aber alle nur noch einer konturlosen Soße, die auf Effekte setzt.
Das Bühnenbild
Die Zigeuner, von denen behauptet wird, sie seien auch als Hüter im Nutztiergewerbe tätig, sehen aus, wie diese niedlichen kleinen Sinti-und-Roma-Puppen aus dem Kunstgewerbe, zumindest wenn sie weiblich sind. Alle höfischen Akteure sind halbwegs gut gekleidet. Also alles wie im wahren Leben. Die Kostüme harmonieren prächtig mit einem Bühnenbild, das so inspirierend ist, wie das aus der 126. Eugen-Onegin-Vorstellung am Semipalatinsker Stadttheater. Irgendwas muss ja auch schließlich auf der Bühne stehen, nicht wahr?
Die Publikumsreaktionen
Das Publikum klatscht - eigentlich auch irgendwie grundlos.
Der Spaßfaktor
Die ganze Zeit fragt man sich, wie er das gemacht hat, der Regisseur. Da die Inszenierung auch im Vollsuff noch verständlich wäre, wundert man sich, das sie nicht langweilig ist. Tatsächlich gibt es auch ohne störende Gedanken so etwas wie einen unsichtbaren Spannungsbogen und außerdem tun die gut zwei Stunden niemandem weh. Der weinende Prinz schluchzt zwar wie gesagt zwischendurch mal kurz auf, aber da keiner der anwesenden Schauspieler auf der Bühne davon Notiz nimmt, hat auch das Publikum den kleinen Soap-Einschub schnell vergessen. Nein, wenigstens ist es nicht langweilig.
Jörg Albinsky
© Rundfunk Berlin-Brandenburg