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Ist "Peter Grimes" eine Entdeckung? Ja, unbedingt. Zwar hat die Oper ihren Komponisten schon in den 40ern berühmt gemacht. Aber so wie sie jetzt inszeniert ist, muss man sie einfach sehen, findet Jörg Albinsky.
Das Thema
Zur Hölle mit eurer Gnade, sagt Peter Grimes den Dorfmitbewohnern. Zur Hölle mit euch, will er damit sagen. Der Fischer Grimes ist ein Außenseiter im Dorf, und doch gehört er dazu, trotz der Ablehnung, trotz der Vorurteile, die die anderen ständig nähren. Doch Grimes ist alles andere als ein Antiheld. Um zu Status und Geld zu gelangen, muss er seine Fangquote erhöhen und nutzt dafür Jungen aus dem Armenhaus, die er äußerst brutal behandelt und Tag und Nacht für sich schuften lässt. Als der zweite dieser Jungen (ebenso wie der erste) bei einem Unfall ums Leben kommt, kann auch Grimes große Liebe, Ellen Orford, ihm nicht mehr helfen.
Die Inszenierung
Grimes ist Täter, Grimes ist Opfer - von Beginn an macht das David Alden mit seiner Inszenierung klar. Hier ist nichts schwarz oder weiß und der US-amerkikanische Regisseur findet dafür in über dreieinhalb Stunden immer neue faszinierende Bilder. Alden setzt ganz auf die ausgeklügelte Psychologie des Stücks, das nie verurteilen will, sondern Menschen als Getriebene der Umstände zeigt: Etwa wenn die Dorfbewohner aus dem Gottesdienst kommend ihre Bibeln wie Stimmkarten in die Höhe halten, um über Grimes den Bann zu sprechen. Oder wenn beim Dorffest die Trostlosigkeit in Perversion und Hurerei umschlägt. Alden nimmt alle ernst. Er entfacht via Oper einen Film, den so kaum jemand aus Opernlibretti zu erzeugen vermag - vielschichtig, niemals sozial-kitschig, vor allem aber spannend. Mehr geht eigentlich nicht.
Die Sänger
Die Anspannung der Premiere: Zu Beginn holpert es noch ein wenig bei Michaela Kaune (Ellen Orford). Aber dann schwingt sich Grimes wahre Freundin auf in ein fein gewebtes Netz, das bei der kleinsten Berührung in Schwingung gerät, die sich über den ganzen Saal verbreitet. Christopher Ventris (Peter Grimes) zieht ohnehin vom Fleck weg in seinen Bann und auch Semi-Rollen wie die der Kaschemmenbetreiberin sind grandios besetzt: Rebecca de Pont Davies singt ihre Alt-Partie so rauchig-weich, dass man am liebsten selbst einkehren möchte in der Dorfkneipe. Dazu ein Operchor, der bedrohlich das Stück durchwebt und auch die durchaus anspruchsvollen Passagen in Brittens hochemotionaler Musik ganz selbstverständlich singt.
II. Akt, 1. Szene
Worte bieten sich dafür nicht an: Es gibt ein Quartett im zweiten Akt von so überirdischer Schönheit, dass man allein dafür hingehen sollte. Vier Frauen, mehrere Generationen, ein seltsam fremder Klang. Das ist Britten jenseits der 40er Jahre - das bleibt.
Das Bühnenbild
Links, rechts, hinten, oben: Vier riesige Klapptafeln liefern das Bild, in dem gefischt, geurteilt, misshandelt und gestorben wird. Vier Wände, die Paul Steinberg auf´s immer Neue gruppiert. Der Bühnenbildner legt sie in Falten wie ein Leporello. Er lässt eine bedrohlich von der Decke absenken oder zwei andere weit zu einem Meeresraum spannen. Das stimmt und geht zusammen mit den Kostümen der 40er Jahre (Brigritte Reiffenstuel). Immer wieder will man den Anzügen und Kleidern plumpen Naturalismus vorwerfen und kann es nicht, weil es einfach passt: Die Inszenierung erzwingt Denken - von einem wunderbar dezent komponierten Licht (Adam Silvermann) unterstützt.
Die Publikumsreaktionen
Keine Kritik in der achten Reihe, kein Buh vom Rang: Die 1859 Besucher der Premiere sind begeistert und zeigen das auch.
Der Spaßfaktor
Wer über solch eine herausragende Inszenierung schreiben muss, fühlt sich immer ein wenig billig, wie ein PR-Agent vielleicht, für all das Loben und Preisen. Aber "Peter Grimes" ist eben so wie es ist, gut, und wenn das zu sagen werblich ist, dann sei´s drum. Dies hier ist ganz klar eines: eine Werbung.
Jörg Albinsky
© Rundfunk Berlin-Brandenburg