Sie sind hier:
rbbonline


Die Bewohner des Dorfes Klein Leppin in der Prignitz führen in diesem Jahr bereits zum achten Mal eine Oper auf. Als Schauspielhaus fungiert dabei ein ehemaliger Schweinestall im Dorfzentrum.
Ob Pamina und Tamino aus der Zauberflöte, der Freischütz oder Romeo und Julia – sie alle traten schon auf im alten Schweinestall von Klein Leppin. Und auch an diesem Wochenende werden wieder Hunderte Musikfreunde in das 70-Seelen-Dorf in der Prignitz pilgern. Die Verwechslungskomödie "Der Wildschütz" von Albert Lortzing steht auf dem Programm. "Dorf macht Oper“ heißt das Motto, Laien und Profis spielen und singen gemeinsam.
Der Klein Leppiner Opernchor vereint Amateure aus der ganzen Region – die Verkäuferin, den Pastor, den Apotheker und die Landwirtin. Letzere, Martina Christlieb aus dem Nachbardorf Schrepkow, ist schon das achte Mal dabei, also von Anfang an. Ihre Partien hat sie bei der Arbeit geübt – auf dem Traktor. "Da hört keiner, wenn ich mal falsch singe", sagt sie. Außerdem hat sie alle Chorpassagen mit ihrem Handy aufgenommen, so konnte sie sich bei der Arbeit Kopfhörer aufsetzen und laut mitsingen.
Laien und Profis gemeinsam auf der Bühne
Die meisten Musiker spielen sonst im Rundfunk–Sinfonieorchester Berlin, in Klein Leppin treten sie ehrenamtlich auf. Die Gesangssolisten sind zumeist Studenten, diesmal einige von der Universität der Künste in Berlin (UdK), die kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung stehen. Wie Bariton Michael Rapke, der im "Wildschütz" den Grafen singt. "Hier können wir uns in großen Rollen ausprobieren", sagt er. Besonders freut ihn die Begegnung mit so vielen Leuten, "die mit Herz und Seele dabei sind".
Wer nicht mitsingt im Opernchor, backt Kuchen, schneidert Kostüme, bastelt Masken oder hilft beim Bauen der Bühne. Die musste in diesem Jahr besonders aufwendig zusammengezimmert werden, denn gespielt wird draußen – der Schweinestall ist für diese Oper zu klein, dient nun als Kulisse. Erstmals entstand auch eine Zuschauertribüne im Freien. "Ein hartes Stück Arbeit war das", meint Organisatorin Christina Tast. Und freut sich, dass viele ihre Hilfe anboten, die Freiwillige Feuerwehr aus Bendelin oder Bauern, die ihre Technik zur Verfügung stellten.
"Kulturelle Bildung auf höchstem Niveau"
Mitte der 90er Jahre waren Christina und Steffen Tast nach Klein Leppin gezogen – sie Innenarchitektin, er Geiger in Berlin. Angefangen hatte alles mit ein paar Hofkonzerten für Nachbarn. Dann wurden die Konzerte größer, 2003 entstand der "FestLand e.V.". Christina Tast ist die Vorsitzende, ihr Mann Steffen Tast musikalischer Leiter und Dirigent der Aufführungen.
Längst hat der Festland-Verein mit dem Projekt "Dorf macht Oper" bundesweit Anerkennung gefunden. "Kulturelle Bildung auf höchstem Niveau" wurde den Klein Leppinern bescheinigt, als sie 2010 von Kulturstaatsminister Neumann ausgezeichnet wurden. Und im vergangenen Jahr wurde Klein Leppin "Ausgewählter Ort" im bundesweiten Wettbewerb "Land der Ideen". Außerdem gab es den Unternehmerpreis des Ostdeutschen Sparkassenverbandes als "Verein des Jahres".
Viel Enthusiasmus
Wunderbar sei diese öffentliche Aufmerksamkeit, meint Christina Tast und gewiss auch nützlich, damit Förderer und Sponsoren dem Vorhaben gewogen bleiben. Doch viel wichtiger noch seien die gemeinsame Freude und der Spaß in fast familiärer Atmosphäre. Die Klein Leppiner Operninszenierungen führen ganz verschiedene Menschen zusammen. Der junge Bariton Michael Rapke aus Berlin fühlt sich ermutigt und bestätigt von so viel Enthusiasmus: "Dann weiß man, wofür man das macht. So könnte Oper viel öfter sein, einfach zum Mitmachen. Dann haben die Leute mehr davon, als wenn sie sich nur reinsetzen und zuhören."
Wolfgang Heidelk
rbb Regionalbüro Perleberg
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/buehne/themen/oper_im_schweinestall.html