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Es ist ein bisschen ruhiger um ihn geworden. Heute erschüttert Rosa von Praunheim nicht mehr die Nation mit seinen schwulen Filmen. Und auch spektakuläre Outings von prominenten Homosexuellen sind von ihm kaum zu erwarten. Aber der umstrittene Selbstdarsteller, Regisseur, Schriftsteller und Ex-Hochschulprofessor mischt immer noch kräftig mit. Etwa 70 Dokus, Porträts und Spielfilme hat Rosa von Praunheim seit 1969 gedreht: prall wie das Leben, sinnlich, bunt. Jetzt hat er anlässlich seines runden Geburtstags nochmals 70 neue Kurzfilme nachgelegt. Wie schafft der Mann das nur? Kunst, Aktionismus und das, was andere als das ganz normale Leben bezeichnen, gehen bei ihm wohl schon immer nahtlos ineinander über.
Der Kunststudent aus Riga
In vielerlei Weise ist Rosa von Praunheims Geschichte auch eine Berliner Geschichte – obwohl sie im lettischen Riga begann. Dort wird er am 25. November 1942 während der deutschen Besatzung als Holger Radtke geboren und noch als Baby von der Familie Mischwitzky adoptiert. Die Mischwitzkys ziehen nach Teltow-Seehof am Rande Berlins und flüchten 1953 in die Bundesrepublik. Die Familie wohnt zunächst im Rheinland, später in Frankfurt am Main.
Holger, alias Rosa, geht nach der mittleren Reife vom Gymnasium ab. Er studiert ein Jahr lang an der Kunstschule Offenbach. Anfang der 60er-Jahre wechselt er an die Abteilung Freie Malerei an die Hochschule für Bildende Künste nach Berlin. Einen Abschluss macht er nicht, bringt aber erfolgreich erste Bücher und Kurzfilme heraus. 1967 legt er sich seinen Künstlernamen Rosa von Praunheim zu: "Praunheim" nach dem Frankfurter Stadtteil, in dem er wohnte, "Rosa" für den Rosa Winkel mit dem homosexuelle KZ-Gefangene von den Nazis gebrandmarkt wurden.
Schrittmacher der Schwulenbewegung
Hinter seinem oft kritisierten Drang zur schwulen Selbstdarstellung, zur Provokation und zum Aktionismus steckt auch eine ganze Menge Courage: In einer Zeit, in der Sex unter Männern verboten war – erst zum 1. September 1969 wurde der Paragraph 175 liberalisiert – traf Rosa von Praunheim offensiv für sein Schwulsein ein. Und das auch filmisch: "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" aus dem Jahr 1971 gilt als Meilenstein homosexueller Emanzipation. Im Zeitgeist der Siebzigerjahre erzählt der billig produzierte Schwarzweißfilm von der Liebe unter Männern, von Lust, Verstecken und heimlichem Sex in öffentlichen Toiletten.
Der manierierte Gestus des Films wirkt auf uns heute eher komisch. Doch kein Film von Rosa von Praunheim sollte jemals wieder eine solche gesellschaftliche Schlagkraft haben. Seine Forderung "Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!" trat eine Welle der Empörung los. Aber endlich kam Bewegung in die verschreckte Szene: Homosexuellenverbände schossen aus dem Boden und am 29. April 1972 fand die erste bundesdeutsche Schwulendemo in Münster statt.
Umstrittene Outings
Seinem Ruf als Nestbeschmutzer und Tabubrecher machte Rosa zwanzig Jahre später, im Dezember 1991, erneut alle Ehre, als er den Komiker Hape Kerkeling und den Moderator Alfred Biolek in der RTL-Sendung "Explosiv" als schwul outete. Auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise, wollte er mit solch umstrittenen Aktionen darauf aufmerksam machen, dass die Krankheit alle treffen kann – auch Promis. Heute allerdings sind ihm solche Alleingänge zu anstrengend. Aber die Lust an der Provokation hat ihn nicht verlassen: "Es würde Sinn machen, Schwule in der Kirche zu outen. Aber das mache ich nicht mehr. Das müssen andere machen", sagte er kürzlich im Interview.
Das Leben als Film
Bis heute verarbeitet Rosa von Praunheim unermüdlich sein eigenes Leben und das seiner Freunde zu Filmstoff. Als er mit über 60 Jahren erfährt, dass er im Gefängnis geboren und adoptiert wurde, dreht er auch darüber einen Film: "Meine Mütter – Spurensuche in Riga". Mit Vorliebe porträtiert er taffe, vitale, oft auch ältere Frauen, sei es die eigene Tante Luzi ("Die Bettwurst) oder eine Künstlerin wie Lotti Huber ("Unsere Leichen leben noch").
In seiner ganz eigenen Handschrift – provokant, schrill und erfrischend ehrlich – hat er künstlerisch wohl alles gesagt, was über Schwule gesagt werden kann. Unter anderem wurde seine Doku über die Berliner Stricherszene "Die Jungs vom Bahnhof Zoo" 2012 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Er schreibt Bücher, setzt sich für die AIDS-Prävention ein und war bis 2006 Professor für Filmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Er wurde angefeindet, bewundert und war immer irgendwie im Gespräch. Jetzt, mit siebzig Jahren, darf er sich wohl zu Recht als deutsche – und Berliner – Legende fühlen: "Manche bezeichnen mich als den beliebtesten und manche als den unbeliebtesten Filmregisseur Deutschlands. Und dafür habe ich eine ganze Menge getan."
Ula Brunner
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/film/themen/ganz_besonders_rosa.html