Das Renommee von David Gordon Green, einst einer der profiliertesten Independent-Regisseure der USA, hat in den vergangenen Jahren erheblich gelitten. Zuletzt hat er die derbe, flache und schlecht getimte Extrem-Klamotte "The Sitter" (2011) gedreht. Jonah Hill spielt darin einen College-Abbrecher, den seine Mutter zum Babysitten zwingt, was natürlich im Chaos endet. Mit "Prince Avalanche" legt er jedoch eine erwachsene, überaus warmherzige und genau beobachtende Komödie vor.
Texas im Sommer 1988. Vor einigen Monaten haben hier Feuer gewütet, ganze Waldgebiete zerstört, vier Menschen getötet und viele weitere zu Obdachlosen gemacht. Durch diese verwundete Landschaft fahren Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch). Die beiden sind Straßenarbeiter: Sie schlagen Leitpfosten in den Boden und tragen die gelbe Farbe des Mittelstreifens auf den Asphalt auf. Nachts schlafen sie zusammen in einem Zelt.
"Lass uns die Stille genießen"
Alvin hat Lance den Job nur gegeben, weil der der Bruder seiner Freundin ist. Ihr schreibt er Briefe aus der Einsamkeit der Wälder. Mit ihr will er im Herbst nach Deutschland reisen, worauf er sich mit Sprachkassetten während der Arbeit vorbereitet. Er gibt sich als Einzelgänger, der nichts weiter braucht als die Natur um ihn herum. "Lass uns die Stille genießen", sagt er immer wieder zu Lance, wenn er seine Ruhe haben will - ein Satz, der ein kleiner Running Gag wird.
Lances Denken dreht sich um Sex, "getting my little man squeezed" (in etwa: "meinen kleinen Freund geknetet bekommen"), wie er es mit pubertärem Stolz ausdrückt. Er ist nicht der hellste Stern am texanischen Nachthimmel und weiß das auch - nicht zuletzt, weil Alvin es ihn mit seinen gestelzt formulierten Zurechtweisungen genüsslich spüren lässt.
Keine Handys, keine iPads
Über weite Strecken des Films sind nur Alvin und Lance zu sehen. Aus dem liebevoll überzeichneten Kontrast dieser beiden so unterschiedlichen Figuren zieht der Film seine Komik, die trotz vieler sich bietender Vorlagen ohne sinnlosen Klamauk auskommt.
Dass "Prince Avalanche" in den 1980er Jahren spielt, hat vor allem praktische Gründe, wie der Regisseur bei der Vorstellung auf der Berlinale im Februar erklärte: Damals gab es keine Handys und keine iPads. Wenn man in abgelegenen Gegenden in Texas unterwegs war, war keine unmittelbare Kommunikation mit der Außenwelt nötig. Davon abgesehen ist die Geschichte, die der Film erzählt, zeitlos. Green verzichtet auf grelle parodistische Elemente, macht keine Witze über die Mode der Achtzigerjahre. Dass Lance und Alvin aus heutiger Sicht seltsame Frisuren und Kleider tragen, ist nichts weiter als ein notwendiger Kompromiss mit dem Realismus.
Aufbruch aus Zuversicht
Die Landschaft, in der sich die Geschichte entwickelt, ist zwar nicht vollends zerstört, aber die Folgen des Brandes sind unübersehbar: angekokelte Baumstämme, totes Holz und nicht zuletzt auch Häuserruinen prägen die Gegend. Green zeigt all das vor allem durch Alvins Augen. Als Lance über das Wochenende wegfährt, läuft er durch den Wald und trifft eine Frau, die in den Überresten ihres abgebrannten Hauses nach ihrem Pilotenschein sucht. Ihre Wunden sind genau so wenig verheilt wie die der Landschaft, durch die sie läuft.
Am Ende reisen Alvin und Lance weiter. Sie haben gemeinsame Pläne geschmiedet und sind gegen alle Wahrscheinlichkeiten so etwas wie Freunde geworden. Auch um sie herum ist etwas im Gange. Die Menschen schaffen Geröll bei Seite, zersägen das verkohlte Gehölz. Ein ohne jedes Pathos festgehaltener wahrhaftiger Moment des Aufbruchs aus Zuversicht - und ein berührender Schlusspunkt unter einem der schönsten Filme im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb.
Fabian Wallmeier