Seit zehn Jahren macht der Iraner Asghar Farhadi Filme, die auf den Festivals der Welt mit Preisen überschüttet werden. So erhielt er zuletzt auf der Berlinale den Silbernen Bären für "About Elly" und den Goldenen Bären für "Nader und Simin", der danach auch mit höchsten Oscar-Weihen geadelt wurde. Jetzt hat Farhadi zum ersten Mal nicht im Iran gedreht: "Le Passé" ist eine Familiengeschichte, die in Paris spielt und in gewisser Weise die Gedanken und Themen von "Nader und Simin" weiterspinnt, denn es geht erneut um eine Trennung und ihre emotionalen Ursachen und Folgen.
Nachdem Simin ihre Heimat verlassen wollte, um ihrer Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen, hat Ahmad (Ali Mosaffa) den Iran tatsächlich verlassen, um in Paris mit seiner französischen Frau Marie (Bérénice Bejo) zu leben. Vor vier Jahren hat er sie verlassen, um in seine Heimat zurückzukehren, jetzt besucht er Paris, um die Scheidung zu finalisieren, weil Marie eine neue Ehe mit Samir eingehen möchte.
Verschiedene Schichten der Vergangenheit
Wie schon in "About Elly" und "Nader und Simin" webt Farhadi auch hier ein betörend zartes Netz aus Familienbeziehungen, wobei er nicht zwischen Tätern und Opfern unterscheidet. Man kommt jedem einzelnen Menschen ganz nah, kann all ihre widerstreitenden Gefühle von Liebe, Eifersucht, Angst, Schuld und Traurigkeit nachvollziehen. Der Noch-Ehemann bringt Unruhe ins labile Patchwork-Gefüge mit einem Mann und einer Frau, die noch in ihre früheren Partnerschaften verstrickt sind und mit drei Kindern aus früheren Beziehungen.
Nach den Jahren der Abwesenheit muss sich Ahmad neu orientieren und wird dabei in gewisser Weise zum Detektiv, der mit dem Zuschauer die Kräfteverhältnisse erforscht, aber auch zum Mediator, der immer wieder versucht, zu vermitteln und zu versöhnen, zum Beispiel zwischen Marie und ihrer älteren Tochter, einem rebellischen Teenager, der sich gegen die neue Beziehung auflehnt. Dafür aber gute Gründe hat, wie sich langsam herausschält. Auch für das unberechenbare Verhalten von Samirs kleinem Sohn Fouad gibt es eine Erklräung, liegt doch seine Mutter seit Monaten unter rätselhaften Umständen im Krankenhaus im Koma. So eröffnen sich sukzessive die verschiedenen Schichten der Vergangenheit und ihre Folgen für die Gegenwart.
Wie eine Meeresströmung
Farhadi hat ganz bewusst fern der ausgetreteten Touristenpfade in der Pariser Vorstadt gedreht. Das in der Renovierung befindliche Haus wird mit all den herumstehenden Farbtöpfen, Plastikplanen und provisorischen Lösungen ganz selbstverständlich zur Metapher für die Umbruchsituation im Leben der Bewohner. Die emotionale Distanz drückt sich in der subtilen Choreografie der Begegnungen und Gespräche aus, die immer wieder über verschiedene Räume hinweg durch einen Türspalt, eine Glasscheibe, ein Fenster geführt werden.
Obwohl Asghar Farhadi in Paris ein Fremder ist, der die Sprache nicht spricht, hat er sich in sorgfältiger Übersetzungsarbeit und intensiven Proben ein genaues Gespür für Melodie und Rhythmus erarbeitet und seinen Darstellern fein austarierte, nuancenreiche Darstellungen entlockt, insbesondere auch den Kinderdarstellern, in deren Reaktionen sich schon in "Nader und Simin" die Konflikte der Erwachsenen spiegeln. Dabei ist "Le Passé" so subtil und raffiniert gesponnen, dass er wie eine Meeresströmung wirkt, gegen deren Sog man machtlos ist.
Anke Sterneborg