Eine hinreißend zauberhafte Liebesgeschichte und eine Hommage an die menschliche Fantasie und Kreativität, aber auch eine poetisch nachdenkliche und kluge Kritik am modernen Lebensstil.
Fast könnte man glauben, das Filmemachen ist für Spike Jonze nur ein Hobby, denn seit seinem Kulthit "Being John Malkovich" hat er mit großer Leidenschaft gerade mal drei Filme gemacht. Ansonsten entwirft er Sportschuhe, unterhält eine Skateboardfirma, dreht Musikclips und Skaterfilme und kreiert TV Formate wie die MTV-Serie "Jackass".
Poetische Reise in den Kopf
Für das Drehbuch zu seinem neuesten Film "Her" hat er gerade einen Oscar bekommen, und wie schon seine früheren Werke ist auch dieser eine versponnen poetische Reise in den Kopf, die in eine nicht näher definierte Zukunft führt. Statt eine futuristische Vision zu entwerfen, denkt Jonze die Gegenwart nur ein bisschen weiter. Die Innenräume sind in pastellig gedämpfte, warme Töne getaucht, die Plätze und Straßen von Los Angeles wirken menschenleer, durch riesige Glasfenster blickt man in eine glitzernde Metropole, die von Shanghai "gespielt" wird, die Kleider sind in einem seltsamen Retrolook gehalten, der zugleich altmodisch bieder und eigentümlich cool anmutet. Diese schöne neue Welt wird von Computern und Handys dominiert, Maschinen sind hier zu Gesprächspartnern geworden, die nicht mehr mit Fingern bedient werden, sondern sprachgesteuert sind, das heißt, Texte werden nur noch in den Computer diktiert und das Handy liest auf dem Heimweg die E-Mails vor.
Romantischer Träumer mit gebrochenen Herzen
In dieser mysteriös distanzierten Atmosphäre lebt Theodore Twombly, der wie alle Helden bei Jonze ein versponnener, einsamer Eigenbrötler ist, ein romantischer Träumer mit gebrochenen Herzen, der seine nicht ausgelebten Sehnsüchte und Gefühle in die Briefe fließen lässt, die er als Lohnschreiber für fremde Leute schreibt, vom Computer in handschriftlicher Ausführung ausgedruckt. Eines Tages kauft Theodore ein sogenanntes OS1, ein Operating System, eine künstliche Intelligenz, die sich Samantha nennt. Sie fängt zunächst ganz sachlich an, sein Leben zu organisieren, seine Korrespondenzen zu verwalten, seinen Computer aufzuräumen, schleicht sich aber zunehmend in sein Herz, sie lacht über seine Scherze, sie durchschaut ihn, sie flirtet.
Irritierend zauberhafte Liebesgeschichte
So entwickelt sich eine irritierend zauberhafte Liebesgeschichte zwischen einem Mann aus Fleisch und Blut und einem körperlosen Computerprogramm, das im Original die erotisch knisternde Stimme von Scarlett Johansson hat. Für Joaquin Phoenix, der über die Jahre eine ganze Reihe merkwürdig weltfremder, verletzlicher Figuren gespielt hat, bedeutet das, dass er über weite Strecken dieses betörenden Films in den leeren Raum spricht. Doch mit den feinen Nuancen seiner Stimme und seiner Mimik lässt er ein sinnlich spürbares Gegenüber entstehen. So ist "Her" vor allem eine hinreißend zauberhafte Liebesgeschichte und eine Hommage an die menschliche Fantasie und Kreativität, die aus dem Nichts eine Figur entstehen lassen kann. Unterschwellig aber ist es auch eine poetisch nachdenkliche und kluge Kritik am modernen Lebensstil, in dem menschliche Kontakte zunehmend durch Maschinen ersetzt werden.
Anke Sterneborg