
Jubiläum - "Als das Wünschen noch geholfen hat" – 200 Jahre Grimms Märchen
Als am 20. Dezember 1812 der "erste Theil" der Kinder- und Hausmärchen von dem Berliner Verleger Georg Andreas herausgegeben wurde, hatte wohl niemand mit dem großen Erfolg dieser Geschichten gerechnet.
"Der Froschkönig", "Hänsel und Gretel“, "Schneewittchen" oder der "Wolf und die sieben Geißlein" – kaum ein Kind, das mit diesen Märchenfiguren nicht gezittert, gelitten oder sich gegruselt hat. Und das schon seit langer, langer Zeit. Als vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, der "erste Theil" der Kinder- und Hausmärchen von dem Berliner Verleger Georg Andreas herausgegeben wurde, hatte wohl niemand geglaubt, dass diese Geschichten einmal einen solchen Siegeszug antreten würden. Kein Buch hat eine ähnliche Strahlkraft wie Grimms Märchen: Sie prägen unsere Kultur, unsere Werte, unsere Fantasie. Dabei ranken sich um ihre Entstehungsgeschichte selbst einige Mythen, die nicht zuletzt – wissentlich oder versehentlich – von den Gebrüder Grimm selbst befeuert wurden.

Gerüchte rund um die Märchen
Lange hält sich das Gerücht, dass sie bei der Suche nach Märchen durch die hessischen Dörfer, durch Webstuben, Wirtshäuser und Bauernhöfe gezogen seien. Doch die Wirklichkeit ist weniger abenteuerlich: 60 der späteren Kinder- und Hausmärchen haben die Grimms in Büchern von Hans Sachs, Luther oder Grimmelshausen entdeckt. Um die Sammlung zu vervollständigen, fragen sie in ihrem Bekanntenkreis nach: In geselliger Runde beim Sonntagskaffee erzählen die Töchter des benachbarten Apothekers oder des Kasseler Regierungspräsidenten Hassenpflug den Brüdern die Geschichten von "Rotkäppchen", "Dornröschen" oder "Brüderchen und Schwesterchen".

Nix da mit "Ächt hessisch"
In der Erstausgabe wird auch Dorothea Viehmann als wichtige "Märchenfrau" genannt. Von ihr stammt ein beträchtlicher Teil der Erzählungen, unter anderem auch "Die Gänsemagd" und "Aschenputtel". Allerdings handelt es sich bei Dorothea Viehmann mitnichten, wie im Vorwort behauptet, um eine "ächt hessische" Bäuerin. Sie war eine Schneiderin aus Kassel. Auch dass viele Märchen einen Blick in die Welt der deutschen Volkssagen offenbarten, erwies sich später als Ente. In Wirklichkeit stammte die Mehrzahl der Geschichten nicht aus Deutschland, geschweige denn Hessen, sondern aus Frankreich: Denn die Hassenpflugs und Viehmann hatten hugenottische Vorfahren und kannten deswegen viele Märchen des französischen Barockdichters Charles Perrault. Insgesamt trugen etwa vierzig verschiedene Personen den Brüdern ihre Geschichten zu, die meisten von ihnen kamen nicht aus dem einfachen Volk, sondern dem Bildungsbürgertum. In der zweiten Auflage war das Vorwort dann auch verschwunden.
Umgeschrieben und geglättet

Vom Flop zum Weltbestseller
Mit jeder Auflage wird der Tonfall kindlicher – womit Jacob mit seinem wissenschaftlichen Anspruch – nicht immer einverstanden ist. Doch der Durchbruch ist geschafft, als Wilhelm 1825 schließlich die "Kleine Ausgabe" mit einer kindertauglichen Auswahl von 50 Märchen herausbringt, die zudem noch mit Zeichnungen des jüngeren Bruders Ludwig Emil illustriert sind. Zehn Auflagen wird diese Ausgabe bis 1858 erfahren – ein Verkaufsschlager, der sich mit der zweibändigen "Grossen Ausgabe" wiederholen sollte. Die Märchen traten ihren weltweiten Erfolgsmarsch an. In mehr als 160 Sprachen und Dialekte wurde die Grimm'sche Märchensammlung bislang übersetzt. Sie sind bis heute das meist gelesene deutschsprachige Buch der Welt – auch wenn die Geschichten gar nicht so "deutsch" sind.
