
50 Jahre Literarisches Colloquium Berlin - S-Bahn nach Arkadien
Es gilt als "Mutterschiff" der deutschen Literaturhäuser. Vor 50 Jahren gründete Walter Höllerer in einer herrschaftlichen Villa am Wannsee das Literarische Colloquium Berlin als künstlerische Produktionsstätte für Autoren, Theater- und Filmemacher. Sein Jubiläum feiert das Haus mit einem umfangreichen Programm.
Eine Idylle im Grünen: die Vögel singen, sanft plätschert das Wasser und weit schweift der Blick über die Havel. Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Alberto Moravia, Ilse Aichinger und Imre Kertez – alle haben sie bereits auf der Terrasse der Gründerzeitvilla am Berliner Wannsee mit der Adresse Sandwerder 5 gesessen. Es gibt kein literarisches Schwergewicht im deutschsprachigen Raum, das nicht in den vergangenen Jahrzehnten im Literarischen Colloquium zu Gast war. Dort wurde geschrieben, redigiert und auch wieder verworfen. Die Autoren diskutierten, stritten sich und häufig übernachteten sie auch in einem der elf Gästezimmer.
Zentraler Ort für notorische Individualisten
1963 erwarb der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Höller mit Unterstützung der amerikanischen Ford Foundation das leerstehende Terrassenhotel in schönster Seelage unweit der S-Bahn-Station Wannsee. Seine Vision: im kargen West-Berlin der frühen Mauerjahre eine künstlerische Produktionsstätte für Autoren, Theater- und Filmemacher zu entwickeln. Mit dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB), Deutschlands erstem Literaturhaus, schuf er einen zentralen Ort für all die notorischen Individualisten, die alleine schreiben und gemeinsam darüber reden wollen. Ein Haus für „Sprache im technischen Zeitalter“, so nannte sich eine von Höllerer initiierte Lese- und Diskussionsreihe und so lautet auch bis heute der Titel der hauseigenen Zeitschrift.
Dies alles geschah auf dem Höhepunkt der Spiegelaffäre und der Kubakrise, in der Frontstadt Berlin - da sagte kein Autor ab. Und so entwickelte sich das Haus schnell zu einer zentralen Adresse für die Literaturszene der Nachkriegszeit. „Walter Höllerer war ein Menschensammler, ein Begeisterer, ein Impresario für Literatur – er konnte mit nahezu allen“, sagt Thomas Geiger, Programmleiter am LCB. „Künstler sind nicht immer leicht im Umgang, aber er hatte ein einnehmendes Wesen, ein großartiges Lachen und ein Talent zur Freundschaft. Das war eine der großen Voraussetzungen für den Erfolg des Literarischen Colloquiums.“

Mutterschiff aller Literaturhäuser
Hier tagte die legendäre Gruppe 47, Schriftsteller aus Ost und West. Menschen unterschiedlichster Herkunft und Temperamente kamen am Wannsee zusammen. Internationaler Austausch sollte den Westberliner Literaturbetrieb vor allzu viel Provinzialität bewahren. Bis heute ist die Villa ein wichtiger Treffpunkt für Autoren und Übersetzer, Theater- und Filmemacher – Veranstaltungszentrum, Gästehaus und Talentschmiede zugleich. Hubert Fichte und Nicolas Born lernten bei Günter Grass und Peter Weiss das "Prosaschreiben", Autoren wie Judith Hermann und Norbert Zähringer starteten hier ihre literarischen Karrieren und Ingeborg Bachmann las in Glanzzeiten vor rund 2.000 Zuhörern. „Das hier ist das Mutterschiff der Literaturhäuser, das Epizentrum, nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa“, ist Aris Fioretos, Professor für Ästhetik und Autor bei Hanser und Dumont und einer der Stammgäste des Literarischen Colloquiums überzeugt. „Ich kenne eigentlich keinen anderen Ort, der dem LCB den Rang streitig machen kann.“

Getragen wird das Literarische Colloquium vom Land Berlin. Junge deutschsprachige Autoren können sich in der verwunschenen Abgeschiedenheit des Sees mit mehrmonatigen Stipendien aufs Schreiben konzentrieren. Die junge österreichische Schriftstellerin Teresa Präauer veröffentlichte im vergangenen Jahr ihren Debütroman „Für den Herrscher aus Übersee“. „Mein Buch ist im Herbst erschienen und ich war dann viel unterwegs“, sagt sie. „Ich habe mich richtig gesehnt nach dieser Zeit am Wannsee um wieder in die Arbeit zu finden. Hier lernt man tolle Leute Leute kennen. Kommunikation ist ebenso möglich wie Einsamkeit, das empfinde ich als sehr angenehm.“
Kontakte nach Mittel- und Osteuropa
Zudem gibt es Programme für internationale Gäste und Übersetzer sowie zahlreiche Lesungen und Diskussionsrunden. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden vor allem die Kontakte zur Literaturszene in Mittel- und Osteuropa intensiviert. Es sei so schön, wenn Dichter aufeinanderträfen, schwärmt Programmleiter Thomas Geiger über seine Arbeit. „Der Literaturbetrieb funktioniert wie eine Kleinstadt. Es kennt sich tatsächlich jeder und wenn man sich noch nicht über den Weg gelaufen ist, dann hat man zumindest eine Meinung über den anderen. Weil man von ihm gehört, gelesen oder ihn auch mal von der Ferne aus gesehen hat.“

Die Zeiten für Schriftsteller sind härter geworden, viele Verlage kämpfen heute ums Überleben. Den Herausforderungen im digitalen Zeitalter begegnet das LCB indem es im Internet neue Wege zur Vermittlung und Verbreitung von Literatur schafft. Mehrere Portale wurden in Zusammenarbeit mit anderen Literaturinstitutionen ins Leben gerufen. So bietet die Seite literaturport.de ein Gegenwarts-Autorenlexikon, ein Archiv der Literaturlandschaft Berlin-Brandenburg, einen Navigator die Preise und Stipendienangebote im Literaturbereich, über 500 Hörproben aus aktueller Literatur sowie einen Kalender für literarische Veranstaltungen in der Region. 2008 gab es dafür den Grimme Online Award.
Florian Höllerer übernimmt die Leitung
Zum Jahreswechsel steht im Literarischen Coloquium eine Zäsur an, die zugleich einen Kreis schließt: Florian Höllerer, Sohn des legendären Gründers und langjähriger Leiter des Literaturhauses Stuttgart, wird als neuer Chef am Wannsee das Erbe seines Vaters übernehmen. Der bisherige Geschäftsleiter Ulrich Janetzki, seit 1986 im Amt, scheidet aus Altersgründen aus.
Sein rundes Jubiläum feiert das Literarische Colloquium Berlin 2013 mit einem umfangreichen Programm. Höhepunkt ist am Samstag, 10. August, das große Sommerfest am Wannsee mit Lesungen und Gesprächsrunden unter anderem mit Sven Regener, Uwe Timm, Renate von Mangoldt, Saša Stanišic und Nora Gomringer. Einen eindrucksvollen Rückblick auf die vergangenen 50 Jahre LCB bietet das bei Matthes & Seitz erschienene Buch von Judith Schalansky „S-Bahn nach Arkadien. Das Literarische Colloquium in Wort und Bild“.
mit Informationen von Maria Ossowski

