50 Jahre Berliner Theatertreffen (Foto: Imago)

50 Jahre Theatertreffen - Wer es hier schafft, schafft es überall

Es ist Schaufenster und Leistungsschau, Schaulaufen der besten Schauspieler und Regisseure des deutschsprachigen Raumes und Talentschmiede. Wer es beim Theatertreffen schafft, schafft es überall. Anspruch und Wirklichkeit haben sich in den vergangenen 50 Jahren gewandelt. Doch eines ist geblieben: Wer geballt die bemerkenswertesten, die spannendsten und kontroversesten Inszenierungen der Saison sehen will, der muss jedes Jahr wieder im Mai das Berliner Theatertreffen besuchen.

Dem deutschsprachigen Theater nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein Zentrum geben, mit diesem Ziel wurde das Theatertreffen 1964 gegründet. Am Anfang standen Stücke wie Peter Weiss' "Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats", Brendan Behans "Geisel" und "Frühlings Erwachen". Die junge Bundesrepublik machte auch im Theater Tabula rasa und reinen Tisch. Das Neue, Demokratische, sollte und wollte Raum greifen auf einem Forum, das zunächst noch verschämt "Berliner Theaterwettbewerb" hieß. Die verknöcherte Bonner Republik leistete sich das kulturelle Aushängeschild Westberlin.
Eva Mattes und Ulrich Wildgruber in "Othello" (Foto: dpa Bildfunk=Eva Mattes und Ulrich Wildgruber in "Othello")
Eva Mattes und Ulrich Wildgruber in "Othello"

Die Besten ihrer Zunft

Die Zentrifugalkräfte dafür kamen aus Bremen, wo Paul Hübner und der Bühnenbildner Wilfried Minks wirkten. Von dort warfen auch Peter Zadek und Klaus Michael Grüber und Peter Stein erste Regien in den Berliner Ring. Das andere Epizentrum der deutschsprachigen Theatermoderne ging vom Schauspielhaus Hamburg aus, wo Ivan Nagel das Zepter in der Hand hielt.
Und dann fallen einem noch viel mehr Namen ein: Zadeks unvergleichlicher Großschauspieler Ulrich Wildgruber und die blutjunge Eva Mattes im "Othello". Oder der weltreisend-weise George Tabori, wie er mit seinen getreuen Ausnahmeschauspielern Gert Voss und Ignatz Kirchner in "Mein Kampf" oder "Goldberg Variationen" Theaterwunder wirkte. Claus Peymann & Cast machten in vollendeter Revoluzzer-Attitüde an den Schauspielhäusern Stuttgart, Bochum und später in Wien mit Peter Handke und Thomas Bernhard-Uraufführungen von sich reden. Keine Frage: So etwas wurde zum Theatertreffen eingeladen - und war ein Ereignis.
Ganz große Schauspieler von der Wiener Burg und aus heimischen Gestaden, wie dem Schiller Theater, passierten beim Theatertreffen Revue. Bühnenbildner wie Karl Ernst Herrmann machten sich hier einen Namen. Das Theatertreffen war zugleich Zentrifugalschleuder und Durchlauferhitzer. Die Rebellen von einst erwiesen sich bald als die Etablierten von heute. Es gab viel Streit ums Regietheater und die Macht der Regisseure, um herausragende Einzelleistungen und grandiose Ensembledarbietungen.

Große Zeiten - und ihr Niedergang

Auf der Internetplattform des Theatertreffens wird zum 50. Geburtstag eifrig, aber noch unvollständig, Buch geführt über Zahlen, Daten, Fakten. Der Blick in die Hitlisten lohnt: die am häufigsten eingeladenen Regisseure waren Peter Zadek, Claus Peymann und Peter Stein. Theatertreffen-Statistik ist auch ein Gradmesser für große Zeiten – und ihren Niedergang.
Die 1970er bis 1980er Jahre waren Stein-Zeit. Mit fast allen Inszenierungen Peter Steins schaffte es die Berliner Schaubühne in die Jury-Auswahl. Jeder Titel des herausragenden Ensembles um Edith Clever, Jutta Lampe, Bruno Ganz und Otto Sander war Programm: "Sommergäste", "Groß und Klein", "Drei Schwestern". Auch mit den anderen prägenden Haus-Regisseuren jener Dekade, Klaus Michael Grüber und Luc Bondy, landete die Schaubühne Theatertreffen-Treffer. Unvergessene Berliner Theaterereignisse erfuhren am Ort ihrer Hervorbringung noch einmal höchste Weihen.

Blick über den Mauerrand

Ähnlich wie die international ausgerichtete Berlinale immer auch auf Filme aus der DEFA-Produktion der DDR fokussierte und sie auszeichnete, so guckte auch das Theatertreffen über den Mauerrand. Einzigartiges mit Lesarten zwischen den gesprochenen Versen tat sich am Deutschen Theater, der Volksbühne, dem Maxim Gorki Theater und dem Berliner Ensemble.
Nach der Wende schlug dann die große Stunde des tonangebenden Dekonstruktivisten des Gegenwartstheaters, Frank Castorf. Mit der weithin sichtbaren Markierung "Ost" führte er den Panzerkreuzer Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in die neue Zeit – und mit neuen Lesarten von Ibsen, Lessing und Shakespeare auch zum Theatertreffen. Und jetzt ist eben einer von Castorfs ehemaligen Stammschauspielern, Herbert Fritsch, mit eigenen Spaßtheaterspektakeln dabei - in diesem Jahr mit dem Stück "Murmel, Murmel". Auch so begründet sich Tradition.
Christoph Schlingensief bei einer Pressekonferenz des Theatertreffens 2009 (Quelle: dpa)
Christoph Schlingensief auf dem Theatertreffen 2009.

Der Gesamtkünstler Christoph Schlingensief wäre ohne die Volksbühne und ohne das Theatertreffen, in dem seine "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" noch einmal kathedral aufgeführt wurde, vielleicht nicht denkbar. Als es für ihn ans Sterben ging, war das Theatertreffen, wie selten sonst, künstlerischer Resonanzraum für ein Lebenswerk.

Diskussionen über "Provinz" und "Proporz"

Nach der Wende brach auch die Zeit an für nervenaufreibende geografische Diskussionen innerhalb der mit Theaterkritikern besetzten Jury. Immer schon hatten sich die bestellten Reisekader darüber gefetzt, wie viel so genannte "Provinz" über die großstädtischen Ballungsräume Berlin, Wien, Hamburg, Köln – und früher auch Bochum und Stuttgart – hinaus sie in der Leistungsschau sie zulassen sollten, konnten und wollten. Jetzt hieß es auch noch den deutschen Osten mit in den Blick zu nehmen: Neues vom Nationaltheater Weimar etwa, über die bereits bewährten Instanzen des deutsch-deutschen Theater-Dialoges hinaus. Das hässliche Wort vom "Proporz" machte die Runde – und führte zu heißblütigen Streits unter den wiedervereinigten Theater-Brüdern und –Schwestern.
Besucher des Theatertreffens 2008 stehen am Abend vor den Berliner Festspielen (Quelle: Berliner Festspiele/Frederic Lezmi)
Besucher vor dem Haus der Berliner Festspiele.
Da war die große Zeit des Dramatikers Heiner Müller und seiner analytischen DDR-Auseinandernehmungen auch schon wieder vorbei und der Blick weitete sich zurück auf Klassiker von Shakespeare und Tschechow, inszeniert von Jürgen Gosch, dem idealtypischen gesamtdeutschen Regisseur. Da konnte noch mal einer richtig für Furore sorgen: mit einem Blutbad-"Macbeth" und in der Wäsche erweichten "Drei Schwestern".
Auch Armin Petras konnte mit seinen für das Hamburger Thalia Theater locker zusammen gesampelten DDR-Geschichten immer wieder beim Theatertreffen andocken. Seitdem er allerdings Intendant und Spielführer des Berliner Maxim Gorki Theaters ist, ist es damit vorbei. Immer wieder wurden auch Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig zum Theatertreffen eingeladen. Seitdem sie Hausregisseure am Deutschen Theater Berlin sind, gelingt auch ihnen das kaum mehr. Irgendwie gibt es da einen Fluch der Hauptstadt. Die Ausnahme bildet hier Michael Thalheimer. Ihm, der Klassiker klug auf Spielfilmformat abspeckt, sind weiterhin Tür und Tor geöffnet. Seine "Medea", verfertigt für das Schauspiel Frankfurt, eröffnet das Theatertreffen 2013.
Die Tanzcompagnie der Choreographin Sasha Waltz in einer Szene des Stücks "Allee der Kosmonauten" im Jahr 1998 (Quelle: dpa)
"Allee der Kosmonauten" von Sasha Waltz (1997).

Die Freie Szene erobert das Theatertreffen

Lange blieb das Theatertreffen eine geschlossene Gesellschaft – jedenfalls im Hinblick auf neue Theaterformen und Inhalte in Gestalt der Produktionskollektive der so genannten Freien Szene außerhalb des Stadttheaterbetriebs. Der Durchbruch gelang 1997 mit dem Tanztheater "Allee der Kosmonauten" von Sasha Waltz. Auf einmal weitete sich der Jury-Blick und Experten des Alltags, wie von Rimini Protokoll bei "Wallenstein" präsentiert, eroberten sich die Bühne.
Der radikalste Wandel in der Einladungspolitik vollzog sich dann beim Jahrgang 2011. Da kamen gleich drei der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem Umfeld frei produzierender Häuser und Gruppen. Das Berliner Ballhaus Naunynstraße setzte mit seiner Schiller-Farce im Klassenzimmer "Verrücktes Blut" postmigrantisches Theater auf die große Agenda. Das Performance Kollektiv She She Pop zeigte im Berliner Hebbel am Ufer (HAU) seine "Väter"-Produktion über den in Schieflage geratenen Generationenvertrag und am selben Ort war auch Milo Raus Re-Enactment-Studie zum Völkermord in Ruanda "Hate Radio" zu sehen.

Bei den Jahrgangsbesten 2013 dominieren wieder bewährte Stadttheaterproduktionen, darunter bemerkenswert viele Klassiker-Adaptionen. Einzige Ausnahme: Jerome Bels "Disabled Theatre", eine internationale Festivalproduktion, bei der ausschließlich professionelle behinderte Schauspieler auf der Bühne stehen. Damit ist zugleich die diesjährige Kontroverse gesetzt – abgefangen in einem Thementag.

Beitrag von Ute Büsing

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