Graffito gegn Schwaben im Prenzlauer Berg (dpa, Archivbild)

Der Ost-Berliner - "Schnauze, Wessi!"

Thomas Kroh ist genervt vom neuzeitlichen Biedermeier, das sich im Osten Berlins ausbreitet. Tauschen würde er trotzdem nicht, weder seine Vergangenheit, noch das Jetzt - trotz Bio-Bäcker-Schwemme in Prenzlauer Berg. Aber auf die Westler-Kommentare kann er gerne verzichten, darum "Schnauze, Wessi".

Aus der DDR erhaltenswert sind nur die Bockwurst und der Grüne Pfeil. Das hat kurz nach der deutschen Kehre irgendein Polit-Clown gesagt, dessen Namen ich längst vergessen habe. Möge ihm die Wurscht im Halse stecken geblieben sein und der Pfeil im fetten Hintern.

Natürlich war Ost-Berlin das faulende Fleisch des Kommunismus, in dem der Westteil der Stadt wie ein Pfahl steckte. Und ja, Staatssicherheit und SED waren Machtinstrumente einer Arbeiter-und-Bauern-Diktatur, deren gleichsam gefürchtete wie verhasste Zentralen in OstBerlin residierten, Angst einflößend wie mittelalterliche Ritter-Burgen. Ja, ja, ja – die Wirtschaft war marode! Es gab nüscht zu koofen! Wir hatten gar nüscht!

Das muss ich mir jetzt seit mehr als zwanzig Jahren anhören. Und immer öfter fällt mir dazu der Titel eines Programms des Kabarettisten Georg Schramm ein: Thomas Bernhard hätte geschossen! Jetzt werden im Westen wieder Einige aufschreien: Aaaah, selbstverständlich, der Zoni kann seine Herkunft nicht verleugnen. Immer gleich anlegen und abdrücken, hat er ja auf dem Todesstreifen an der Mauer gelernt.

"Ich will nichts mehr hören vom aufrechten Gang"

Nein, hat er nicht; er stand nicht an der Grenze auf "Friedenswacht". Er war auch nicht Mitglied der SED. Dafür hat er der Stasi zwei Mal abgesagt und am Ende nicht studieren dürfen. Aber er hat schon seit langem die Schnauze voll, sich Jahr für Jahr die "Schäbigkeit seines erbärmlichen Lebens im Osten" von Leuten erklären lassen zu müssen, die heutzutage ausschließlich dank Parteibüchern in öffentlichen Ämtern die höchste Stufe der eigenen Unfähigkeit weit überschritten haben.

Ich will nichts mehr hören über den aufrechten Gang - von Kreaturen, deren gallertartiges Rückgrat sich sofort krümmt, wenn der Wind der politischen Korrektheit auch nur als laues Lüftchen über die Landschaft haucht. Ich will mir auch nicht die Nachteile sozialistischer Planwirtschaft auflisten lassen von skrupellosen Hedgefonds-Managern und Bankern, die Millionen Menschen um ihre kümmerlichen Ersparnisse gebracht haben und sich selbst schamlos bereichert. Ja, der Prenzlauer Berg sah 1989 aus als wären die Russen gerade abmarschiert. Heute glitzert und funkelt alles wie eine Bordelltür. Und aus dem Spiegel blankpolierter Fassaden strahlen mich die Fratzen der Immobilienhaie an, die dank Sozis und Ökos ungehindert in ihrem neuen Revier herumschwimmen können.

Dorfschranzen aus der westdeutschen Provinz haben den Hort Ost-Berliner Aufsässigkeit und die viel gerühmte Szene in eine Ödnis miefiger und spießiger Kleinbürgerlichkeit verwandelt. Kaum glucken sie dröge in ihren neuen Eigentumswohnungen, klagen sie auch schon gegen Klubs, weil laute Musik sie nicht ungestört dahindämmern lässt: Klub der Republik, Icon, Magnet, Knaack – das Klubsterben hat viele Namen. Treffender als der Kolumnist der "Berliner Zeitung" kann man es nicht beschreiben: "Die einzig verbliebene Szene ist die Feinkostladen-Szene, die Schuhladen-Szene, die Bio-Bäcker-Szene, die Vintage-Klamotten-Szene, die Fahrrad-Laden-Szene, die Yogamatten-Szene, die Arschgeigen-Szene und die Beschwerden-wegen-Lärmbelästigung-Szene."

Spielplatz auf dem Käthe Kollwitz Platz in Prenzlauer Berg (dpa-Archivbild)
Familienhochburg mit hoher Biobäckerei-Dichte: Prenzlauer Berg.

Es heißt Prenzlauer Berg!

Noch nerviger als die neuzeitlichen Biedermeier sind nur deren betuchte Erzeuger, die am Wochenende in Scharen die große Stadt besuchen und mit der Zufriedenheit erfolgreicher Besitzstandswahrung im Gesicht durch den Kiez streifen. Einige erkennen sogar die Gethsemanekirche – eines der Symbole für den Widerstand im Herbst 89. Wenn man ihnen erzählt, dass sich unter deren Dach zu DDR-Zeiten auch der "Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe – Lesben in der Kirche" befand, dann wackeln sie mit den Köpfen ein tolerantes "ist ja interessant". In Wahrheit aber hoffen sie inständig, dass der Sündenpfuhl, in dem sich ihre Immobilie offensichtlich befindet, wirklich trocken gelegt ist.

Ich kann die neuen Bewohner des "Prenzlberges" beruhigen: Was die Ureinwohner nach wie vor PRENZLAUER BERG nennen, das ist sicher! Die Zettel-Stasi von der Parkraumbewirtschaftung patrouilliert von früh bis spät durch die Straßen. Im Vergleich zu diesen städtischen Wegelagerern galt am Check-Point Charlie geradezu Laissez-faire. Auf Magistralen wie der Bornholmer Straße gilt abends von zehn Uhr an Tempo 30. Da dauert die Fahrt von der gleichnamigen Brücke bis zur Schönhauser derart lange, dass sie einen Stopp einlegen müssen und etwas essen. Eltern hocken auf den Spielplätzen und beobachten mit Argusaugen das asoziale Treiben ihrer Brut. Und ist der Laden auch noch so klein, Über-Mütter drängeln ihre Bratzen-Transporter dennoch hinein. KEINE SORGE: Der Osten ist sicher – zumindest rund um den Helmholtzplatz.

Wer sich dennoch fürchtet, der miete eine Rundfahrt im bombensicheren Reisebus. Aber die Zeiten, in denen junges Volk am Wasserturm abends auf den Bordsteinen lungerte und skandierte: "Ihr seid Touris, wir ja nicht!", diese Zeiten sind lange vorbei. Auch die Dame mit der Keksdose lässt sich in den umliegenden Cafes und Bars nicht mehr blicken. Wie hatte mein Besuch vom westdeutschen Lande gestaunt ob der sieben DM für ein Stück des knusprigen Gebäcks. Erst als ich sagte, dass in diesem Preis die Erweiterung seines Bewusstseins mit inbegriffen wäre, machte es bei ihm "Hasch", "Hasch".

Portal des Berliner Knaack-Clubs (Bild: DPA)
Club-Kultur, aber ohne Lärm? Schwer zu machen.

Keinen Latte, sondern einfach Kaffee

Derlei Naschwerk gab es im Osten natürlich nicht. Wir hatten ja nüscht! Wir mussten uns mit "Blauem Würger" zudröhnen. Mit dem Zeug hätte man auch Flugzeuge betanken können, es hat aber ordentlich geknallt. Übrigens, was das Knallen betrifft: Sobald ich heutzutage einen DDR-Erklärer dummschwatzen höre, fällt mir umgehend eine Kolumne des Stern ein: "Schnauze Wessi!"

Auch nach mehr als zwei Dekaden wissen sie nicht, dass Weißensee auf der letzten Silbe betont wird und Friedrichshain auf der ersten. Aber sich mokieren, wenn unsereins den Namen eines Chateau-Dingsbums nicht richtig ausspricht. Einst kamen sie im gemieteten Mercedes, um sich den Kofferraum mit fünf Pfennig billigen Ostschrippen vollzuladen, jetzt stehen auch in den "Ostgebieten" überall Backshops, in denen aufgepumpter Teigmüll verhökert wird. Und in den Coffee-Shops kriegt der Zoni einen Nervenzusammenbruch, weil er weder Latte noch Melange will – sondern einfach einen Kaffee!!! Zur Not auch Rondo.

Sobald einer von "Drüben" daraufhin weist, dass in der SBZ auch nicht alles schlecht gewesen sei, muss er sich anhören, das hätten die Deutschen über die Nazis auch gesagt. Aber was ist daran schlecht, wenn in einem Freibad halbwegs Ruhe herrscht und nicht das SEK anrücken muss, um einen randalierenden Jugend-Mob aus dem Wasser zu fischen. Was ist schlecht daran, wenn das Bildungsniveau deutlich über dem von Hausschweinen liegt. Aber man darf ja nicht sagen, dass die Skandinavier sich in den 80ern vom sozialistischen Schulsystem einiges abgeschaut haben. Und es hat nicht geschadet, wenn ich die Ergebnisse der PISA-Studien richtig in Erinnerung habe. – Na gut, sagen darf man's, bloß hören will es keiner.

Weißer See in Weißensee (dpa-Archivbild)
Falsche Betonung outet Ortsfremde: Der Weiße See in Weißensee.

Niemand aus der alten BRD hat das Recht, mit dem Finger auf uns zu zeigen

Auch nicht, dass die "Altdeutschen" gefälligst ihre eigenen Straßen umbenennen sollen. Die Spanische Allee in Zehlendorf etwa heißt nicht so, weil sie directamente nach Madrid führt, sondern weil die Legion Condor mit ihren Bombardements Picasso zu seinem berühmten Bild "Guernica" verholfen hat. Aber anstatt die Spanische Allee zu schleifen, beschließt die Bezirksversammlung Friedrichshain-Kreuzberg, – infiziert mit westdeutscher Regelungswut - die Hälfte aller Straßen und Plätze nach Frauen zu benennen.

Solange die Knitten-Quote nicht erfüllt ist, genehmigen die selbsternannten Volkserzieher keine Männer-Namen mehr. Und so darf denn der Platz vor dem Jüdischen Museum nicht nach Moses Mendelssohn benannt werden. Das "Komitee für hyperkorrektes Verhalten" hat deshalb beschlossen, dem  Platz den Namen des Ehepaares zu geben: "Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz".

Apropos Platz. Der oberste auf den Siegertreppchen dieser Sportwelt war häufig genug für unsere "Diplomaten im Trainingsanzug" reserviert. "Weil das alle Anaboliden waren" keifte es reflexartig von jenseits der ehemaligen Demarkationslinie. Ich habe als 16-Jähriger ein Jahr lang beim SC Dynamo Berlin in Hohenschönhausen trainiert; zweimal pro Tag, sechs Tage die Woche - ohne auch nur ansatzweise die Chance auf einen Platz in der Nationalmannschaft zu besitzen. Dennoch war ich stolz, zur Elite zu gehören. Ja, in der DDR wurde gedopt. Und ja, da waren Verbrecher am Werk, die auch Kinder mit Dreckszeug vollgestopft haben. Viele Trainer und Funktionäre sind bestraft worden.

Aber die Studie der Humboldt-Universität beweist: Niemand aus der alten Bundesrepublik hat das Recht, mit dem Finger auf uns zu zeigen.

Also wirklich: Schnauze Wessi!

Beitrag von Thomas Kroh

7 Kommentare

  1. 1.

    Als Wessi seit acht Jahren in Prenzlauer Berg kann ich diesem Artikel (fast) voll und ganz zustimmen. Übrigens war auch West-Berlin vor der Maueröffnung in vielen Bereichen wesentlich interessanter und nicht so spießig und konsumorientiert wie heutzutage die gesamte Stadt (bis auf wenige Ausnahmen)...
    Leider hat Thomas Kroh vergessen zu schreiben, dass der Weg in diese Scheiße von beiden Seiten forciert wurde und weiterhin auch wird. Als ich vor 24 Jahren, meist an Montagen die Rufe nach der Dä-Mark aus Leipzig hörte, wurde mir damals, ob der zu erwartenden fatalen Folgen, kotzübel! Vorwerfen kann ich das aber nicht nur den Leuten auf einer Seite der Mauer.

  2. 2.

    Und doch hat der Autor Recht, auch in all seinen (bewußt) überspitzten Äußerungen ....... das erlebe ich im PRENZLAUER BERG täglich, als einer der wenigen, die da noch da leben und das länger als 20 Jahre. Inklusive solcher Sprüche, wie es den sein kann, daß ich immer noch hier lebe, weil eigentlich wären wir ja schon vor ein paar Jahren "ausgestorben" ....... Sehr guter, amüsanter Beitrag!!!!!!!!!!

  3. 3.

    Der Hass auf den Wessi - wohl eine salonfähige Form der Fremdenfeindlichkeit. Wer sich von den Ossis dazu nicht zu schade ist - nur zu! Ist es vielleicht der Neid auf die betuchteren Wessis? Im Ruhrgebiet würde sich mit Sicherheit niemand trauen, derart abfällig über zugezogene Ossis zu reden.

  4. 4.

    Eines haut aber nicht hin. Naschwerk hatten wir, zu mindestens in Dresden im Tal der Ahnungslosen und das hat ordentlich geknallt. Bezeichnungen wie "Schwarzer Sachsenwerker" machten die Runde im Tal der Wissenden!

  5. 5.

    Es ist sicher richtig, das es in der DDR mehr als den lebensnotwendigsten Grundbedarf gab - aber nicht immer und überall. Richtig war auch, dass Berlin wegen der Propaganda besser versorgt wurde als die Provinz.

    Ich selbst bin in der Provinz aufgewachsen und 2005 nach Berlin gezogen. Für die Urlaubsanreise nahmen meine Mutter und ich immer den ersten Zug um 4.23 Uhr, um auf der Durchreise einen grossen Teil des Anreisetages in Berlin zu verbringen. Ich wollte in Museen und zu architektonischen Sehenswürdigkeiten, meine Mutter vorallem ins CENTRUM-Warenhaus am Alexanderplatz. Trennen wollte sie sich nicht, aus Angst, sich in Berlin zu verfahren und zu verlaufen. Wir haben immer einen Kompromiss ausgehandelt, aber vor dem Kaufhaus hat mir jedes mal gegraut.

    Es war schon nervig, oft nach allem möglichen von einem Geschäft zum nächsten laufen zu müssen. Den Kapitalismus wollte ich trotzdem nicht.

  6. 6.

    Die Parkraumbewirtschaftschaftung mit dem Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR zu vergleichen, war ein voller Griff ins Clo.

    Das sage ich zum einen als Stasi-Opfer, das für seinen Einsatz für Umweltschutz und Demokratie verfolgt wurde, ohne gegen den Sozialismus zu sein.

    Das sage ich zum anderen, weil der Wahnsinn des automobilen Individualverkehrs in Hinblick auf seine ökologischen Auswirkungen viel zu wenig reguliert wird. Mir ist während der mörderischen Hitzeperiode zu Hause am Schreibtisch der Schweiß in Strömen über meinen nackten Oberkörper gelaufen. Was dann zum Beispiel erst Hochwasseropfer und ihre Helfer aushalten mussten! Ich wäre trotz Hitze gefahren, wenn ich mir auf der Einsatzfahrt am 11. 6. 2013 nicht das Bein gebrochen hätte. Berlin kann über den ÖPNV nicht meckern, deshalb muss der private PKW-Verkehr, ausser für Schwerbehinderte und besonders schutzbedürftige Amtsträger (Merkel usw.) verboten werden.

  7. 7.

    Ein grossartiger, wenig kritikwürdiger Beitrag.

    Die ironische Feststellung über den Bildungsstand in der DDR ist zu grossem Teil richtig, dennoch hatten wir keine Musterjugend. Aus Hochbegabtenhaß wurde ich grausam gemobbt wie es an einer West-Schule wahrscheinlich auch gewesen wäre. Durch die jahrelange Streßvergiftung des Gehirns erlitt ich einen völligen Kräftezusammenbruch, später chronisch wiederkehrende Erschöpfung bei psychischem Streß. Heute muss ich mich von sozialrassistisch verhetzten Mitarbeitern einer "Krankenkasse" mit einem gebrochenen Bein wie der letzte Dreck ignorieren lassen. Ohne die Hilfe eines Freundes trotz selbst knapper Zeit, den ich 2003 als Workcamp-Freiwilliger kennen lernte, würde ich in Dreck und wahrscheinlich mit Ungeziefer vegetieren.