Baustelle an der Staatsoper Unter den Linden (Bild: dpa)

Eröffnungstermin unsicher - Baustellenbesuch beim Sanierungsfall Staatsoper

Bis Oktober 2015 sollte die Staatsoper unter den Linden eigentlich saniert sein, doch inzwischen setzt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hinter diesen Termin ein großes Fragezeichen. Beim Blick hinter die Kulissen offenbart sich derzeit eine Baustelle. Zwei Besuche dort - im Winter und im Sommer 2013 - werfen zahlreiche Fragen auf.

Baustellenbesuch Ende Februar 2013: Gerade wird eine eisfreie Zwischenzeit genutzt, um mit den Fundamentarbeiten für das Gebäude fortzufahren, das später einmal die verschiedenen Probebühnen der Staatsoper beherbergen soll. Die Arbeiten im Berliner Untergrund sind gerade an dieser Stelle nicht einfach, denn Berlin ist auf Sand und Sumpf gebaut. Außerdem ist das Opernhaus schon 1741 auf einem zuvor zugeschütteten Wassergraben der früheren Berliner Stadtbefestigung errichtet worden. Das macht den Baugrund instabil. Natürlich kann man so etwas heute in den Griff bekommen. Aber es verteuert und verzögert die Baumaßnahme.

Hier wird noch gebaut: Die Fassade der Staatsoper im August (Foto: Gressel-Hichert)
Hier wird noch gebaut: Die Fassade der Staatsoper im August.

Überraschende Funde im Untergrund

Trotz umfangreicher Probebohrungen fand man in den vergangenen Monaten "unerwartet" Reste aus ältereren Siedlungsschichten in Form von zahlreichen Holzpfählen. Angeblich war darauf in heute 17 Metern Tiefe im Mittelalter ein Teil der Berliner Stadtmauer gegründet worden. Für wirklich sichere Fundamentarbeiten mussten diese entfernt werden.

Ein weiteres Problem ist das Grundwasser, das bei so tief gebauten Gebäuden wie den Probebühnen und dem unterirdischen Verbindungskanal zwischen Proberäumen und der eigentlichen Staatsoper äußerst unerfreuliche Auswirkungen hat: Es könnte bei zu dünnen oder undichten Betonsohlen einfach nach oben sickern oder den Bau insgesamt in eine Schieflage bringen. Seefestspiele im Untergrund der Staatsoper sind aber bisher im Spielplan nicht vorgesehen.

Der zweite Baustellenbesuch im August 2013: Ja, es geht voran auf der Baustelle. Das erste Untergeschoss der Probebühnen scheint im Rohbau fertig, Gerade werden Zwischendecken auf der Ebene des Erdgeschosses eingezogen. Niemand spricht hier mehr davon, dass diese Räume mal geplant waren, um einen Großteil der Bühnenbilder unterzubringen, jetzt ist im Wesentlichen von flexiblen Studios die Rede. Ob die wirklich alle gebraucht werden?

Wer wird den 20 Millionen teuren Tunnel nutzen?

Und wozu dient dann der mehr als 20 Millionen teure Tunnel zwischen Probestudios und Oper, wenn er nicht wie ursprünglich für die Kulissenschieber benötigt wird? Und sind die angeblich um bis zu eine Million erhöhten Betriebskosten durch die Tunnelheizung schon irgendwie in die Gesamtbetriebskostenrechnung einbezogen worden?
 
So ist denn auch der Verbindungsgang zwischen Staatsoper und Probebühnen nach wie vor mit einer Spundwand von den Probebühnenfundamenten getrennt und mit Sand aufgefüllt. Gleich am Eingang liegen die in der Tiefe gefundenen Holzpfähle, die allerdings nicht nach jahrhundertealten Pfahlfundamenten aussehen, sondern neueren Datums zu sein scheinen.

Gutachten wurde ignoriert

Der Blick vor und hinter den Eisernen Vorhang der Staatsoper hat sich in den letzten sechs Monaten nur wenig verändert - zumindest auf den ersten Blick. Schaut man genauer nach, dann bemerkt man die Veränderungen vor allem im Fundament-Bereich. Dort sind mittlerweile meterdicke Fundamente gegossen, die die neue und aufwändige Bühnentechnik tragen und das alte Haus sichern sollen. Überall werden dicke Stahlbleche verbaut und Träger eingezogen. Denn das neue Haus soll in puncto Bühnenbild und Flexibilität keine Wünsche offen lassen.

Gleichzeitig soll es aber nicht zusammenstürzen. Das hätte gut passieren können, als man wider besseres Wissen den Bühnenturm entfernte, um eine neue um vier Meter angehobene Dachkonstruktion über dem Zuschauerraum zu errichten. Ein Gutachten aus dem Jahre 2001, das vor dieser Gefahr warnte und auf die Kriegsschäden aus dem Jahre 1943 verwies, wurde offenbar ignoriert.

Rekonstruktion der Decke wird zur Puzzle-Arbeit

Eine Auflage zum Umbau hieß: Erhalt der Decke aus den 50er Jahren. Dazu wurde die ursprüngliche Decke des Zuschauerraums in kleine handliche Stücke zersägt, mit neuen stabilen Aufhängungen versehen und erst einmal eingelagert. Ob man dieses Puzzle wieder so hinkriegt wie es mal war? Und ob das wirklich mit den Vorschlägen des Denkmalschutzes gemeint war?
 
Dass die um 4 Meter angehobene Decke eine bessere Akustik bringt, ist von Akustikern berechnet worden. Mal sehen oder besser mal hören, ob das dann auch klappt. Akustik ist eine Wissenschaft für sich und ein altes Gebäude hat seine Tücken. Momentan jedenfalls ist zwar der Aufbau verstärkt worden, aber die eigentliche Deckenkonstruktion ist noch nicht sichtbar.

Großbaustelle Staatsoper Unter den Linden mit Friedrichswerder Kirche im Hintergrund (Foto vom 30.08.12, Quelle: imago)
Die Sanierung der Staatsoper unter den Linden wird zur Großbaustelle.

Die Inneneinrichtung ist den Sanierungsarbeiten schutzlos ausgeliefert

Es gehört zu den traurigen Erlebnissen eines zweimaligen Rundgangs mit sechs Monaten Zeitunterschied, wenn sich nur wenig ändert an dieser doch so wichtigen Kulturbaustelle. Und auch der Hinweis, dass überall denkmalgeschützte Teile der Inneneinrichtung im Zuschauerraum und im Apollo-Saal dem Zahn des Umbaus ziemlich schutzlos ausgesetzt sind, hat keine Veränderung erfahren. Handläufe sind teilweise ungeschützt, Filigrane Treppengeländer nicht abgedeckt, Decken-Schmuck scheint zum Teil schon restauriert, während noch nicht mal die Decke erneuert ist.
Ende 2015 soll die Staatsoper wieder Unter den Linden residieren. Zwei Jahre später als von der Politik gewünscht und - so befürchten Skeptiker - selbst das ist eher unwahrscheinlich. Auch der Kostenrahmen, immer wieder angehoben und zuletzt bei 288 Millionen Euro angelangt, gilt als zu tief kalkuliert. Im Herbst soll es neue Schätzungen geben. Schon jetzt sprechen nicht nur Skeptiker vom größten Kulturdesaster Berlins.

Beitrag von Jürgen Gressel-Hichert