Kranzler am Kurfürstendamm (dpa-Archivbild)

Der West-Berliner - "Wird Zeit für eine Renaissance von West-Berlin!"

Die Frage, ob man aus Ost oder West kommt, fand er schon immer schlicht dumm. Eine Antwort hat Ansgar Hocke trotzdem: "Ich bin ein alter West- Berliner!" Und West-Berlin war cool! Zeit, dass das alte West-Berlin endlich mal wieder geschätzt wird.

Es wird höchste Zeit für eine Renaissance West–Berlins. Damit ist nicht nur ein attraktiver Breitscheidplatz und ein gestylter Bahnhof Zoo gemeint, sondern die Akzeptanz der Geschichte West Berlins, die Anerkennung der Insulaner, die geblieben sind – trotz des permanenten Geredes von der sterbenden Stadt.

Wir müssen endlich die Deutungshoheit über unsere Biographien erlangen: "Ich bin ein alter West- Berliner!" dieser Satz muss oft und selbstbewusst ausgesprochen werden, auch auf die Gefahr hin, dass wir mitleidig belächelt werden: Ha ha, West Berlin, die Stadt am Tropf, die Idylle an der Mauer, der Filz! Urteile, die vor allem von Zugezogenen stammen, jenen, die früher Wessis genannt wurden, egal ob sie aus dem Norden, Westen oder Süden der Bundesrepublik gekommen sind.

Inzwischen haben sie ihr Quartier in der Hauptstadt aufgeschlagen. Viele von denen sahen die West-Berliner in den 70ern nicht einmal von der Seite an. "Kommen Sie eigentlich aus Ost oder West-Berlin?" Diese Frage war nur dumm, gestellt wurde sie trotzdem ständig.

West-Berlin war aufmüpfig und kritisch

Wer nach West-Berlin versetzt wurde, fühlte sich ohnehin schon strafversetzt und abgeschoben. Für den einstigen Kanzler Konrad Adenauer begann gleich hinter Braunschweig die asiatische Steppe.

Wir West–Berliner dagegen fanden es hier alles andere als staubtrocken und wir fühlten uns auch nicht ständig eingemauert. Alles war irgendwie aufmüpfiger, kritischer in der Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole, hier, wo sich die nichtspießigen Westdeutschen und die Wehrdienstflüchtlinge zusammen mit den Touristen tummelten, weil alle gemeinsam dank fehlender Sperrstunde einen letzten Absacker vor dem allerletzten Absacker trinken konnten.

Nicht nur die Clubs der Amis, Briten und Franzosen sorgten für eine offene Atmosphäre. West-Berlin besaß damals eine einzigartige Kultur und Kunstszene: Die Schaubühne, das Schillertheater, die Deutsche Oper, die Vagantenbühne, Programmkinos wie die Filmbühne am Steinplatz oder das Odeon in Schöneberg, die Kneipen, die Fülle der politischen Buchläden, die Wochenmärkte, die kreative alternative Szene und die Universitäten. Spießer gab es woanders und den aufrechten Gang lernte die junge Generation spätestens ab 1968. Prügel gab es von den Eltern dafür mehr als genug.

Kreuzberg (dpa-Archivbild)
Sich kreativ ausleben? Geht immer noch in Kreuzberg.

Die West-Berliner wussten, wie verletztlich die Stadt ist

Zum West-Berliner Leben gehörten aber auch Erlebnisse, bei denen einem Angst und Bange werden konnte. Wenn etwa wieder mal dutzende sowjetische MiG-Kampflugzeuge anlässlich einer Bundestagssitzung in der Kongresshalle über unsere Köpfe hinwegdonnerten oder die Mütter ihre Kinder von der Straße heim holten, weil die sowjetische Armee in Prag einmarschierte und sie fest davon überzeugt waren, dass die Truppen auf dem Marsch dorthin West-Berlin gleich mit einkassieren würden. Wer im Westteil aufwuchs, spürte die ständige Suche der Stadt nach Überlebensstrategien: Es ging stets um den freien Zugang, um die Lebensfähigkeit.

Von Kindheit an durchlebte der West-Berliner die politischen Launen der Sowjetunion ebenso wie die des DDR-Politbüros oder der DDR-Grenzer. Es war leicht zu spüren, wie verwundbar dieses West-Berlin war. Manchmal hatten wir die stundenlangen Staus und die sächsischen Vopos an der Grenze satt; schlechte Laune aber bekamen wir deshalb noch lange nicht.

Auch nicht wegen des Dünkels der anderen Seite. Der verstorbene ehemalige Regierende Bürgermeister Dietrich Stobbe beklagte zu Recht die Ignoranz und Überheblichkeit zwischen Flensburg und Konstanz gegenüber ihrer Exklave: Alle Menschen, die in West-Berlin lebten, waren "sich der Tatsache klar bewusst, dass der freie Teil der Stadt im Konfliktfall keine sechs Monate ohne Schutz und Hilfe hätte überleben können".

Rathaus Schöneberg (dpa-Archivbild)
Bis 1993 wurde im Rathhaus Schöneberg (West-)Berliner Politik gemacht.

Wir ahnten, dass die Notreserve der Stadtregierung, ob Schweineschmalz oder Kohle, wenig hätte ausrichten können. Wir waren dankbar für die militärische Präsenz der Alliierten nach Blockade, Chruschtschow-Ultimatum und Mauerbau.

Das alles hing zusammen mit der leidigen Frage: Wie viel Bundespräsenz ist in West-Berlin erlaubt? Darf ein Bundesumweltamt oder die Deutsche Nationalstiftung an die Spree ziehen, darf die nächste Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten in der Kongresshalle tagen? Das nervte und es dauerte verdammt lange bis die Sowjetunion die außenpolitische Vertretung West-Berlins durch den Bund anerkannte. Das Viermächteabkommen ermöglichte endlich einen reibungslosen Transitverkehr und bessere Besuchsregelungen.

Viele waren einfach nur happy über die simple Tatsache, dass man mit denen da drüben wieder telefonieren konnte, vorausgesetzt die Lieben im Osten hatten so etwas wie ein Telefongerät daheim.

Personalausweis West-Berlin (rbb)
Leben in West-Berlin - ein behelfsmäßiger Zustand.

Ungeliebt, aufgepäppelt, aber kreativ - das waren wir

Für die Bonner war West-Berlin das fünfte Rad am Wagen, ungeliebt, weil aufgepäppelt mit Milliarden. Uns ließ das kalt. Zugegeben, es fehlte diesem seltsamen Stadt-Konstrukt irgendwann Mitte der achtziger Jahre die Richtung. Drehscheibe für die Wirtschaft und für die Politik zwischen Ost und Westeuropa zu sein - das klappte mit der geteilten Stadt trotz aller Versuche nicht so recht.

Es traf vollkommen zu, was in jedem kleinen grünen Personalausweis zu lesen stand: Behelfsmäßig. Na und! Diesen behelfsmäßigen Zustand mit viel Geduld, mit einem bunten, kreativen, kulturellen Leben erfüllt zu haben, während andere uns abgeschrieben haben, ist ein Verdienst der West-Berliner. Und damit müssen wir alle nerven: die Schwaben genauso wie die Ost-Berliner.

Beitrag von Ansgar Hocke

6 Kommentare

  1. 1.

    Immer wieder schön, wie AH die Dinge auf den Punkt bringt, weiter so !!!

  2. 2.

    Interessante Analyse, auch für einen "Wessi" (Gelegenheits-Berliner) aus dem Süden der Republik, der die Entwicklung in Berlin mit Leidenschaft aus der Ferne beobachtet.
    Guter Diskurs. Weiter so!

  3. 3.

    Es tut einfach gut, so etwas mal wieder zusammengefasst zu lesen.
    Dank dafür.

  4. 4.

    Super gute Zusammenfassung - ich kann jeden Gedankengang bestätigen. Problematisch finde ich heutzutage aber auch die "Ex-Ossis", besonders die um Ende 30, die jetzt überall sagen, wo`s lang geht. Und wir, die Alt-Wessis, lassen sie, weil wir ihnen gegenüber ein latent schlechtes Gewissen haben. Denn wir durften uns ja schon verwirklichen und sie...nun, sie sollen eben jetzt ihre Chance haben. Nur leider sind die meisten angepasste Streber, die vom alten Politik- und Sozialkampf nix mitbekommen haben und nur mit den Schultern zucken, wenn Gewerkschaften oder Mitarbeitervertretungen zum Arbeitskampf aufrufen. Da ist nichts mit Solidarität den Alt-Wessis gegenüber, keine Anerkennung für ihren Kampf, den wir mal gekämpft haben damit es auch ihnen heute so gut geht wie es ihnen geht. Das ist schade und finde ich auch ärgerlich.

  5. 5.

    Ich glaube, aus eigener Erfahrung sagen zu können, das Westberlin den Ruf als Ort der Distanz zu kulturellen Konventionen nicht zu Unrecht trug.

    Bei meinem ersten Besuch 1989 geriet ich zufällig in eine Schwulendisco. Mit staunend aufgerissenen Augen nahm ich wahr, wie dort die meisten jungen Männer in Jeans mit nacktem Oberkörper tanzten, einige in ärmellosen Muskelshirts und einige sogar nur in knappen Laufshorts. Weil mir der überaus starke Tabakqualm in den Augen brannte, ging ich gleich wieder, obwohl ich eigendlich so gern geblieben wäre. Ich kann nicht sagen, wie es in der Ostberliner Schwulenszene zuging. Ich bin in der tiefsten DDR-Provinz aufgwewachsen. Dort wäre so etwas völlig undenkbar gewesen. Nach Berlin bin ich dann erst 2005 gezogen.

  6. 6.

    Alles richtig und scharf und liebevoll beobachtet, was Ansgar Hocke schreibt. Ich finde unser Leben von damals gut beschrieben.
    Was mir altem West-Berliner die Identifikation mit dieser Zeit aber dennoch erschwert, ist das damals vorherrschende Minderwertigkeitsgefühl der West-Berliner, das aus dem Bewusstsein des Alimentiertwerdens rührte und das sich gern in unerträglicher Großsprecherei äußerte. Aus "Schnauze mit Herz" war irgendwann bloße "Schnauze" geworden. Ganz und gar unerträglich war doch auch die Argumentation der West-Berliner, dass sie einen Anspruch auf Berlin-Zulage hatten, weil sie für die Freiheit kämpften (in ihren Schrebergärten mit 'nem Schultheiß in der Hand)

Graffito gegn Schwaben im Prenzlauer Berg (dpa, Archivbild)

Der Ost-Berliner - "Schnauze, Wessi!"

Thomas Kroh ist genervt vom neuzeitlichen Biedermeier, das sich im Osten Berlins ausbreitet. Tauschen würde er trotzdem nicht, weder seine Vergangenheit, noch das Jetzt - trotz Bio-Bäcker-Schwemme in Prenzlauer Berg. Aber auf die Westler-Kommentare kann er gerne verzichten, darum "Schnauze, Wessi".