3. bis 20. Mai 2013 -
Vorhang auf für das Berliner Theatertreffen!
Im Haus der Berliner Festspiele ist am Freitagabend das 50. Theatertreffen gestartet. Den Auftakt des Schaulaufens deutschsprachiger Bühnen machte Michael Thalheimers Inszenierung der "Medea".
Ein Jubiläum gilt es zu feiern: Das Berliner Theatertreffen, in der Zeit des Kalten Krieges als kulturelles Schaufenster des Westens gegründet, wird 50 Jahre alt. Eröffnet wurde das Theatertreffen mit Michael Thalheimers Sicht auf "Medea" (Schauspiel Frankfurt) und zieht auch im Jubiläumsjahr wieder die wichtigsten Köpfe der deutschsprachigen Theaterwelt an: Intendanten, Regisseure, Theaterkritiker.
Dabei erscheint das Festival so munter wie ehedem und hat auch nach dem Fall der Mauer seine herausragende Stellung als Seismograph zeitgenössischen Theaters nicht verloren. Und wie jedes Jahr ist das Publikum gespannt, ob die von einer Kritikerjury ausgewählten Inszenierungen die hohen Erwartungen erfüllen können, die an das wichtigste Bühnenfestival im deutschsprachigen Raum gestellt werden.
Programm, Spielpläne, Service-Informationen auf den Seiten der Berliner Festspiele.
"Murmel Murmel" - einzige Berliner Aufführung
Ein neuer Rekord ist zu vermelden: Die siebenköpfige Jury hat insgesamt 423 Inszenierungen in 69 Städten besucht. Es wurden 711 Quoten verfasst, bevor man zehn Aufführungen als besonders "bemerkenswert" herausfilterte. Für die vermeintliche Kultur- und Theaterhauptstadt Berlin blieb diesmal nur eine einzige Einladung übrig: für die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mit "Murmel Murmel" (Regie: Herbert Fritsch).
Die aus nur einem Wort bestehende Aufführung nach einem grafischen "Murmel"-Textgebirge von Dieter Roth ist ein bizarrer Blödsinn, ein surrealistischer Scherz, sehr amüsant, ein Fest für tollkühn grimassierende Schauspieler, aber doch auch ziemlich banal und überflüssig. Ob Thomas Ostermeier (Schaubühne) oder Claus Peymann (Berliner Ensemble), Andreas Kriegenburg (Deutsches Theater), Frank Castorf (Volksbühne) oder der nach Stuttgart abwandernde Armin Petras (Maxim Gorki): keiner der Berliner Theater-Platzhirsche kam in die engere Wahl. Aber da erging es ihnen wie den meisten der in die Jahre gekommenen deutschen Regie-Stars: sie wurden einfach ignoriert.
Klassiker in neuer Gestalt: "Medea" von Euripides eröffnet das diesjährige Theatertreffen. Das Schauspiel Frankfurt lässt unter der Regie von Michael Thalheimer im universellen Mythos das Konkrete aufscheinen.
Außenseiterhass in einer repressiven Gesellschaft: "Orpheus steigt herab", ein selten gespieltes Stück des US-amerikanischen Dramatikers Tennessee Williams, wurde von Sebastian Nübling an den Münchner Kammerspielen inszeniert.
Jahrmarkt der Eitelkeiten - "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall." von Elfriede Jelinek wird ebenfalls von den Münchner Kammerspielen präsentiert. Seltsame Gestalten flanieren unter Johan Simons’ Regie über die Bühne.
Rhythmisches Körpertheater : Aus Berlin ist die Volksbühne mit "Murmel Murmel" dabei, einem Stück von Dieter Roth. Der Text stand noch nie bei Regisseur Herbert Fritsch im Mittelpunkt - auch hier spielt man wortlos.
Panorama der Mitläufer und Opportunisten: Das Thalia Theater Hamburg präsentiert "Jeder stirbt für sich allein". Luk Percevals Inszenierung geht Falladas Widerstandsroman von 1946 konzentriert an.
Ich, Tod oder Glaube: Das Centraltheater Leipzig und die Ruhrfestspiele Recklinghausen 2012 sind mit Tolstois "Krieg und Frieden" dabei. Sebastian Hartmanns Romanadaption konzentriert sich auf zentrale Motive.
Angebot und Nachfrage, Moral und Intelligenz: Das Schauspielhaus Zürich zeigt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe". Erst am Ende kommt Sebastian Baumgartens Inszenierung im Heute an.
Wer ist hier behindert?: in "Disabled Theater" vom Schauspielhaus Zürich rütteln der französische Choreograf Jérôme Bel und das Schweizer Theater Hora kräftig an der Wahrnehmung ihres Publikums.
Ganz großes Theater: Das Schauspiel Köln ist dabei mit Gerhart Hauptmanns "Die Ratten". Karin Henkel führt ihr Publikum mit allen theatralischen Mitteln einmal ins menschliche Elend und zurück.
Schweigsames Paar im Schlafwagen: "Reise durch die Nacht" von Friederike Mayröcker ist ein weiteres Stück des Schauspiels Köln. Katie Mitchell macht aus Mayröckers feministischem Stück eine Studie heutiger Identitätszuschreibungen.
Gleichwohl lässt die Auswahl auf keinen neuen Trend schließen. Es ist eine bunte Mischung aus formalen, auch filmischen Experimenten, Bühnen-Klassikern und Adaptionen von Prosa-Stoffen. Auffällig ist die Konzentration auf politisch grundierte, sozial- und gesellschaftskritische Stoffe: In Luk Percevals Bühnen-Fassung von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" (Thalia Theater, Hamburg) geht es um Widerstand und Anpassung, Resignation und Utopie in der Nazi-Diktatur. Sebastian Baumgarten hebt mit Brechts "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe" (Schauspielhaus Zürich) zu einem bitteren Abgesang auf den krisenhaften Neoliberalismus an. Johan Simons begibt sich mit Elfriede Jelineks "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" (Münchner Kammerspiele") in die Abgründe der Luxus- und Mode-Gesellschaft. Und Karin Henkel zeigt, dass Gerhart Hauptmanns naturalistische Armutstragödie "Die Ratten" (Schauspiel Köln) uns heute noch mehr zu sagen hat, als manche vermuten.
Behinderte Menschen auf der Bühne
Überraschend ist auch, dass gleich zwei Inszenierungen ausgewählt wurden, in denen geistig und körperlich Behinderte auf der Bühne stehen. Wenn Julia Häusermann, eine junge Schauspielerin mit Down-Syndrom, zu Beginn von "Disabled Theater" (Regie: Jérome Bel, Theater Hora - Stiftung Züriwerk, Zürich) minutenlang regungslos das Publikum anstarrt, werden viele Zuschauer unsicher auf ihren Stühlen herum rutschen. Auch wenn die nur 90 Zentimeter kleine Schauspielerin Jana Zöll, die mit der sogenannten Glasknochen-Krankheit geboren wurde, in Sebastian Hartmanns Bühnen-Version von Tolstois "Krieg und Frieden" (Centraltheater Leipzig/Ruhrfestspiele Recklinghausen) als Napoleon auf dem Boden kriecht und einmal sogar nackt und schutzlos über die Bühne getragen wird, ist das sicherlich nicht jedermanns Sache: Hitzige Debatten sind vorprogrammiert.
Berliner Stückemarkt feiert Jubiläum
Im Übrigen feiert auch das Festival im Festival, der Berliner Stückemarkt, Geburtstag: er wird 35 Jahre alt. Deshalb hat man bei 30 bereits arrivierten Autoren, die in den vergangenen Jahrzehnten am Talentschuppen ihre ersten Theater-Sporen verdienten, Kurz-Dramen in Auftrag gegeben, die in Werkstatt-Inszenierungen vorgestellt werden (darunter Autoren wie Oliver Bukowski, Moritz Rinke, Thea Dorn, Rebekka Kricheldorf). Dazu werden fünf verstorbene Autoren in einem szenischen Archiv präsentiert (unter anderem Thomas Brasch, Ernst Jandl und Einar Schleef).
Die Geburtstags-Edition findet im nostalgischen Ambiente statt, in der Pan Am Lounge im Eden-Apartmenthaus (direkt neben Gedächtniskirche und Europa-Center), wo die Piloten und Stewardessen der längst untergegangenen Fluglinie ihre Freizeit verbrachten. Diskutiert wird beim Stückemarkt unter der Fragestellung "Verfall und Untergang der westlichen Zivilisation?" über das Woher und Wohin des Theaters. Geht es nicht auch eine Nummer kleiner?