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Seit fast einem halben Jahrhundert ist der gebürtige Berliner mit seiner Gitarre und seinen selbstkomponierten Alltagschansons unterwegs. Seit fast ebenso langer Zeit hält ihm seine Fangemeinde die Treue.
Er ist schon verdammt lange dabei: 1967, vor 45 Jahren, brachte Mey seine erste Single "Ich wollte wie Orpheus singen" heraus. Seither haben sich die Gitarren-Balladen des Berliner Liedermachers tief in unser musikalisches Gedächtnis eingegraben, mehr noch, sie sind deutsches Kulturgut geworden. "Der Mörder ist immer der Gärtner", "Über den Wolken" oder "Die heiße Schlacht am kalten Buffet" – wenigstens den Refrain dieser Ohrwürmer können die meisten mitsummen. Mal nachdenklich, mal ironisch, mal unbeschwert schlagen sie wohl genau den richtigen Ton an für die vorsichtigen Ausbruchsfantasien der Mittelschicht: meinungsstark, aber nicht subversiv, nicht gefällig, aber auch nicht wirklich gefährlich.
Solider Lebensweg
Reinhard Mey, der 1942 in Berlin-Wilmersdorf, mitten im Zweiten Weltkrieg geboren wurde, kommt aus einem liebevollen, bürgerlich-liberalen Elternhaus: Der Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter Lehrerin. "Ich muss es einfach sagen, von Herzen, dass ich nie einen Generationskonflikt mit meinen Eltern gehabt habe", meint Mey später einmal in einem Interview. Er besucht das Französische Gymnasium in Berlin, zu seinen Klassenkameraden gehören der spätere Weggenosse Ulrich Roski und die Politologin Gesine Schwan. Die Eltern unterstützen die musikalischen Ambitionen des Sohnes, der mit fünfzehn seine erste Band, die Rotten Radish Skiffle Guys gründet, nach dem Abitur aber auf Nummer sicher geht und eine solide Berufsausbildung als Industriekaufmann bei der Schering AG Berlin hinter sich bringt.
Schlag um Schlag
Doch die Kaufmannslehre wäre gar nicht nötig gewesen, denn mit seiner Karriere geht es Schlag um Schlag: 1964 tritt er mit Gitarre und selbstgeschriebenen Chansons beim Folklore Festival auf Burg Waldeck im Hunsrück auf. Ein Jahr später veröffentlicht er seine erste Single, 1967 folgt der erste Plattenvertrag. Vor allem im Nachbarland Frankreich, wo er unter dem Pseudonym Frédéric Mey bekannt wird, ist Mey sehr beliebt. Dank des Berliner Gymnasiums akzentfrei französisch singend, wird der große Brassens-Fan in der Pariser Olympia-Halle gefeiert. Doch spätestens seit der zweiten LP 1969 "Ankomme, Freitag, den 13." feiert man ihn auch in Deutschland.
Private Songs
Seine Stoffe, seinen Sound, seinen Stil hat er früh gefunden, über die Jahre beibehalten und variiert. Alle seine Lieder sind im besten Sinne poetische Allerweltsgeschichten, zwischen Weh- und Übermut, voller Klarheit und Schmelz um Themen wie Liebe, Freundschaft, Sehnsucht oder Wut kreisend. Mey erzählt von dem, was er beobachtet, was ihm begegnet, was er kennt. Ohne Scheu lässt er auch Privates einfließen: "Mein Berlin" widmet er seiner Heimatstadt, in der er bis heute mit seiner zweiten Frau Hella lebt, er singt über das Familienleben und in seinem bislang letzten Studioalbum auch über seinen Sohn Maximilan, der 2009 ins Wachkoma fiel.
Singender Weltverbesserer
Zwar bezieht der überzeugte Pazifist und aktive Tierschützer in Songs wie "Nein, meine Söhne geb' ich nicht"oder "Die Würde des Schweins ist unantastbar" durchaus auch politisch Position. Doch für viele Kritiker war "der singende Weltverbesserer" im Vergleich zu seinen klassenkämpferischen Kollegen wie Wolf Biermann, Hannes Wader oder Franz-Josef Degenhardt zu brav. Er wurde als "Rückzugslyriker" abgetan, "Heino des Dritten Programms" nannte ihn Dieter Hildebrandt, "sanfter Wüterich" die taz.
Klassensprecher der Rebellen
Doch allen Kritiken zum Trotz – langfristig hat sich das Beharren auf dem ganz eigenen Stil wohl für ihn ausgezahlt. Der "Klassensprecher der Rebellen", wie ihn Richard David Precht in der Zeitung Die Welt bezeichnete, überlebte die seichten Schlager der Siebzigerjahre, die Neue Deutsche Welle in den Achtzigern und zählt bis heute zu den erfolgreichsten deutschen Liedermachern. Der dreifache Familienvater und Hobbyflieger ist in aller Ruhe mit seinen Fans alt geworden: ein Zweiwohnsitz auf Sylt, zwei Bundesverdienstkreuze, keine Skandale, keine Extravaganzen, keine Durchhänger. Pünktlich alle zwei Jahre veröffentlicht Mey – immer im Mai – ein neues Album. 25 Studio-Platten hat er auf diese Weise erschreckend zuverlässig seit 1967 produziert, außerdem Live-Alben, Best-Of-Sampler und einige LPs in Frankreich. Mey hat wohl alles, was man zum Überleben in der Branche braucht, nicht zuletzt Talent und Stehvermögen. Auch wenn er für viele nicht wild genug, zu wenig unangepasst, zu wenig wandelbar ist – vielleicht hat er einfach beschlossen, so zu sein, wie er ist. Und das ist eigentlich verdammt viel.
Ula Brunner
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/musik/themen/reinhard_mey_wird.html