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Das Schicksal der in Russland inhaftierten Frauen-Punkband "Pussy Riot" bewegt die Musikszene. Stars wie Sting, die Red Hot Chili Peppers oder Franz Ferdinand haben sich bereits solidarisch erklärt. Nun ist der Protest auch in Berlin angekommen. Im Cassiopeia in Friedrichshain gab es am Dienstagabend, 31.7., ein Benefizkonzert für die drei russischen Musikerinnen.
"Eine Punkband hinter Gittern? - Wir finden das geht gar nicht! Putin soll endlich verschwinden!" Für diese klare Ansage erntete Radio Havanna-Sänger Christian Fichtner tosenden Applaus der rund 250 Zuschauer. Die Tickets für das Benefizkonzert waren nach nur drei Tagen ausverkauft und im Cassiopeia ging es zum Teil so zu, wie in dem Videoclip, den Pussy Riot in der Moskauer Erlöserkirche gedreht hatte. Es war ein Abend zum Austoben und Pogo tanzen, dafür sorgten zwei Punk- und eine Hardcoreband.
Außerdem gab es für jeden Zuschauer am Eingang eine Stoffmaske im Pussy Riot-Stil. Einige trugen T-Shirts mit der Aufschrift: "Free Pussy Riot". Zum Höhepunkt des Konzerts posierten alle Zuschauer maskiert für ein Solidaritätsfoto, das via Facebook verbreitet werden soll.
Geld für den Pussy-Riot-Verteidigungsfonds
Initiator der Veranstaltung war die Berliner Punkband Radio Havanna. "Wir fühlen uns durch die Musik mit Pussy Riot verbunden", sagt Christian Fichtner. "Man muss klare Aussagen machen dürfen. Wenn wir gegen Angela Merkel singen, interessiert das doch auch keinen." Radio Havanna ist bekannt dafür, sich immer wieder für NGOs und gegen Neonazis zu engagieren. Die Gruppe um den charismatischen und auf der Bühne äußerst präsenten Sänger mit der Iro Frisur macht seit zehn Jahren deutschsprachigen melodischen Punk und war schon mit Flogging Molly, Lagwagon und Good Charlotte auf Tour.
Die Musiker von Radio Havanna hatten sich ins Cassiopeia zwei befreundete Bands eingeladen. Als Einheizer "Smile and Burn", eine Berliner Hardcorecombo und als Highlight aus den USA "Anti-Flag", eine der international bekanntesten Polit-Punkbands.
Der Erlös des Konzerts, rund 2500 Euro, soll dem Pussy-Riot-Verteidigungsfonds zu Gute kommen. In diesem Fonds sammeln mehrere NGOs Geld, damit sich die inhaftierten Musikerinnen gute Anwälte leisten können. Auch Amnesty International war auf dem Konzert mit einem Stand vertreten, um Unterschriften für eine Petition zu sammeln und diese der Staatsanwaltschaft in Moskau zu schicken. Doch Jakob Weberstaedt von Amnesty International warnt vor all zu großen Erwartungen: "Amnesty kann oft mehr erreichen, als man glaubt, allerdings eher bei kleineren Fällen, wenn zum Beispiel ein Staatsanwalt in der Provinz Menschenrechte verletzt. Bei Pussy Riot geht es eher um eine große politische Gemengelage."
"Mutter Maria, treibe Putin davon!"
Den zwischen 23 und 29 Jahre alten Frauen wird vorgeworfen, mit zwei anderen Band-Kolleginnen Ende Februar die orthodoxe Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau gestürmt und den damaligen russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin beleidigt zu haben. Die Pussy-Riot-Mitglieder hatten in einem "Punkgebet", mit Skimasken und Miniröcken bekleidet, "Mutter Maria, treibe Putin davon!" skandiert. Die Performance fand zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl statt, in der Putin zum dritten Mal zum Staatschef gewählt wurde. Videoaufnahmen von dem Vorfall zeigen schockierte Kirchgänger.
Die Frauenband hat am Montag zu Beginn des Gerichtsprozesses in Moskau ihre schrille Protestaktion verteidigt. Eine der Angeklagten sagte, es tue ihr leid, wenn sich Gläubige durch den Auftritt der Band angegriffen gefühlt hätten. Es sei nicht ihre Absicht gewesen, jemanden zu beleidigen, versicherte Nadezhda Tolokonnikova. Die Aktivistinnen erklärten, sie wollten mit dem Akt die enge Verzahnung von Staat und Kirche kritisieren. Pussy Riot sei eine politische Band, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung nutze. Zugleich räumten sie jedoch ein, dass der Auftritt in der Moskauer Erlöserkirche ein "ethischer Fehler" gewesen sei.
"Politische Vergeltung und Rache"
Sollten Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina – beide haben kleine Kinder – sowie Jekaterina Samuzewitsch verurteilt werden, drohen ihnen bis zu sieben Jahre Straflager. Vor dem Gerichtsgebäude riefen zahlreiche Unterstützer "Freiheit für Pussy Riot". "Das ist politische Vergeltung und Rache", schimpfte der frühere Vizeregierungschef und Regierungskritiker Boris Nemzow. Die Frauen sind von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als gewaltfreie politische Gefangene anerkannt.
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/musik/themen/solidaritaetskonzert.html