
Kurz-Check: "Peter Pan" - Angst vor dem Erwachsensein reloaded
Am 17. April hatte Robert Wilsons Inszenierung von "Peter Pan" mit der Musik der Schwestern CocoRosie am Berliner Ensemble Premiere. Leider schon zurück aus dem Neverland schildert Gunnar Krüger seine Eindrücke.
Das Thema
Ein Klassiker. Die Kindergeschichte von James Matthew Barrie erzäht von Peter Pan, dem Jungen der nicht erwachsen werden will. Von Wendy, die mit ihren beiden Brüdern Peter ins Nimmerland folgt. Von den verlorenen Jungs, die dort mit Peter Pan die Guten sind. Von Tinkerbell, der in Pan verliebten Fee. Von Captain Hook, Pirat mit miesem Personal. Und vom Krokodil mit der Uhr im Bauch. Es geht um Abenteuer mit Nixen, Hooks alten Streit mit Peter Pan, um die Sehnsucht der Lost Boys nach einer Mutter, um die verwirrenden Gefühle von Peter zu Wendy. Als Hook schließlich im Krokodilmagen gelandet ist gewinnt das Heimweh die Oberhand und Wendy kehrt mit ihren Brüdern zu den Eltern nach London zurück, ein paar Lost Boys im Gepäck. Aber eigentlich geht es in Wilsons "Pan" um etwas anderes. Angst vor dem Erwachsensein reloaded.
Die Inszenierung
Perfektionist Wilson bleibt sich treu. Mythische Traumbilder, alptraumhafte Gestalten, wundersame Schatten, versponnene Komik, beängstigend gutes Timing, überbordende Vielfalt der Regieeinfälle: Wilson ist ein Star und nicht nur das. Er hat das Theater über Jahre geprägt. Und so wird er gemessen am Klügsten, Schönsten, Versponnensten. Die Erwartungen werden jedenfalls erfüllt, das Niveau der Inszenierung ist ein Maßstab. Was kann man kritisieren? Das Wilson "nur" beste Unterhaltung liefert und keine Avantgarde? Das er aus Peter Pan ein schräges Pop Musical für Erwachsene macht? Kinder werden dem vermutlich nichts abgewinnen, richtig. Aber Wilson lotet das Stück neu aus und entlockt dem immer lustigen Mannkind Pan seine dunkle Seite, wie eine Reise auf die Rückseite des Mondes. Erwachsenwerden ist nicht das Problem, das Sein der Erwachsenen ist etwas, dem zu entfliehen sich indes lohnt.
Die Darsteller
Zunächst dem Gesamtensemble ein Chapeau! Grandiose Spielfreude, hervorragende Gesangspassagen und eine immense Beweglichkeit - das BE leuchtet. Die Hauptrollen: Die garstig angelegte Fee Tinkerbell, verkörpert von Christopher Nell, hat das Potenzial zum Klassiker. Ebenso Hook, den Stefan Kurt als unwiderstehlichen Widerling spielt. Muss man lieben. Wendy wird wunderbar schief und schräg mit viel Tanz und tollem Gesang von Anna Graenzer gegeben. Sabin Tambrea, der den Pan spielt, schafft die in Wilsons Logik notwendige, fein gebrochene Distanz zum Klischee Peter Pan. Bleibt das Krokodil. Und das hat einen echten Lacher. Mehr wird nicht verraten.
Die Musik
Wer CocoRosie nicht mag, hat mit dieser Aufführung ein Problem - könnte man denken. Das dem nicht so ist, liegt an einer überraschend tragfähigen Komposition, die man vom amerikanischen Schwesternduo so vielleicht nicht erwartet hätte. Sicher, die gequetschten Kinderstimmen kommen vor, die absichtlich wackeligen Gesangspassagen, das freakige CocoRosie Programm eben. Die Schwestern prägen das Stück maßgeblich, ohne ihm aber einfach simpel ihren Stempel aufzudrücken. Es ist über weite Strecken ein musikalischer Genuß. Der obendrein, Stichwort Perfektionismus, wunderbar mit der Inszenierung harmoniert. Feinfühliger geht es kaum. Die Damen waren anwesend und brachten ein Ständchen, nach der Vorstellung.
Das Bühnenbild
Toll. Schön. Ideenreich. Räume öffnen sich, Strecken werden zurück gelegt, Träume geträumt. Es sieht einfach aus, man ahnt aber, wie lange es dauerte, bis es so aussah. Im Programmheft sind Skizzen zum Bühnenbild enthalten, die genau diese Ahnung bestätigen. Serge von Arx hat hier mit Robert Wilson bildende Kunst und Theater einmal mehr glücklich zusammengeführt.
Die Publikumsreaktionen
Bravos, stehende Ovationen, man war hingerissen.
Der Spaßfaktor
Großer Spaß. Und man durfte ihn haben.























































