Probenfoto: Andrzej Dobber spielt die Titelrolle in "Rigoletto" an der Deutschen Oper Berlin (Copyright: Bettina Stöß)

Kurz-Check: "Rigoletto" - Eine spielt, die andere singt: Die Kunst der Improvisation

Ilona Marenbach hat bei der Premiere von "Rigoletto" an der Deutschen Oper einen der kuriosesten Opernabende miterlebt. Zwei von drei Hauptrollen wurden kurzfristig um- bzw. doppelbesetzt.

Das Thema

Rigoletto markiert den zynischen Hofnarr des Herzogs von Mantua, eines zügellosen Frauenhelden. Es macht ihm nichts aus, dass der Herzog zahllose Frauen und Mädchen verführt und sitzen lässt. Bis eines Tages seine eigene Tochter Gilda, von deren Existenz eigentlich niemand weiß, in die Fänge des Herzogs gerät. Rigoletto hat seine Tochter so von der Öffentlichkeit abgeschirmt, dass sie noch nicht einmal weiß, wie er heißt, was er macht und wer ihre Mutter war. Sie ist einsam, hat keine Vertrauten und kann somit die Vorgänge um sie herum auch nicht wirklich einordnen, hat sich aber unsterblich in den Herzog verliebt. Rigoletto bezahlt den Auftragsmörder Sparafucile, um den Herzog umzubringen. Der lässt sich jedoch von seiner Schwester, die sich ebenfalls in den Herzog verliebt hat, überreden nicht ihn, sondern den ersten, der nach Mitternacht hereinkommt, umzubringen. Gilda, die das Gespräch belauscht hat und weiß, dass der Herzog auch ihr untreu ist, opfert sich, um sein Leben zu retten. Rigolettos Rache hat sich gegen ihn selbst gerichtet.

Die Inszenierung

Kostüme und Bewegungen der Sänger sind modern, der Herzog trägt blau-graue Lederhose oder rosa Anzug, der Chor tritt mal in Straßenkleidung, mal mit schwarzen Kapuzenpullovern auf. Lediglich Rigoletto muss sich zumindest im ersten Akt in ein Hasenkostüm aus Goldlametta zwängen und auch Gildas weißlich-graues Kleid, das starke Ähnlichkeiten mit den drapierten Gardinen in ihrem Haus hat, deutet eher auf die Vergangenheit hin. Aber der Zeitbezug spielt eigentlich keine Rolle. Es ist eine schnelle Inszenierung, die der Tragik der Figuren eine gewisse Dichte verleiht.

Die Sänger

Und damit beginnt das Tragikomische der Inszenierung. Teodor Ilincai, der den Herzog spielen sollte, wurde drei Tage vor der Premiere durch den jungen amerikanischen Tenor Eric Fennell ersetzt. Warum, das blieb im Dunkeln. Es soll Streit gegeben haben, hieß es in der Pause. Fennell gab sich alle Mühe, allein sein Stimmvolumen war für die Größe der Deutschen Oper nicht ausgereift genug. Er sang schlicht zu leise, wurde vom Orchester, dem Chor und den anderen Solisten regelmäßig übertönt. Damit nicht genug. Noch eine Stunde vor der Premiere fehlte die Gilda. Lucy Crowe, die die Generalprobe noch mit Bravour gemeistert hatte, war am Morgen gänzlich ohne Stimme aufgewacht. Kurzerhand wurde Olesya Golovneva, die 2010 mit der Gilda ein furioses Debüt hingelegt hatte, aus Wien eingeflogen. Zu spät, um den schauspielerischen Teil zu übernehmen, aber gerade noch rechtzeitig, um zu singen. Das müssen Sie sich bitte so vorstellen: Lucy Crowe spielt und bewegt den Mund, Olesya Golovneva steht bescheiden am Bühnenrand und lässt ihre Stimme erklingen. Und wie! Grandios stimmgewaltig und damit auch Andrzej Dobber, der den Rigoletto spielte, ebenbürdig. Erwähnen möchte ich noch Albert Pesendorfer, der den Sparafucile sang und spielte und das sehr überzeugend.

Die Musik

Verdi eben, mit Gassenhauern wie "La donna è mobile", solide vorgetragen vom Orchester der Deutschen Oper. Sicherlich war es auch für den musikalischen Leiter, Pablo Heras-Casado nicht einfach, mit den kurzfristigen Umbesetzungen umzugehen.

Das Bühnenbild

Die Oper in der Oper. Auf der Bühne befand sich ein Zuschauerrang. Als Zuschauer saß man "Zuschauern" gegenüber, die sich genau so benahmen: ihre Sitzreihe suchten, das Programm lasen, auf die Uhr schauten, bis es endlich los geht. Mal wurde hinter und mal wurde vor dem Orchestergraben gespielt, sodass sich die Grenzen zwischen Spiel und Zuschauen immer wieder verschoben. Das Haus Rigolettos eröffnete sich, indem die Zuschauersitze nach oben gefahren wurden und eine Stahlkonstruktion sichtbar wurde, mit unterschiedlichen Ebenen, die über Leitern verbunden waren. Das Bühnenbild forderte vor allem dem großen Chor viel ab, denn er war ständig in Bewegung, musste klettern, grabbeln, kriechen, was nicht ohne Störgeräusche ablief.

Die Publikumsreaktionen

Anfangs leicht irritiert, durch die Ankündigung kurzfristiger Umbesetzungen. Dann noch irritierter durch die Doppelbesetzung der Gilda, denn man war ständig versucht, die Mundbewegungen von Crowe mit dem Gesang von Golovneva zu vergleichen. Sind sie synchron oder nicht? Nach meinem Befinden war alles super. Nach dem des Publikums offensichtlich auch, denn es gab während der Aufführung häufigen Szenenapplaus. Am Ende jedoch auch heftige Buhrufe beim Herzog, Fennell, und vor allem bei Jan Bosse, der den Rigoletto inszeniert hat. Leichte Missfallenskundgebungen habe ich auch beim musikalischen Leiter festgestellt, wobei ich das nicht nachvollziehen kann.

Der Spaßfaktor

Ich habe den Abend genossen. So ungewöhnlich improvisiert, aber trotzdem gelungen habe ich eine Oper noch nie erlebt (wobei ich gestehen muss, dass ich noch nicht sehr viele Opern gesehen habe, aber das vergessen Sie jetzt mal). Es muss für alle Akteure eine ungeheure Anstrengung gewesen sein, aber davon hat man nicht viel gespürt. Es wirkte trotzdem leicht. Und das ist zum großen Teil der Verdienst von Olesya Golovneva. Ich bin mir aber sicher, dass diese Aufführung die professionelle Kritik spalten wird.

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