
Kurz-Check: "2035" - Das Ringen um den Zukunftstrip
Ein Alien jagt ein Mädchen, ein junger Mann masturbiert sich in die Zukunft und eine Jugendliche durchrast ein Wurmloch. Dazwischen wird gesungen, gehofft und übersprühend gelacht. Am 11. April hatte am Deutschen Theater in Berlin "2035 oder Mit 40 eröffne ich ein Hotel auf dem Mond" Premiere. Jörg Albinsky hat sich mit dem Jungen DT ins Jahr 2035 beamen lassen.
Das Thema
Wie sie aussehen könnte, die Zukunft, hebt sich das Junge DT, die Jugendbühne des Deutschen Theaters, für nach der Vorstellung auf. Dann erst, per Videoeinspiel im Foyer, entsteigt eine der jugendlichen Protagonistinnen im Jahr 2035 einem Koffer, der auf einem endlosen Betonfeld steht, und stakst auf hochhackigen Schuhen auf den diffusen Horizont zu, während ferngesteuerte Spielzeugautos um ihre Beine kreisen. Was ist Zukunft? Was bedeutet das Wort für einen 16-Jährigen heute? Das DT beamt sich per Wurmloch 22 Jahre in der Zeit nach vorn - und reißt das Publikum mit in den Strudel aus lustigen Wünschen, aberwitzigen Hoffnungen, berührenden Träumen, aus Resignation, Angst und Sehnsucht. Ja, all das steckt drin im "Hotel auf dem Mond".
Die Inszenierung
Von Beginn an ist klar: Es geht auch um die im Saal, nicht nur die auf der Bühne. Alle werden reingezogen in das Ringen um den Zukunftstrip. Da wird etwa abgestimmt mit den Zuschauern, was sie in die Zeitmaschine mit Kurs auf das Jahr 2035 mitnehmen würden: Andy Warhol oder die Pyramiden von Gizeh? Religionsfreiheit oder die Homo-Ehe? Bio-Bananen oder einen Traktor? Auf der Bühne jagt derweil ein Alien eine Jugendliche, ein junger Mann veranschaulicht die Leiden des Älterwerdens anhand sich ändernder Masturbationspraktiken und dazwischen wird gesungen, gehofft und vor allem übersprühend gelacht.
Die Darsteller
Regisseur Willem Wassenaar hat die 13- bis 19-jährigen Darsteller zu einem beeindruckend überzeugenden und mit satter Energie aufspielenden Haufen zusammengeschweißt, der doch allen ihr Wesen lässt - das Schrullige und Widersprüchliche pubertierender Kids, das Zarte und Ängstliche, das Aggressive, das Kindliche und Sexuelle. Alle neun, wie sie da stehen, hängen, Liegestütze machen, Gitarre spielen oder in Trance verfallen, erzeugen so viel Spannung, weil sie als Gruppe funktionieren. Da fällt nicht nur einmal die Vierte Wand.
Das Bühnenbild
Zentrales Element ist die Zeitmaschine, ein metallener Pavillion, der sich drehen lässt und zum Wurmloch mutiert. Ein Tisch, eine Gitarre, ein paar Raumanzüge - es braucht nicht viel bei so viel Lebendigkeit. Außer vielleicht noch, ach ja, Sprühschlagsahne.
Die Publikumsreaktionen
Das Publikum macht nicht nur mit, es hat sogar teil sehr witzige Ideen. Und würde, so die Abstimmung, folgende Dinge mit in die Zeitkapsel für die Zukunft nehmen: Die Gizeh-Pyramiden, Religionsfreiheit, einen Traktor, Anti-Baby-Pillen und einen Hubschrauber.
Der Spaßfaktor
Was wird das wohl für eine Gesellschaft sein im Jahr 2035? Sind alle aufs Land gezogen, zurück ins Private? Sind wir unter dem alles beobachtenden Staat digital verschmolzen? Lässt sich das Intime auch in 22 Jahren noch verbergen? Ein sehr schönes Bild bringt am Ende das Mysterium auf den Punkt: Eines der Kids dreht einen Zauberwürfel, so einen aus den 80ern - nur dass alle seine Felder weiß sind.















































