Nina Hoss in "Hedda Gabler" am Deutschen Theater (Quelle: imago)

Kurz-Check: "Hedda Gabler" - Heddas Ritt durch die Zeiten und Genres

Stefan Pucher hat Ibsens "Hedda Gabler" am Deutschen Theater mit Nina Hoss in der Titelrolle als Komödie inszeniert. Diese unerwartete Herangehensweise funktioniert erstaunlich gut, findet Fabian Wallmeier, der bei der Berliner Premiere dabei war.

Das Thema

Hedda Gabler hat sich verrechnet. Die Frau aus gutem Hause hat den aufstrebenden Wissenschaftler Jörgen Tesman geheiratet in der Hoffnung, dass er ihr das Leben bieten kann, das sie sich gewünscht hat. Doch als die beiden von einer sechsmonatigen Forschungsreise zurückkehren, die er ihr als Flitterwochen verkauft hat, zeigt sich, dass es um seine Karriere vielleicht doch nicht so rosig bestellt ist. Hedda gibt sich der Langeweile hin - bis Eilert Ljövborg auftaucht, ein möglicher Rivale Jörgens nicht nur in der Wissenschaft.

Die Inszenierung

Stefan Pucher versucht gar nicht erst, die Geschichte, die sich in Ibsens Drama nun entfaltet, in all ihrer Tragik in die Gegenwart zu heben. Er lässt seine Hedda Nina Hoss statt dessen mal im albernen Kleid auftreten, aus dessen Puffärmeln eine Art Flügel zu wachsen scheinen. Dann zeigt er sie im Spätsiebzigerjahre-Look Geena Rowlands' als nicht mehr ganz junge Gangsterbraut in John Cassavetes' Film" Gloria". Und im nächsten Moment flimmert sie als beidhändig Colts abfeuernde Rachegöttin im Western-Style über die Projektionsfläche (vielleicht eine Reminiszenz an Hoss' jüngsten Filmauftritt in Thomas Arslans deutschem Auswanderer-Western "Gold", der im Februar im Wettbewerb der Berlinale lief). Auch musikalisch schert Pucher sich nicht um die Gegenwart: Bob Dylan und die Beatles lässt er seine Figuren singen. Am deutlichsten zeigt sich Puchers Verweigerung, Ibsens Drama ins Jetzt zu überführen, aber in der grundsätzlichen Tonlage seiner durch die Genres und Zeiten springenden Inszenierung: Aus der Tragödie macht er eine Komödie. Man könnte Pucher zwar vorwerfen, mit dieser Grundsatzentscheidung den Weg des geringsten Widerstands gegangen zu sein - erspart er sich damit doch letztlich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Text. Aber sein Konzept geht verblüffend gut auf - mit Ausnahme einiger Szenen, in denen dann offenbar doch das Tragische die Überhand gewinnen soll, sich aber nicht durchsetzen kann, weil es inmitten der Umdeutungen ins Komische schlicht deplatziert wirkt.

Die Darsteller

Nina Hoss in der Titelrolle hat reichlich Gelegenheit zu glänzen. Sie spielt die Hedda unerwartet schnippisch, spitz, boshaft und witzig. Aber sie spielt sich nicht in den Vordergrund. Auch die anderen sechs Darsteller bekommen den Raum für starke Momente. Ein sehr ausgewogenes Ensemble auf hohem Niveau.

Das Bühnenbild

Das Stück spielt eigentlich nur in der Villa Tesman. Aber Barbara Ehnes' Bühnenbild sorgt trotzdem für Abwechslung - im Einklang mit der Inszenierung: Eine Drehbühne sorgt dafür, dass die Inszenierung zwischen den Zeiten springen kann. Eine düstere Blockhauskulisse steht für Ibsens Gegenwart, das späte 19. Jahrhundert. Ein offner Raum in durchgestylter Schwarz-Weiß-Ästhetik steht für den kühlen Chic der 1980er Jahre. Eine komplett aus weißen, pinken und violetten nach innen gewölbten Plastikquadern mit beschichteten Glühbirnen bildet zusammen zum bequemen Sitzen ungeeigneten roten Designermöbeln die geordnete Psychedelik der 1970er Jahre nach. Und ein fast leerer weißer Raum bietet vor allem den nötigen Raum für die Projektion von vorab produzierten Filmsequenzen.

Die Publikumsreaktionen

Einige Zuschauer verlassen während der Vorführung den Saal. Die große Mehrheit wirkt aber sehr zufrieden. Schauspieler und das Team um Stefan Pucher bekommen herzlichen Applaus, Nina Hoss sogar ein paar "Brava!"-Rufe.

Der Spaßfaktor

Manchmal ist die Grenze zum Klamauk zwar zum Greifen nahe, aber unterm Strich macht dieser erstaunlich sorglose Ibsen-Abend unerwartet viel Spaß.

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