Szene aus "Wastwater" am Deutschen Theater Berlin (Quelle: dpa)

Kurz-Check: "Wastwater" - Sprechtheater in seinem eigentlichen Sinne

Am Samstag feierte in den Kammerspielen des Deutschen Theater Simon Stephens' "Wastwater" in der Regie von Ensemble-Mitglied Ulrich Matthes seine Premiere. Karin Losert erlebte ein Stück ohne klare Höhepunkte.

Das Thema

"Wastwater" erzählt eigentlich drei separate Geschichten. Ein junger Mann verabschiedet sich in Garten von seiner Pflegemutter, er steht kurz vor dem Abflug nach Kanada. Ein Mann und eine Frau treffen sich zum heimlichen Liebesspiel im Hotel. In einer Lagerhalle besprechen ein Lehrer und eine Menschenhändlerin den Ablauf einer illegalen Adoption. Verbindendes Element ist zunächst einmal der Londoner Flughafen Heathrow, in dessen Umfeld das Stück angesiedelt ist. Nach und nach werden weitere Verknüpfungen zwischen den Protagonisten offensichtlich.

Die Inszenierung

Durch das Fehlen von Bühnenbild und sonstigen Requisiten lässt Ulrich Matthes seinen Darstellern den größtmöglichen Raum. Jeweils zwei von ihnen bestreiten eine der Episoden, nur durch Querverweise in den Dialogen wird deutlich, dass alle sechs in Beziehung zueinander stehen. Obwohl die Protagonisten jeweils zu zweit den Raum bespielen, trennt sie doch alle eine unüberwindbare Grenze. Meist stehen die Schauspieler weit voneinander entfernt, die wenigen tatsächlichen körperlichen Kontakte sind ungelenk, zum Teil gar grob. Man sehnt sich nach Nähe, spricht miteinander und verfolgt dabei doch nur die eigenen Ziele. In Schlüsselmomenten ziehen die Darsteller dann jeweils ihr Handy aus der Tasche - um zu chatten, Pornos zu gucken oder um zu telefonieren. Individualität statt Gesellschaft - "Wastwater" hält uns den Spiegel vors Gesicht. Und über all dem dröhnen bedrohlich die Flugzeuge.

Die Darsteller

Simons Stephens' Stück ist Sprechtheater in seinem eigentlichen Sinne. Die Darsteller stehen vor der Herausforderung, die eineinhalb Stunden allein in Dialogen zu meistern. Hinzu kommt ein thematisch sehr dichter Text, der gleichzeitig auch noch einiges an Sozialkritik transportieren will. Das gelingt unterschiedlich gut. Dabei besonders hervorzuheben ist Susanne Wolff als auf die schiefe Bahn geratene Polizistin Lisa, die ihren jungen Verehrer Mark mit ihrem Vorleben als Pornodarstellerin schockiert. Mit ihr erlebt das Stück auch seine durchaus heiteren Momente.

Das Bühnenbild

Ulrich Matthes kommt wie bereits erwähnt bei seiner Inszenierung fast ohne Bühnenbild aus. Der Zuschauer hat den ganzen Bühnenraum in all seiner Tiefe im Blick. Einzige Ausnahme: eine riesige, teilweise blinkende Lichtrampe am Boden und an der Decke, die an eine Flughafen-Start- und Landbahn bei Nacht erinnert. In der ersten Szene wird sie ergänzt um eine rote Schaukel, am Ende kommt ein Stuhl hinzu. Ansonsten nichts, was vom Spiel der Darsteller ablenken könnte.

Die Publikumsreaktionen

Wurde man da gerade Zeuge, wie ein liebevoller Vater seine philippinische Adoptivtochter in Empfang nicht, oder hat Lehrer Jonathan, der offenbar früher schon gegenüber einer Schülerin auffällig wurde, das neunjährige Mädchen aus Südostasien den Menschenhändlern aus anderen Beweggründen abgekauft? Das Stück entlässt die Zuschauer mit einem Schockmoment und so herrscht erst einmal ein paar Sekunden Stille, als am Ende das Licht ausgeht. So richtig scheint aber der Funken an diesem Premierenabend nicht übergesprungen zu sein. Der Applaus im Anschluss ist eher höflich als euphorisch.

Der Spaßfaktor

Abschied, Drogen, Pornografie, Menschenhandel - alles starke Themen, die das Potenzial haben, ein Stück zu tragen. Größtes Manko bei "Wastwater": Hier werden nacheinander drei Geschichten abgearbeitet, ohne dass die Handlung einem echten Höhepunkt entgegen strebt. Die Verbindungen zwischen den Charakteren wirken zum Teil arg konstruiert und auch der Flughafen als Motiv des Aufbruchs und des Übergangs sowie der titelgebende See Wastwater sind nur knappe Anknüpfungspunkte am Rande. Statt diese auszubauen, werden unzählige Details aus dem Leben der sechs Protagonisten angerissen, ohne diese weiter auszuführen. Ulrich Matthes Inszenierung schafft es dennoch auf eindringliche Weise, das Wesentliche des Stücks zu transportieren: die Einsamkeit seiner Protagonisten.

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