"Der Seiltänzer / Warum ist nicht alles schon verschwunden? / I Love Aufstand" am Maxim Gorki Theater (Fotos: Thomas Aurin)

Kurz-Check: "Der Seiltänzer" und zwei andere Miniaturen - Genet im Tutu, Baudrillard im Labor, Kollegen im Abschiedsstress

Drei sehr unterschiedliche Miniaturen sind im Maxim Gorki Theater zu einem Teil des Abschluss-Spektakels verwoben worden. Fabian Wallmeier war bei der Premiere dabei - und war mal irritiert, mal prächtig amüsiert.

Das Thema

Eine Seiltänzerin zitiert ein komplexes Prosagedicht von Jean Genet. Ein Mann schießt ein Foto vom Publikum und entwickelt es. Zwei Gorki-Schauspieler verabschieden sich vom Publikum. Das sind die drei Teile, in die der Abend zerfällt. Sie hängen nicht zusammen. Was sie eint, ist allenfalls die Frage nach dem Bild: wie es entsteht, was es bedeutet, welche Bilder wir von uns selbst und anderen machen.

Die Inszenierung

"Der Seiltänzer" ist die von Hausregisseur Jan Bosse erdachte szenische Lesung eines sehr dichten Prosagedichts von Jean Genet: eine Reflexion über die Aufgabe des Künstlers in der Gesellschaft. Genet fordert darin vom Seiltänzer ein Leben in völliger Einsamkeit im Rampenlicht . Aenne Schwarz, gekleidet in ein weißes Tutu, spricht diesen Text (oder wiederholt vielmehr, was eine leiser im Hintergrund zu hörende zweite Stimme sagt), und balanciert dazu auf einem Seil, das auf einen sandigen Hang liegt. Dieser erste Teil dauert keine Viertelstunde - und während man noch zu ordnen versucht, was man da gerade gehört und gesehen hat, bereiten die Bühnenarbeiter schon den zweiten Teil vor.

In "Warum ist nicht alles schon verschwunden?" (Regie: Sebastian Hartmann) macht Andreas Leupold ein Foto vom Publikum. Anschließend macht er sich an die verschiedenen Schritte, die für die Entwicklung nötig sind. Minutenlang schüttelt er langsam einen Becher mit einer Flüssigkeit, gießt den Inhalt in einen Bottich, geht wieder schütteln - und am Ende hängt das trocknende Schwarz-Weiß-Foto an einer Leine. Die knapp halbstündige Szene bei spärlichem Dunkelkammerlicht kommt ohne ein einziges Wort aus. Was diese in ihrer Zähigkeit provozierende, und dennoch nicht langweilende Szene soll, kann man erahnen, für Klarheit sorgt aber erst der Blick in die Programmankündigung: Bei dem Mann handelt es sich um den Philosophen und Hobbyfotografen Jean Baudrillard, für den der Prozess von der Fotoaufnahme bis zur fertigen Fotografie "eine Art Aufstand gegen das Verschwinden in der digitalen Beliebigkeit" war.

Der dritte, von Hausregisseurein Jorinde Dröse inszenierte Teil, "I ♥ Aufstand", ist mit einer knappen Dreivierstelstunde nicht nur deutlich der längste, sondern auch der mit Abstand am leichtesten konsumierbare. Die Schauspieler Roland Kukulies und Sabine Waibel spielen sich selbst. Sie treten am Ende der Intendanz von Armin Petras an das Publikum heran um sich zu verabschieden. Eigentlich wollen sie ihre liebsten gemeinsamen Szenen der vergangenen Jahre spielen - aus "Sein oder Nichtsein" oder "Ein Volksfeind" etwa. Doch sie versteigen sich in Kommentaren zum fehlenden Bühnenbild und den schon eingemotteten Originalkostümen - und vor allem in Zwistigkeiten. Wer verdient mehr Geld? Wessen Name wird zuerst genannt? Der pointierte Schlagabtausch macht großen Spaß - und setzt nach den beiden schwierigeren Teilen einen unerwartet leichten Schlusspunkt.

Die Darsteller

Aenne Schwarz kann in ihrem kurzen Monolog nicht zeigen, was sie kann. Andreas Leupold verrichtet seine Fotolabor-Tätigkeiten mit beachtlicher eiserner Stoik. Roland Kukulies und vor allem Sabine Waibel aber drehen richtig auf. Mit untrüglichem Gespür für Grobheiten, aber auch für genau platzierte Zwischentöne giften sie sich an, dass es eine helle Freude ist.

Das Bühnenbild

Ein steiler Hang aus Sand ist in der Bühnenmitte augehäuft. Im ersten Teil ziert ihn das Seil, auf dem Aenne Schwarz balanciert. Im zweiten, größtenteils im Schummerlicht gezeigten Teil verschwindet er weitgehend im Hintergrund, statt dessen richtet sich das Augenmerk auf Tische mit Laborausrüstung. Im dritten Teil wird der Sandhaufen dann wieder in die Handlung integriert, ansonsten bleibt die Bühne leer.

Die Publikumsreaktionen

Höflichen Applaus gibt es für den ersten Teil, etwas irritierten für den zweiten. Nach dem rasanten und witzigen dritten Teil bricht dann der bei Weitem nicht ausverkaufte Saal erwartungsgemäß in Begeisterung aus. 

Der Spaßfaktor

Großen Spaß machen der komplexe lyrische erste Teil und der karge zweite natürlich nicht. Aber auch wer Spaß für das Maß aller Dinge beim Theaterbesuch hält, wird nicht enttäuscht: Der dritte Teil ist wirklich hochkomisch. Wer den Abend noch sehen will, muss sich allerdings beeilen: Er ist nur noch zweimal zu sehen: am 14. und am 15. Juni. Dann verschwindet er für immer vom Spielplan. Intendant Armin Petras verlässt Berlin in Richtung Stuttgart - und auch ansonsten wird personell am Gorki Theater kaum etwas sein wie es war.

Bilder der drei Stücke

Alle Kurz-Checks

  • Berliner Ensemble

  • Deutsche Oper

  • Deutsches Theater

  • Hans Otto Theater

  • Maxim Gorki Theater

  • Schaubühne

  • Staatsoper

  • Volksbühne

  • Weitere Bühnen