Uraufführung von "AIRossini" an der Neuköllner Oper: Polly Ott, Clemens Gnad, Victor Petitjean, Richard Neugebauer, Iona Forti (Foto: Matthias Heyde)

Kurz-Check: "AIRossini" - Hammerhart in die Gegenwart getextet

In "AIRossini" wird Rossinis Oper "Il viaggio a Reims" auf das Debakel um den BER-Flughafen umgemünzt. Am 6. Juni 2013 wurde die Fassung in der Neuköllner Oper uraufgeführt. Jörg Albinsky kam als Mitläufer und ging als Revolutionär.

Das Thema

Ist das die Hautevolee, der Jetset, die Crème de la Crème? Oh ja, das muss sie sein. In der VIP-Lounge des gerade eröffneten Flughafens versammelt sich eine illustre Gruppe schwerreicher, exzentrischer Neuzeit-Adliger. Eine Reederei-Erbin aus Griechenland, ein hochhackiges IT-Girl, ein arabischer Prinz und drei weitere Herrschende in Erwartung des Abflugs. Doch die Welt-Eigner haben die Rechnung ohne Berlin gemacht - natürlich geht auf dem Flughafen nichts, schon gar keine Flüge, und so mutiert die weißgetünchte, superchicke Wartehalle zur Isolationshaft, der die Gruppe mit der ihr eigenen Siegesgewissheit begegnet. Dass draußen sogar die Revolution ausbricht, macht die Sache erst recht sexy. Wer hier das Sagen hat, ist ohnehin klar, auch wenn man vorübergehend mal festsitzt.

Die Inszenierung

Eigentlich hatte Rossini seine heute gänzlich unbekannte Oper in einem Kurhotel spielen lassen. Kharalampos Goyos verlegt das Ganze nicht nur ins Jetzt, sondern in eine ungewisse Zukunft (jedenfalls nach der BER-Eröffnung) und lässt Rossinis Gesellschaftsschmonzette durch Dimitris Dimopoulus so hammerhart in die Gegenwart texten, dass einem mehrfach der Mund nicht zuklappen will. Da auch wirklich kein einziges Klischee über Macht und Mächtige ausgelassen wird und die Welt frech aus der Sicht derer gefeiert wird, die ihr vorstehen,  ebbt die Freude über zweieineinhalb Stunden nicht ab.

Sänger und Musik

Rossinis volles Orchester herunterzudampfen auf vier Instrumente, ist schon nicht ohne. Aber was Klarinette, Flöte, Cembalo und Marimba da zustande bringen, ist oft wunderbar luftig und leicht, beinahe barock, wenn das Wort an der Stelle nicht falsch wäre. Dazu sechs glänzend aufgelegte Sänger, die den Raum füllen als gelte es, das Olympiastadion zu bespielen. Schon wegen der Sopranistin Yuka Yanagihara sollte man hingehen (auch wenn Tenor und Bariton manchmal schwächeln).

Das Bühnenbild

Regisseur Alexandros Efklidis treibt das Ensemble fortwährend durch die krisengeplagte BER-Kulisse und reiht Einfall an Idee, dass man sich mitunter fast zwingen muss, die Musik nicht zu vergessen. Das greift. Das Bühnenbild, die Kostüme, alles geht miteinander. Die Videoeinspieler, die Durchsagen der Flughafenleitung und sogar...

Die Publikumsreaktionen

... das Publikum, das freudig den Part der Revoluzzer übernimmt und plakatschwenkend dem Ensemble antikapitalistische Slogans entgegen brüllt. Oh ja, du grandioser Jetset - unterdrück uns!

Der Spaßfaktor

Quirlig, voll, spritzig, laut. Das hebt ab!

Bilder von der Premiere: "AIRossini" in der Neuköllner Oper

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