
Kurz-Check: "Alle sechzehn Jahre im Sommer" - Stereotype Abziehbilder ohne jede Tiefe
Die Bewohner einer Berliner Kommune stehen im Mittelpunkt von John von Düffels Komödie "Alle sechzehn Jahre im Sommer". Als Fixpunkte dienen dabei die Weltmeisterschaften von 1974, 1990 und 2006. Dabei lässt das Stück leider kein Klischee aus. Karin Losert über die Premiere am 5. April.
Das Thema
Es ist Fußball-WM, die von 1974: im Berliner Olympiastadion findet gerade in politisch aufgeheizter Stimmung das erste Gruppenspiel BRD - Chile statt, doch in der Charlottenburger Studenten- und Künstlerkommune herrscht Zoff: Elke und Carlo bekommen schon wieder ein Kind, letzterer kämpft zudem mit Geld- und Drogenproblemen und Jungkünstler Hans-Helge hat die bereits mit Medizinstudent Jochen liierte Sabine nackt gemalt, was weder seiner Freundin, der Jungschauspielerin Magda, noch der überzeugten Feministin Heidrun gefällt. Sechzehn Sommer später ist mal wieder WM, die Wiedervereinigung steht kurz bevor und die ehemaligen Kommunarden haben sich scheinbar in ihren jeweiligen Leben eingerichtet. Doch unter der Oberfläche brodelt es und als 2006 in "Schland" mal wieder die Fußball-Euphorie tobt und längst schon die junge Generation den Ton angibt, zeigen sich die Lebenslügen der einzelnen Bewohner mehr als offensichtlich.
Die Inszenierung
Kopulierende Paare auf dem Küchenboden, eine ausgehängte Türe als Esstisch, Anarchozeichen an den Wänden und Pinkeln bei geöffneter Toilettentür, dazwischen endlose Debatten im Plenum um Abwasch, Abrechnung und Anerkennung. "Alle sechzehn Jahre im Sommer" lässt keines der weithin bekannten Kommunenklischees aus. Die Figuren im ersten Teil der Trilogie - erfolgloser Künstler, überzeugte Feministin, alkoholabhängiges Blondchen aus gutem Hause, junge Hippiemutter etc. - werden so zu stereotypen Abziehbildern ihrer Zeit, denen jegliche Tiefe fehlt. Auch wenn mit den Jahren eine gewisse Ernsthaftigkeit einzieht und die Personen an Glaubwürdigkeit gewinnen, so überwiegt am Ende doch der Klamauk.
Die Darsteller
Auch wenn ihnen das Stück unter der Regie von Hans Otto-Intendant Tobias Wellemeyer wenig Raum für Entwicklung lässt, die Leistung ein und dieselbe Figur an einem Abend über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren zu spielen, verdient große Anerkennung. Die Entwicklung des ständig betrunkenen Blondchens Sabine (Marianna Linden) hin zur gelangweilten Arztgattin, die am Ende schon deutlich ergraut mit dem Argentinier Juan-Pablo nach Lanzarote durchbrennt. Oder Ensemble-Gast Eva Bay, die zunächst als ewigschwangeres Hippiemädchen Elke, dann als biedere Hausfrau an der Seite des prolligen Carlo und - nach ihrem Rollentod - in der nächsten Generation als ihre schwäbische Schwiegertochter mit Rastalocken zu überzeugen vermag.
Das Bühnenbild
Eine Wohnung in Charlottenburg mit Ausblick auf den Funkturm. Ein zentraler Raum in der Mitte, von dem seitlich mehrere Zimmer abgehen. Von der Küche, in der sich der Abwasch stapelt, bis hin zur Toilette mit funktionerendem Abzug ist alles da. Retrotapeten, 70er Jahre Kinderwägen und später das schwere Kunstledersofa mit Minibar nebenan, die Ausstattung erfolgte mit viel Liebe zum Detail. Den Ideen und Vorstellungen des Publikums lässt sie damit allerdings nur wenig Raum.
Die Publikumsreaktionen
John von Düffels "Alle sechzehn Jahre im Sommer" kam vorher bereits in Koblenz, Wiesbaden und Göttingen zur Aufführung. Der Abend in Potsdam zeigte, dass das Stück mit seinen Momentaufnahmen aus der alten BRD auch vor ostdeutschem Publikum funktionieren kann. Die Zuschauer lachten auf jeden Fall viel und geizten am Ende nicht mit Applaus.
Der Spaßfaktor
Das Stück ist eine Klamotte, dessen muss man sich vorher bewusst sein. Wenn man den ziemlich belanglosen ersten Teil der Trilogie mit all seinen überzogenen Klischees und platten Dialogen hinter sich hat, kommt man den Figuren in Teil zwei und drei endlich ein Stück weit näher und hat am Ende doch vielleicht noch einen ganz unterhaltsamen Abend.






















































