Luise Wolfram in "For the Disconnected Child" an der Berliner Schaubühne (Foto: Arno Declair)

Kurz-Check: "For the Disconnected Child" - Tschaikowski im Richter-Flow

Falk Richter hat sein größenwahnsinnig anmutendes Projekt "For the Disconnected Child" uraufgeführt. Fabian Wallmeier ist im Anschluss an die Kooperation von Schaubühne und Staatsoper beglückt, beseelt und inspiriert auf den Kudamm getorkelt.

Das Thema

Eine durchgehende Handlung gibt es nicht. Falk Richter verknüpft mal assoziativ, mal ganz konkret Elemente aus Tschaikowskis "Eugen Onegin" mit Problemen des modernen Beziehungs- und Berufsalltags. In der Oper offenbart Tatjana dem Titelhelden ihre Liebe - und wird zurückgewiesen, weil ihm seine Freiheit zu viel bedeutet. Davon ausgehend und darauf Bezug nehmend stellen sich Richters Figuren Fragen wie: Wieviel Nähe wollen wir, wie erlangen wir sie und wieviel davon halten wir aus? Wie funktionieren moderne menschliche Beziehungen und welchen Einfluss haben Skype, Facebook und Dating-Portale?

Die Inszenierung

Wer Richters Schaubühnen-Inszenierungen "Trust" und "Protect Me" kennt, beides Kooperationen mit der Choreographine Anouk van Dijk, der fühlt sich in "For the Disconected Child" gleich zu Hause. Nicht nur die Fragestellungen sind ähnlich, sondern auch die Herangehensweise: Viel wichtiger als jedwede Art von Plot ist die assoziative Reihung von Gedanken, Argumenten, karrikativ überzeichneten sprachlichen Schablonen, aber auch musikalischer Untermalung und körperlicher Umsetzung. Diese Mischung geriet ihm schon zuvor zum Triumph - und so ist es auch an diesem Abend. Richter lässt den Abend kontemplativ fließen, reiht nahtlos Miniatur an Miniatur, lässt immer wieder Eruptionen zu - und kehrt dann wieder in seinen ganz eigenen hypnotischen Flow zurück.

Was er sich dieses Mal vorgenommen hat, klang ein bisschen größenwahnsinng: Nicht nur Tänzer und Schauspieler sind beteiligt, sondern auch Sänger und Musiker der Staatsoper. Und die Musik zum Stück hat er von gleich sieben zeitgenössischen Komponisten schreiben lassen. Doch nichts an "For the Disconnected Child" ist zu viel oder wirkt überdreht. Alles fügt sich zu dem wahrhaft großen Theaterabend zusammen, den man sich nur bang zu erhoffen gewagt hat.

Die Sänger, Tänzer und Darsteller

Fünf Schauspieler, drei Opernsänger, drei Tänzer, ein Kammerorchester und der singende Komponist Helgi Hrafn Jónsson teilen sich nach und nach die Bühne. Ursina Lardi glänzt als verzweifelt nach Nähe suchende alleinstehende Mutter jenseits der 40, Franz Hartwig als hyperaktiver Teilnehmer eines Assessment Centers. Maraike Schröter hat einen sehr komischen Auftritt, als sie vertonte ungangssprachliche Anschuldigungen aus einem Beziehungsstreit in bester klassischer Opernmanier singt. Aber das sind nur drei willkürlich herausgegriffene Beispiele: Schauspieler, Tänzer, Sänger und Musiker greifen in jeder Hinsicht perfekt ineinander.

Die Musik

Die eigens für das Stück komponierte und live gespielte Musik ist eine enorme Bereicherung für den Richterschen Theaterkosmos. Stilistisch reicht sie vom melancholisch-bombastischen Pop-Song über formstrenge Neue Musik bis hin zu rein perkussiven Passagen. Und auch Bearbeitungen bereits vorhandener Stoffe webt Richter geschickt ein: Tschaikowskis "Eugen Onegin" natürlich, aber auch Schuberts "Winterreise" und Marianne Faithfulls "The Ballad of Lucy Jordan".

Das Bühnenbild

Wer "Trust" und "Protect Me" kennt, dem wird auch das Bühnenbild in seinen Grundzügen bekannt vorkommen. Vorn ist viel Platz, hinten eine zweistöckige Konstruktion mit Treppe. Neu sind die ebenfalls bespielten Treppenstufen, die von der Bühne direkt bis an die erste Zuschauerreihe heranführen. Davon abgesehen stehen oben und unten einige Liegen - und anfangs die Stühle und Notenständer der Musiker, die aber später rechts von der Bühne ihren festen Platz finden.

Die Publikumsreaktionen

Großer Jubel brandet am Ende auf, etliche Zuschauer applaudieren im Stehen. Man pfeift begeistert, ruft vereinzelt Bravo und verteilt seinen Applaus gleichmäßig über Darsteller, Tänzer, Sänger, Musiker, Richter und sein Team sowie die Komponisten.

Der Spaßfaktor

Es gibt ein bisschen weniger zu lachen als in "Trust" und "Protect Me" - und dennoch torkelt man beglückt, beseelt und inspiriert aus der Schaubühne auf den Kudamm. Wenn Theater das zu leisten imstande ist, dann hat es offenbar vieles richtig gemacht.

Fabian Wallmeier

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