Pressebild zu "Der fliegende Holländer" an der Staatsoper Berlin (Copyright: Tanja Dorendorf)

Kurz-Check: "Der fliegende Holländer" - Wunsch und Wirklichkeit durch Dopplung getrennt

Philipp Stölzls Basler Inszenierung von Wagners "Der Fliegende Holländer" ist in Berlin angekommen. Ilona Marenbach hat die Premiere in der Staatsoper im Schiller Theater gesehen - und war vor allem vom Bühnenbild begeistert.

Das Thema

"Der fliegende Holländer" ist die Geschichte eines Kapitäns, der beim Versuch, das Kap der Guten Hoffnung bei schwerem Sturm zu umsegeln, dem Satan schwört, dass er nie von diesem Vorhaben ablassen würde. Der Teufel nimmt ihm beim Wort. Zu Unsterblichkeit verdammt, muss er mit einem Geisterschiff über die Meere segeln. Erlösung kann er nur erlangen, wenn er eine Frau findet, die ihn treu liebt. Da der Teufel nicht daran glaubt, dass ihm das je gelingen wird, darf er alle sieben Jahre an Land gehen und es versuchen.

Der Autor dieser Sage ist nicht bekannt, viele Interpreten haben den Stoff aufgegriffen. Wagner ist sicherlich der bekannteste, der übrigens nach einer stürmischen Seereise diesen Stoff bearbeitete. Sein fliegender Holländer taucht eines Nachts an der norwegischen Küste auf, wo er auf den Kaufmann Daland trifft. Dieser hat eine Tochter, Senta, die er dem reichen Seefahrer sofort verspricht. Senta - eigentlich mit Erik verlobt - ist schon seit Langem vom fliegenden Holländer, dessen Bild in der Wohnstube hängt, besessen. So ist sie auch gerne bereit, den Verlobten gegen den Verdammten einzutauschen.

Während der Vorbereitungen zum Hochzeitsfest, erinnert Erik Senta daran, dass sie auch ihm ewige Treue geschworen habe. Sie leugnet dies, doch das Gespräch wird vom Holländer belauscht, der daraufhin nicht mehr an ihre Zuneigung glaubt und verschwinden will. Senta weiß um den Fluch, stürzt sich ins Meer und errettet durch ihren Tod den Verfluchten.

Die Inszenierung

Die Premiere ist keine Premiere, denn diese Version des "Fliegenden Holländers" hatte Philipp Stölzl bereits 2009 in Basel aufgeführt. Aber wer war schon in Basel? Bei romantischen Opern verweben sich Wunsch und Realität oft zu einem phantasievollen Muster. Stölzl separiert hingegen Wunschtraum und Wirklichkeit, indem er Personen und Räume doppelt. Zur Ouvertüre schleicht sich ein Mädchen in Biedermeierunterwäsche gekleidet in den Salon. Aus einem wandhohen Bücherregal holt es sich das Buch mit der Geschichte vom verdammten Kapitän. Das ist die stumme Phantasiewelt der Senta, gespielt von Roxana Clemenz. Durch die reale Welt singt sich die Schwedin Emma Vetter, die im Laufe des Abends immer abgedrehter wird, bis sie ihre Bewegungen mit der Senta ihrer Phantasie synchronisiert.

Während sie in ihrer Traumwelt den verruchten Kapitän heiratet, verkuppelt sie ihr Vater in Wirklichkeit mit einem unattraktiven, Zigarre rauchenden, aber stummen Dicken, Typ Geschäftsmann. Eine Erfindung, die Stölzl hinzugepackt hat. Zum Schluss erschlägt sie den langweiligen Ehemann und haut auch Erik eine Flasche auf den Kopf, bevor sie sich selbst die Kehle aufschneidet, um den zweifelnden Holländer ihrer Phantasie von ihrer Treue zu überzeugen.

Die Sänger

Emma Vetter wurde 2009 mit dem Ersten Preis des Internationalen Gesangswettbewerbs für Wagnerstimmen der Stadt Karlsruhe ausgezeichnet und wenn man ihr zuhört, dann kann man das verstehen. Auch der "Holländer" Michael Volle überzeugt. Eigentlich kann man das von allen Interpreten, insbesondere den Chören sagen. Das markiert aber auch gleichzeitig das Problem: Sie klingen alle gut und damit geht eine gewisse Eintönigkeit einher.

Die Musik

Grundsolide, unterstreichend, warm - und das bei einer Oper, die eigentlich vor Einsamkeit strotzt.

Das Bühnenbild

Ein Salon, umrandet von einem wandhohen Bücherregal, in das ein riesiges Bild einer stürmischen See eingefasst ist. Das Bild öffnet sich zu einer zweiten Spielebene, in der erst das Schiff von Daland, dann noch das vom Holländer einläuft oder auch der Salon gedoppelt wird. Das Faszinierende dabei ist die scheinbare Zweidimensionalität. Die Handlung spielt im Bild und trotzdem hat man den Eindruck, dass es ein Bild bleibt, weil es scheinbar keine Tiefe gibt. Neben Conrad Moritz Reinhardt ist auch Regisseur Philipp Stölzl selbst für das geniale Bühnenbild verantwortlich, das aus den Werkstätten des Theaters Basel kommt.

Die Publikumsreaktionen

Sympathisch aber nicht tosend. Vor allem Michael Volle wurde mit deutlichem Applaus bedient. Die üblichen Buhrufe der eingefleischten Opernspezialisten fehlten gänzlich, auch beim Regisseur, was als Zeichen für allgemeine Zustimmung gewertet werden kann. Wenn ich es hätte genau wissen wollen, hätte ich nur die Dame neben mir fragen müssen. Sie zog zum Schluss ein akustisches Messgerät, einen so genannten Applausometer aus der Tasche. Aber ich wollte es nicht wissen.

Der Spaßfaktor

Zwischenzeitlich etwas langatmig. Das liegt am Stoff, nicht an der 135-minütigen Inszenierung. Immer dann, wenn das Bild sich zu einer neuen Parallelwelt öffnete, wurde es kurzweilig. Man merkt doch, dass Stölzl mal Werbefilmer war und weiß, wie man Marken in Szene setzt. Es ist innerhalb von einer Woche die zweite Premiere eines Stückes, in dem die Hauptdarstellerin am Schluss Selbstmord begeht, um irgendeinen Vollpfosten zu retten. Das wird für die nächsten Monate der letzte Opernbesuch für mich gewesen sein.

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