Kurz-Check: "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" - Alles eine Frage der Perspektive

Nicht nur der Titel ist verzwickt: In Carlos Manuels "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" ist Mitdenken angesagt. Friederike Steinberg hat bei der Premiere im Theater an der Parkaue mitgeknobelt.

Das Thema

In seiner Inszenierung von "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" bezieht sich Carlos Manuel auf das gleichnamige Buch das Physikers Heinz von Foerster. Der bereits verstorbene Wiener Physiker vertrat die Ansicht, dass es keine absolute Wahrheit gibt.

Was uns Menschen wie Wirklichkeit erscheint, ist demnach nur ein Bild oder ein Konstrukt in unserem Kopf. Aus Sinnesempfindungen entwickeln wir Vorstellungen und erheben diese zu einer Wahrheit.

Ein Beispiel: Es gilt als wahr, dass die Sonne immer im Westen untergeht. Doch gibt es einen Nachweis, dass sie auch morgen im Westen untergeht? Haben wir nicht eigentlich nur bisher die visuelle Erfahrung gesammelt, dass mehrfach ein heller Himmelskörper aus einer bestimmten Richtung leuchtete?

Foerster sieht in scheinbar logischen Erklärungen nur von uns eigenmächtig verknüpfte Erfahrungsbilder: Es wird etwas erzeugt, was nicht wirklich da sein muss. Und diese neue gedankliche Dimension will das Stück im Theater an der Parkaue vermitteln.

Die Inszenierung

"Amerika wurde nicht entdeckt, sondern erkannt": Mit solchen Aussagen stößt Carlos Manuel die Zuschauer an und bringt sie dazu, den verwickelten Gedankengängen auf der Bühne nachzugehen.

Doch der Regisseur überrennt die Zuschauer nicht, das Stück nimmt erst nach und nach an Fahrt auf. Die Eröffnung übernimmt Bernhard (Franziska Ritter) - ein lustiges Männchen, ganz im Hier und Jetzt, das den Theatergästen die Hand schüttelt und über Alltägliches schwadroniert.

Den Gegenpart übernimmt der bald hinzukommende Skeptiker Heinz (Denis Pöpping). Dazu gesellen sich nach und nach Heinz Nummer 2 (Helmut Geffke) und ein namenloses Ich (Franziska Krol).

Ihr Gespräch offenbart schon bald das ganze Dilemma: Bernhard will nicht wahrhaben, dass es nichts Echtes im Leben gibt. Doch Heinz widerlegt, bringt Beispiele über Beispiele: Es wird gerechnet, Möbel werden gerückt und Tassen begutachtet.

Der Regisseur hat seine Sache gut gemacht. Er visualisiert eindrucksvoll, dass alles eine Sache der Perspektive ist und es keine bleibende Wirklichkeit gibt. Anschaulich schafft er es, die trockene Theorie zum Leben zu erwecken.

Die Theorie ganz zu verbannen, gelingt Manuel leider nicht: Phasenweise fallen viele Fremdwörter, Bernhard und die Heinze werfen mit "Konstrukt", "Objekt" und "Stabilität" um sich, teils sogar in schnellem Wortwechsel. Hier hängt der Zuschauer ab, und besonders für jüngere wird es schwer verständlich. Das ist unglücklich, denn das Stück richtet sich laut Theater auch an Jugendliche ab 11 Jahren.

Doch die Entschädigung lässt nicht lange auf sich warten: Immer wieder gibt es lustige Einlagen, manchmal fast schon clownshafte Komik, Zauberkunststückchen oder Gesang.

Die Darsteller


Einen klassische Handlungsstrang gibt es im Stück nicht. Stattdessen geleiten Franziska Ritter als Bernhard und Denis Pöpping als Heinz 1 durch das Stück - zuerst als gegensätzliche Pole, später auch gemeinsam. Sie spielen überzeugend und schlüpfen gekonnt in neue Rollen. Besonders amüsieren sie die Zuschauer in der Rolle als wissenschaftskritische Tiere.

Gegen Ende des Stücks ändert sich die Gewichtung. Auch Franziska Krol als Ich und Helmut Geffke als Heinz 2 kommen zum Zug. Ritter und Pöpping können sie jedoch nicht das Wasser reichen.

Das Bühnenbild

Der erste Eindruck vom Bühnenbild ist eher bescheiden, klassisch modern könnte man es vielleicht nennen: hellgrüner, viereckiger Teppich, ein gelbes Kastenregal im Ikea-Stil. Dahinter erstrecken sich, zunächst nebeneinander, braune Türen.

Doch schon bald entpuppt sich das Mobiliar als erstaunlich vielfältig und gut geeignet, die Perspektivenwechsel und das Nichts-ist-wie-es-scheint bildhaft zu machen. Im Finale verwandeln sich die schon vorher mehrfach verschobenen Türen schließlich sogar in ein Spiegelkabinett.

Die Publikumsreaktionen

Vor allem Bernhard  und Heinz Nummer 1 sorgen immer wieder für lautes Gelächter im Publikum. Die Zuschauer verfolgen das Spiel gebannt. Es gibt Applaus schon zwischendurch - und hinterher erst recht.

Der Spaßfaktor

Die Idee von einer fehlenden absoluten Wahrheit wird für den Zuschauer griffig und es macht Spaß, die neue Perspektive auf die Dinge auszuprobieren. Der Stoff an sich ist schon eine Art Tonikum fürs Hirn. Und überzeugendes Schauspiel mit Witz verleiht diesem noch Würze.

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