Tim Meckenbrock und Oliver Stritzel in "Gefährliche Liebschaften" in der Komödie am Kurfürstendamm (Foto: Barbara Braun)

Kurz-Check: "Gefährliche Liebschaften" - Umstandslos in den Sand gesetzt

Sollte man "Gefährliche Liebschaften" im Stil eines Theaterstadls inszenieren? Nein, findet Fabian Wallmeier. Er war bei der Premiere in der Komödie am Kurfürstendamm dabei - und hat einen quälenden Abend hinter sich.

Das Thema

Die intrigante Marquise de Merteuil will es ihrem ehemaligen Liebhaber Bastide heimzahlen. Sie geht mit dem Viconte de Valmont, einem bekennenden Casanova, einen Pakt ein: Er soll Bastides junge Braut, Madame de Tourvel, noch vor der Hochzeit verführen. Kann Valmont das schriftlich beweisen, bekommt er eine Nacht mit der Marquise. Ausgehend von dieser Grundkonstellation spinnen die Figuren ein immer undurchdringlicheres Netz aus Intrigen und Machtspielen.

Die Inszenierung

Laclos' Briefroman ist ein komplexes Sittengemälde des Ancien Régime. In der Bearbeitung von Amina Gusner und Ruben Donsbach ist "Gefährliche Liebschaften" eine abstrus überzeichnete und zugleich in ihrer Biederkeit unendlich öde Posse. Ein platter Sketch reiht sich an den nächsten. Es mag ja durchaus ein vertretbarer, wenn auch alles andere als auf der Hand liegender Ansatz sein, "Gefährliche Liebschaften" als Lustspiel zu inszenieren. Aber was die Regisseurin Amina Gusner daraus gemacht hat, ist an Inkonsequenz und Plattheit kaum zu überbieten. Im ersten Teil des (inklusive Pause) weit mehr als zwei quälende Stunden langen Abends schafft sie es noch fast durchgängig, einen derben Theaterstadl-Stil durchzuziehen. Doch dann steht der Handlung zufolge eine Vergewaltigung an - und die lässt sich nun einmal nicht verwitzeln. Also wechselt sie schnell die Tonlage und entlässt ihre Zuschauer dann in die Pause. Im zweiten Teil kann sie sich dann gar nicht mehr entscheiden, ob ihre Inszenierung nun primär lustig oder doch auch noch irgendwie tragisch sein soll.

Diese Entscheidungsschwäche kumuliert in der bis dahin zweifellos ernst gemeinten Sterbeszene Valmonts: Kaum ist er dramatisch in sich zusammengesackt, richtet er sich wieder auf, sucht eine passendere Position und sackt so lange abermals in sich zusammen, bis er mit seinem Abgang zufrieden ist. Und so geht es die ganze Zeit an diesem Abend: Man fällt aus dem Bett, weil man sich so ausufernd schlaflos umherwälzt.  Man wirft mit Trauben. Man fällt auf den Boden, weil in letzter Minute der Stuhl unter dem Hintern weggezogen wurde. Und dann wird man auf einmal wieder ganz doll ernst. Kurzum: Diese Inszenierung wirkt von vorne bis hinten schludrig, ungelenk und plump.

Die Darsteller

Man kann es natürlich auf die Inszenierung schieben, aber sagen muss man es trotzdem: Keiner der fünf Darsteller gibt an diesem Abend ein gutes Bild ab - und damit ist nur am Rande die ungewöhnliche Häufung von Versprechern und sonstigen Textunsicherheiten gemeint. Soll es dramatisch werden, werden die Schauspieler der Einfachheit halber laut. Soll es witzig werden, erzählen sie den Witz zur Sicherheit doppelt und dreifach. Birge Schade setzt die Marquise de Merteuil umstandslos in den Sand. Die feine, tiefe Boshaftigkeit ihrer Figur wird in ihrer Darstellung restlos verschüttet, übrig bleibt ein überpräsenter Auftritt, der brachial zwischen den Extremen hin und her springt. Oliver Stritzel gockelt seltsam desiniteressiert über die Bühne, schaut bedeutungsschwer und lässt noch nicht mal das für diese dralle Schwank-Inszenierung so wichtige komische Gespür erkennen.

Das Bühnenbild

Das Bühnenbild ist wenig einfallsreich, gibt aber keinen Grund zur Klage. Zwei gekippte Metallquader deuten Räume an. Drei Liegen bieten Platz zum Räkeln. Einige Stehlampen erleuchten das Geschehen spärlich. Auf die schwarze hintere Wand und halbtransparente Stoffe an den Quaderwänden werden in Anlehnung an Laclos' Romanvorlage handschriftliche Briefausschnitte projiziert.

Die Publikumsreaktionen

Man ist äußerst juchzbereit an diesem Premierenabend. Es gibt hier und da Szenenapplaus - und lang anhaltenden Beifall am Ende.

Der Spaßfaktor

Nein, Spaß macht dieser Abend nun wirklich nicht. Nicht im Geringsten. Es sei denn, man hat Spaß daran, sich etwas durch und durch Misslungenes anzusehen.

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