Lilith Stangenberg und Silvia Rieger in "Der General" an der Berliner Volksbühne (Quelle: imago)

Kurz-Check: "Der General" - Panzer fahren mit der Frankfurter Schule

Ein Haufen Ideen, die sich wie bei einer Fuge ineinander verdrillen: Am 23. Mai hatte René Polleschs "Der General" an der Volksbühne Premiere. Jörg Albinsky über sehr viel Adorno, wenig Theater und einen Panzer als Brummkreisel im leeren Raum.

Das Thema

Du hast eine Schüssel mit einem Apfel darin und nimmst den Apfel raus. Was ist dann in der Schüssel? Kein Apfel, klar. Aber ist in der leeren Schüssel nicht auch keine Birne? Und kein Pfirsich? René Pollesch nimmt sich als Analogon den leeren Raum vor, stellt zwei Schauspielerinnen hinein und einen Panzer und los geht die große Verhandlung. Die beiden Damen auf der Bühne werfen Gedanken in den Raum, meist monologisch, zu durchaus spannenden Fragen wie dem Verhältnis von Utopie und Tod. Oder es geht um die im bürgerlichen Leben vernetzten Menschen, die alles und jedes ihrem Willen unterordnen beziehungsweise sich fremdem Willen beugen, um dann ausgerechnet von der Liebe zu fordern, dass sie der Stimme des Herzens folgen soll, statt der Ratio. 

Die Inszenierung

Und schon sind wir beim Problem: Als Lesung funktionieren die vielen Zitate der Frankfurter Schule möglicherweise und der ein oder andere Adorno-Adept findet im "General" zumindest vertraute Gedanken. Doch von Theater ist wenig zu sehen. Sicher, der Panzer dreht zwei drei lustige Pirouetten, das Hippie-Musical Hair aus den 70ern dröhnt als rahmengebende Musik aus den Boxen - und sogar Staniolpapier darf milde von der Bühnendecke segeln. Aber all das passiert, damit überhaupt mal was passiert. Der "General" ist sozusagen ein gesprochenes Oratorium, bei dem jemand vergessen hat, den Vorhang zu schließen.

Die Darsteller

Silvia Rieger, mit goldener Riesenschleife um den Bauch und chinesisch-bestickem Mantel, ist, nun ja, schwer zu verstehen. Die zweite Reihe schnappt immerhin das meiste auf, aber schon in Reihe zehn kommt oft nur ein diffuser Brei an, was angesichts der anspruchsvollen Texte keine Freude ist. Als ein Besucher zu Beginn der Vorstellung "lauter" durch den Saal ruft, reagieren Rieger und Lilith Stangenberg zwar durchaus komisch mit einem Ad-Hoc-Slapstick. Besser zu verstehen sind sie in Folge aber auch nicht. Und sonst? Dass sie spielen können, sieht man, nur tun sie's nur selten.

Das Bühnenbild

Der leere Raum ist von Volksbühnen-Bannern bekannter Inszenierungen gesäumt. Die, die sonst außen am Portal die ganze Rosa-Luxemburg-Straßen hinunter zu sehen sind. Dazwischen kurvt der lustige Holzpanzer über den kirschroten Boden. Wie heißt es in dem Pollesch-Text so treffend: "Leerer Raum kennt keine Opposition".

Die Publikumsreaktionen

Die schon vor dem Ende den Raum verlassen haben, müssen nicht zwangsläufig unzufrieden gewesen sein. Unter ihnen waren einige Ältere. Sie haben wohl schlicht die Monologe nicht hören können.

Der Spaßfaktor

Seltsam, und trotzdem ist der Abend gut. Die Inszenierung mag misslungen sein, die Bühne schlecht durchdacht, die Schauspielerinnen, wie es eine Zuschauerin ausdrückte, "maniriert". Aber es wäre nicht Pollesch, wenn es nicht auch klug wäre, wenn man nicht selbst im Misslingen noch Ideen mitnähme. Wenn man nicht lachen müsste mitunter und die Spannung nicht immer wieder aufflackern würde. Selbst ein schlechter Pollesch ist immer noch ein guter.

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