Pressebild zu "Das wahre Gesicht" im Berliner Ballhaus Ost (Copyright: Heiko Marquardt)

Kurz-Check: "Das wahre Gesicht - Dance Is not Enough" - Launig, witzig und ein bisschen provokativ

Reicht Tanz als Mittel zum politischen Protest aus? Dieser Frage nähern sich Choreograph Christoph Winkler und seine vier Tänzer mit einem sehr unterhaltsamen Abend im Ballhaus Ost, der mündliche Debatten mit körperlichem Ausdruck verbindet und nur gegen Ende etwas beliebig wird. Von Fabian Wallmeier

Das Thema

Christoph Winklers rund anderthalbstündiges Tanzstück stellt vor allem Fragen: Wie politisch ist Kunst und vor allem Tanz? Kann Tanz ein Mittel des politischen Protests sein? Wer protestiert da eigentlich gegen was? Welche Art von Tanz eignet sich am Besten für politischen Protest? Und am Ende stellt es auch die zentrale Aussage seines Untertitels in Frage: Is dance not enough?

Die Inszenierung

Vier schauspielernde Tänzer debattieren auf Englisch und (merkwürdigerweise dann aber Deutsch untertiteltem) Französisch die aufgeworfenen Fragen: mit Worten, mit Spielszenen, mit Solotanzeinlagen und mit Gruppentänzen. Am Anfang steht ein Youtube-Video von einer "Zorba"-Aufführung streikender und protestierender Tänzer vor dem Ballett in Kairo. Zu wenig balletttypisch, wird kritisiert. Eher eine Sammlung von Soloeinlagen als ein Gemeinschaftswerk und damit völlig ungeeignet. Und warum tragen die eigentlich keine hautengen Ballettanzüge, um es den Muslimbrüdern, die in Ägypten die Kunstfreiheit angreifen, mal so richtig zu zeigen? So geht der Abend weiter: launig, witzig und ein bisschen provokativ. Man klopft den sexuell aufgeladenen Protesttanz südafrikanischer Frauen auf seine Tauglichkeit ab, aber auch das Cheerleading im amerikanischen Sport. Zwischendurch gibt es Slapstick und generelle Kunstkritik, Winkler achtet aber bei beiden Extremen penibel darauf, immer wieder ironische Brechungen einzuführen. Das macht gerade am Ende die Aussagen etwas wahllos und beliebig, macht den Abend aber durchgängig sehr unterhaltsam.

Die Darsteller

Die vier Männer auf der Bühne stehen anderthalb Stunden lang unter Strom. Sie sind in erster Linie Tänzer. Jeder bringt seinen eigenen Stil mit und jeder darf mal ernsthafte Soloeinlagen einbringen, aber auch mit lustvoller Albernheit diverse Tanzklischees vom Sirtaki über das Cheerleading bis zum Discogezappel parodieren. Darin sind alle vier extrem gut. Als Schauspieler oder vielmehr als Sprecher sind nur die beiden Englisch-Muttersprachler wirklich überzeugend.

Das Bühnenbild

Ein weißer Tanzboden bedeckt das Pakett des Ballhauses, zur Seite und in einem Halbrund nach hinten begrenzen weiße Wände die Bühne. Später werden sie von den Tänzern mit Slogans beklebt. Und noch später wird für Slapstick-Einlagen eine schwarze Stellwand hereingeholt.

Die Publikumsreaktionen

Es wird viel gelacht, am Ende gibt es stürmischen Applaus.

Das Fazit

Ein anregender und witziger Tanztheaterabend, der sich nur vielleicht ein bisschen zu viel vorgenommen hat. Wer ihn sich ansehen will, muss sich allerdings beeilen: Er ist nur noch am 1., 2. und 3. November jeweils um 20 Uhr zu sehen.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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