Probenszene für "Don Juan kommt aus dem Krieg" im Berliner Ensemble: Kathrin Angerer und Samuel Finzi (Copyright: Ruth Walz)

Kurz-Check: "Don Juan kommt aus dem Krieg" - Möhre rein, Licht aus

In Ödön von Horváths Version ist der Verführer Don Juan ein Kriegsheimkehrer, der viele Frauen bekommt, aber nur eine liebt. Und die ist schon lange tot. Luc Bondy inszeniert das Stück am Berliner Ensemble mit enttäuschender Unentschlossenheit und verschenkt damit letztlich auch seine Riege toller Schauspielerinnen. Von Fabian Wallmeier

Das Thema

Ein namenloser Wiedergänger der klassischen Don-Juan-Gestalt, des Frauenhelden schlechthin, kehrt zurück aus dem Ersten Weltkrieg. Obwohl dieser Don Juan alles andere als charmant ist, fällt seine Begierde nach Frauen hier auf besonders fruchtbaren Boden: Die Inflation ist da, Männer gibt es keine, weil sie entweder gefallen oder noch nicht heimgekommen sind - und jedes amouröse Abenteuer ist willkommen. Don Juan schüttelt die Schrecken des Krieges ab und lässt seltsam desinteressiert die Liebschaften an sich vorbeiziehen. Dass das kleinere und größere Dramen und Eifersuchtszänkereien zwischen den Damen zur Folge, ist ihm allenfalls lästig. Denn eigentlich gehört sein Herz der einen großen Liebe. Doch die ist schon seit Jahren tot, wie er schließlich feststellen muss.

Die Inszenierung

Luc Bondy scheint nicht so recht zu wissen, was er mit diesem Don Juan anfangen soll.  Träge schleppt sich die Geschichte dahin. Frauen kommen und Frauen gehen in einer schier endlosen Folge von Widersprüchlichkeiten - und mittendrin Don Juan. Der ist mal unbeteiligt, dann auf einmal gemein. Mal plagen ihn Albträume, mal stolziert er als überdrehter Conferencier mit dem Mikrofon in der Hand durch seine Verehrerinnenschaft (die ihre Hühnerhaufenhaftigkeit an einer Stelle allen Ernstes mit Gackern und Flügelschlagen unter Beweis stellen muss). Mal zeigt er Ansätze von Verführungskunst, dann versinkt er urplötzlich in tiefer Trauer. Am Ende schneit es, Don Juan erfriert am Grab der Liebsten und bekommt wie ein Schneemann eine Möhre in dem Mund geschoben. In diesem eigenartigen Schlussbild steckt die Misere des Abends: Wenig passt zusammen - und Bondy gelingt es nicht, mit dem Aufeinanderprallen der widerstreitenden Elemente und Stimmungslagen seiner Inszenierung ein Spannungsfeld zu erzeugen. Stattdessen stellt er sie einfach nebeneinander. Da stehen sie nun. Dann geht das Licht aus.

Die Darsteller

Dass dieser Don Juan keine Konturen gewinnt, liegt wohl in erster Linie an der Inszenierung. Samuel Finzi jedenfalls gelingt es nicht, einen roten Faden in die Darstellung einer Figur zu bringen, welcher der Regisseur diesen roten Faden offenkundig verbietet. Ihm zur Seite stehen elf Schauspielerinnen, darunter Theaterstars wie Kathrin Angerer, Ursula Höpfner-Tabori und Ilse Ritter, die jeweils mehrere Frauen verkörpern. Ihnen sind die wenigen Glanzlichter des Abends zu verdanken. Den denkwürdigsten Auftritt hat dabei Swetlana Schönfeld als verbitterte boshafte Großmutter von Don Juans Geliebter.

Das Bühnenbild

Bis direkt vor den Zuschauerraum ist die Bühne nach vorn verlegt worden. Eine Aussparung in Form eines asymmetrischen Tortenstücks gibt die Abmessungen einer mit violettem Samt ausgeschlagenen Sofalandschaft vor. Einige beleuchtbare Leisten durchziehen das Schwarz der restlichen Bühne. Dreieckige Schwingelemente an den Seiten werden zur Andeutung von Räumen verwendet - unterstützt von der präzisen Beleuchtung. Ein paar Minuten vor Schluss der gut eindreiviertelstündigen Inszenierung wird dann aber alles mit weißen Stoffbahnen bedeckt. Und damit auch ganz sicher jeder verstanden hat, dass nun Winter ist, fällt noch der Schnee vom Bühnenhimmel.

Die Publikumsreaktionen

Applaus für die Schauspielerinnen, besonders lauterer Applaus und einige Bravo-Rufe für die Stars unter ihnen, noch lauterer Applaus für Samuel Finzi. Applaus im Übrigen auch für Luc Bondy. Und neben weiterem Applaus irritierenderweise auch ein vereinzelter Buhruf für die drei Musiker, die bis zur Verbeugung hinter der Bühne gewirkt hatten.

Das Fazit

Die Aneinanderreihung toller Kurzauftritte der Darstellerinnen lindert zwar die Ziellosigkeit der Inszenierung ein wenig. Als Grund dafür, sich diesen "Don Juan" anzusehen, reicht sie aber nicht aus.

Fabian Wallmeier

Alle Kurz-Checks

  • Berliner Ensemble

  • Deutsche Oper

  • Deutsches Theater

  • Hans Otto Theater

  • Komische Oper

  • Maxim Gorki Theater

  • Schaubühne

  • Staatsoper

  • Volksbühne

  • Weitere Bühnen