Thomas Schumacher und Harald Baumgartner in "Alltag & Ekstase" am Deutschen Theater Berlin (Quelle: imago)

Kurz-Check: "Alltag & Ekstase" - Lass uns reden!

Warum fühlen, wenn man auch darüber reden kann? In Rebekka Kricheldorfers Stück "Alltag & Ekstase" reden die Protagonisten über sich und ihre Emotionen, und zwar so lange, bis sie eigentlich nichts mehr fühlen. Daniela Löffner hat die bösartig-komische Gesellschaftssatire um die dauerhafte Ich-Reflexion im Deutschen Theater auf die Bühne gebracht. Es darf gelacht und danach noch einmal ordentlich nachgedacht werden - natürlich über sich selbst. Von Ute Zauft

Das Thema

Janne hat es nicht einfach: In seiner Umgebung wollen immer alle über alles reden, reden und reden: "Lass uns Deine emotionalen Defizite reflektieren," sagt seine Mutter. Seine Ex-Freundin Katja will ihr Sexualleben analysieren, und sein Vater wehrt sich gegen christlich-zentristischen Scheuklappen, indem er möglichst exotische Rituale feiert. Und auch Janne selbst ist ein moderner junger Mann, der mit fast 40 gerade dabei ist, erwachsen zu werden und  daran arbeitet, sich selbst zu verwirklichen.

Dieser fast-familiäre Reigen aus Selbstreflexion und Selbstverwirklichung wird erst unterbrochen, als der japanische Liebhaber von Jannes Vater auftaucht. "Du bist doch wie alle anderen", erklärt er Janne, obwohl der sich doch darum bemüht, ein möglichst originelles Wesen zu sein. Während der Japaner fröhlich Oktoberfest feiert, gerät Jannes Selbstbild ins Wanken: "Mein Leben ist ein Scheißprojekt", ruft er. "Ich will raus aus meinem Ich!"

Schließlich lässt er sich von dem Besucher mit dem nüchternen Blick zu einem vermeintlich germanischen Ich-Auflösungsritual überreden. Doch am Ende hat alles nichts genutzt: Janne nimmt sich zwar vor, sich endlich um seine Tochter zu kümmern, die bei den Ich-Umdrehungen aller Beteiligten völlig untergegangen ist. Doch über das Reden über sein neues "Vater-Ich" kommt er nicht hinaus.

Die Inszenierung

Die Zuschauer beobachten die Protagonisten vor allem bei ihrer wortreichen Selbstreflexion. Es sind geschliffene Reden über die eigenen Gefühle und Befindlichkeiten. Gefühlsausbrüche werden sogleich analysiert: "Kind, warum bist Du so aggressiv? Lass uns reden!" Das klingt nach schweren Monologen, ist es aber keinesfalls, denn das Ganze ist rasant und zugespitzt auf die Bühne gebracht. Die Dialoge fügen sich immer wieder zu amüsanter Absurdität. Nur die Auftritte des japanischen Liebhabers schrammen manchmal haarscharf am Klamauk vorbei.

Die Darsteller

Harald Baumgartner als Jannes Vater und Judith Hofmann als Mutter, bringen die beiden zugespitzten Charaktere ausgesprochen überzeugend auf die Bühne: absurd und amüsant in ihrem Drang, immer alles durchsprechen und ausdiskutieren zu müssen. Besonders präzise ist auch Franziska Machens als Jannes Ex-Freundin Katja: Im einen Moment wirft sie Janne ruhig analysierend vor, dass er sie emotional unter Druck setzt, um im nächsten Moment angesichts der Überforderung als Alleinerziehende zu explodieren. Dagegen hätte Jannek Petri als Janne sogar noch etwas mehr Präsenz zeigen können.

Das Bühnenbild

Der Kampf aller Mitglieder der Fast-Familie findet in einer Art Zirkusmanege statt, in dessen Kuppel anlässlich des Oktoberfestes unter anderem bayerische Wimpel wehen. Eine herabhängende nackte Glühbirne wird je nach gewünschter Lokalität mit dem passenden Lampenschirm behängt. Die wechselnden Requisiten tragen die Schauspieler herbei, lassen sie aber teilweise in der Manege liegen, so das zusehends Chaos entsteht.

Die Publikumsreaktionen

Während des Stückes hat sich das Publikum merklich gut amüsiert: immer wieder laute Lacher und leises Kichern. Am Ende gab es nachhaltigen Applaus, Jubel und vereinzelte Bravo-Rufe.

Das Fazit

Eine bösartig-komische Gesellschaftssatire, die Spaß macht, auch dank der guten Schauspieler und der stimmigen Inszenierung. Außerdem genug Stoff, um auch nach dem Applaus darüber nachzudenken, an welchen Stellen man sich selbst in dem von der Autorin Rebekka Kricheldorf gezeichneten Sittenbild wiederfindet.

Beitrag von Ute Zauft

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