
Kurz-Check: "Aus der Zeit fallen" - Große Worte verhallen
Der Tod des eigenen Kindes ist für Eltern ein unfassbar harter Schlag. Nachdem sein Sohn im Libanonkrieg fällt, beschwört der israelische Schriftsteller David Grossman seine Trauer in dem Stück "Aus der Zeit fallen". Friederike Steinberg hat sich die Uraufführung im Deutschen Theater angesehen.
Das Thema
Was macht der Tod eines Kindes mit seinen Eltern? Wie leben sie mit diesem Schicksal weiter? Um diese Fragen dreht sich das Stück "Aus der Zeit fallen", das der israelische Schriftsteller David Grossman nach dem Tod seines Sohnes 2006 geschrieben hat.
Den Rahmen des Stücks bildet die Geschichte eines Paares. Dessen Sohn ist vor fünf Jahren getötet worden, seitdem verharren Mann und Frau in Stille und Trauer. Plötzlich beschließt der Mann, dass er lebendig "dort hin" gehen will, zu seinem Sohn. Er bricht auf und verlässt Frau und Haus.
Auf seiner Suche nach diesem "dort" begegnet der Mann anderen betroffenen Eltern, die mit ihrem Leid ganz unterschiedlich umgehen. Da ist der Schuster, der sich mit den Nägeln Schmerzen zufügt. Da ist die Hebamme, die die Worte nicht mehr herausbringt. Ein anderer kann sein eigenes Grauen nicht offenbaren, nimmt aber die Trauer anderer akribisch unter die Lupe.
Ob verzweifelt, wütend oder fast verrückt – geeint in ihrer Trauer schließen sich alle schließlich dem gehenden Mann an. Sie suchen gemeinsam und finden zuletzt ein Stück weit zu sich selbst zurück. Die Trauer jedoch bleibt.
Die Inszenierung
"Aus der Zeit fallen" versucht, den Zuschauern nahe zu bringen, wie Menschen mit Leid von unfassbarem Ausmaß umgehen. Leider schafft Regisseur Andreas Kriegenburg dies in seiner Inszenierung nicht. Nur selten ist das, was auf der Bühne thematisiert wird, auch zu spüren. Über große Strecken hinweg sprechen die Akteure über Erlebnisse und Emotionen, greifbar gemacht werden diese kaum.
Stattdessen rieseln wie ein steter Regen abgegriffene Floskeln auf die Zuschauer herab. Teils minutenlang ergehen sich die Darsteller in lähmenden Monologen mit stereotypen Formulierungen. Dass kurz vor Ende des Stücks ein Teil der Schauspieler nackt auftritt, wirkt wie ein letzter verzweifelter Versuch, doch noch irgendwie den Gefühlen einen Körper zu verleihen.
Die Darsteller
Die Akteure (unter anderem: Matthias Neukirch, Katrin Klein) zu beurteilen fällt selbst nach dreieinhalbstündiger Vorstellung schwer. Selten einmal ändert sich die Tonlage der Sprecher, nur wenige Szenen zeigen Dynamik. Die unglaublichen Mengen an Phrasen und vorgestanzten Bildern, die sie vorbringen müssen, lassen den Schauspielern kaum Platz, eine persönliche Note ins Spiel zu bringen.
Das Bühnenbild
Das Bühnenbild von Olga Ventosa Quintana, die sehr viel mit Plastikfolien arbeitet, wirkt stark durch seine Düsternis: Gelbliche Lichter schweben über der finsteren Bühne, im Hintergrund lassen schwarze Planen dunkle Felsmauern entstehen. Zentrale Elemente auf der Bühne sind begehbare Quader, die mit schwarzer und transparenter Folie bezogen sind.
Quasi mit zum Bühnenbild gehören mehrere Schauspieler in schwarzen Overalls und Headset. Sie bewegen während des Spiels die Quader, wickeln Akteure in Plastikfolien ein oder steuern sie über die Bühne.
Immer wieder präsentiert das Bühnenbild neue und gelungene Effekte. Nur gelegentlich wirken diese unangemessen komisch, wenn beispielsweise nach Zirkusart Schauspieler in den Quadern verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen. Schade ist, dass das Bühnenbild, selbst bei vielen interessanten Details, bis zum Schluss im Grunde fast unverändert bleibt.
Die Publikumsreaktionen
Die Distanz der Zuschauer zu dem Geschehen auf de Bühne ist deutlich spürbar. Sie gipfelt in einer Szene schließlich sogar in Lachern, als eine Figur sich schwertut, von einer Hürde herabzusteigen.
Einige Zuschauer verlassen bereits in der ersten Pause das Theater. Applaus vor der Pause gibt es nur zögerlich, und das nicht nur, weil die Akteure auch während der Unterbrechung weiterspielen. Am Schluss gibt es höflichen Beifall.
Das Fazit
Eine optisch gelungene Inszenierung. Doch "Aus der Zeit fallen" schafft es nicht, die großen Worte Grossmans hallen zu lassen. Sie nimmt die Zuschauer nicht mit und hinterlässt am Ende das ungute Gefühl, etwas sehr Wichtiges nicht wichtig genommen zu haben.






















































