Szene aus "Demetrius/Hieron. Vollkommene Welt" am Deutschen Theater in Berlin (Quelle: dpa)

Kurz-Check: "Demetrius/Hieron. Vollkommene Welt" - Entmenschlicht unterm Weihnachtsbaum

Stephan Kimmig eröffnet die Spielzeit am Deutschen Theater mit zwei Stücken über die Bedeutung der Macht: Er verknüpft die Uraufführung von Mario Salazars düsterer, aber nicht ganz stimmiger Zukunftsvison "Hieron. Vollkommene Welt" mit Schillers Dramenfragment "Demetrius" über einen falschen Zaren. Fabian Wallmeier über eine nicht gerade kurzweilige, aber anregende Premiere.

Das Thema

Ein ewiger Herrscher und einer, der es werden will: Mario Salazars Hieron und Friedrich Schillers Demetrius. Im ersten Teil des Abends, der Uraufführung von "Hieron. Vollkommene Welt", ist der Namensgeber der gottgleiche Despot in einer Zukunftswelt, die ganz auf Produktivität ausgerichtet ist. Wer arbeitslos ist, wird kurzerhand hingerichtet. Hierons Untertanen haben nur einmal im Jahr frei, an Heiligabend. Nur an diesem Tag sehen die Eltern ihre - angeblichen - Kinder. Salazars Stück zeigt im Wechsel eine hoffnungslose, weitgehend entmenschlichte Familienzusammenkunft mit plexiglasumhülltem Mini-Weinachtsbaum und den mit sich und seiner grenzenlosen Macht hadernden Herrscher im Dialog mit seinem zwielichtigen Berater. Ein Happy End gibt es in dieser tristlosen Dystopie natürlich nicht.

Auch der zweite Teil des Abends könnte düsterer kaum sein. Ein junger Pole ist davon überzeugt, Demetrius, der totgeglaubte Sohn des russischen Zaren Iwan zu sein. Er holt sich den Segen des Klerus, findet mächtige Verbündete und greift nach der Macht in Moskau. Marfa, Iwans Witwe, die seit 16 Jahren um Demetrius trauert, glaubt nicht, dass der junge Mann ihr Sohn ist. Als nicht mehr von der Hand zu weisen ist, dass er nicht Demetrius ist, ist es auf allen Ebenen längst zu spät für einen Rückzug. Der falsche Demetrius wird zum "betrogenen Betrüger" und nimmt ein blutiges Ende.

Die Inszenierung

Zwar ist Schillers "Demetrius" ein Dramenfragment geblieben und dauert "Hieron" nur eine Stunde - aber dennoch: Das Deutsche Theater mutet dem Publikum zum Saisonauftakt ein dramatisches Doppelpack zu. Und das aus gutem Grund. Hausregisseur Stephan Kimmig stellt hier zwei gescheiterte Herrscher nebeneinander und vereint sie folgerichtig in einem Darsteller, Felix Goeser. Was Hieron und Demetrius voneinander unterscheidet und worin sie sich gleichen, wird zum Fixpunkt des Abends. Der eine regiert in der Zukunft, der andere gleich doppelt in der Vergangenheit - Schillers zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschriebenes Drama basiert auf historischen Ereignissen des 17. Jahrhunderts. Der eine will nach oben, weil er das als sein Recht ansieht, der andere ist von seiner Allmacht gelangweilt und begibt sich nach unten, inkognito zu seinen Untertanen. Und beide gehen am Ende zu Grunde, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise: Der Betrüger Demetrius wird vom Volk niedergeschlagen, noch bevor er sich als Herrscher etablieren konnte, der allmächtige Hieron erkennt, dass er mit der Verankerung des Produktivitätsdogmas sich selbst als Herrscher überflüssig gemacht hat.

Nimmt man dann noch das Motto "Krieg und Demokratie" dazu, mit dem das Deutsche Theater die nun eröffnete Spielzeit überschrieben hat, öffnet dieser auf die Frage nach der Bedeutung der Macht fokussierte Abend weitere Projektionsflächen. Schade nur, dass Salazars Text und seine Umsetzung so plakativ geraten sind, dass sie an unpassenden Stellen Komik erzeugen.

Die Darsteller

Felix Goeser scheitert im ersten Teil. Wenn er mit tiefer gestellter Stimme die Sätze Hierons mit Kunstpausen zerhackt, in Zeitlupe auf Krückstöcken über die Bühne humpelt und sein von der Maske deformiertes Gesicht zur Schau stellt, geht das in seiner Lachhaftigkeit über die Zurschaustellung seiner grotesken Figur zu weit hinaus. Umso überzeugender sein Auftritt als Demetrius. Wie er sich erst windet und und zaghaft um Unterstützung für seine Machtübernahme bettelt und sich dann immer mehr zum maßlosen, den Wahnsinn nicht nur tangierenden Herrscher hochschaukelt, ist zweifellos beeindruckend. Der Star des Abends ist aber Judith Hofmann. Im ersten Teil spielt sie mit unterkühltem Witz die naive, Hieron treu ergebene Frau und Mutter. Im zweiten Teil spielt sie ihre Marfa erst als schmerzensstarre trauernde Mutter, dann als erste Intrigen formulierende Rückkehrerin ins Leben und schließlich als eiskalte Machtfrau - und alle drei Facetten der Figur stellt sie brillant heraus.

Das Bühnenbild

Ohne Videoprojektionen geht es offenkundig auch im Deutschen Theater nicht. In "Hieron" sieht man zwischen den Szenen rot leuchtende Schaltpläne und andere Insignien der maschinellen Massenproduktion, der Herrscher spricht teilweise in eine Kamera und eine vorbeihuschende Untertanin beim Freigang des Despoten wird ebenfalls auf das Bühnenbild projiziert. In "Demetrius" ist das Gesicht des Erzbischofs und anderer Würdenträger in Großaufnahme auf einem teiltransparenten Vorhang zu sehen, der zeitweise vorn auf der Bühne heruntergelassen wird.

Davon abgesehen müssen beide Stücke mit einem spärlichen Bühnenbild auskommen. In "Hieron" dreht sich die Ecke eines Zimmers langsam um ihre eigene Achse. Und in "Demetrius" sind nur einige Wandelemente angedeutet.

 

Die Publikumsreaktionen

Der Applaus fällt freundlich, aber nicht frenetisch aus. Am lautesten wird es, als Judith Hofmann sich verbeugt - und das völlig zurecht.

Der Spaßfaktor

Zu lachen gibt es wenig - und die mehr als drei Stunden vergehen auch nicht gerade wie im Fluge. Aber anregend ist der Abend in jedem Fall - und wer herausragende Schauspieler sehen will, ist im Deutschen Theater ja eigentlich nie falsch.

 

Fabian Wallmeier

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