
Kurz-Check: "Der talentierte Mr. Ripley" - Tom Ripleys Tanz auf dem Drahtseil
Ein Mann tötet einen anderen und nimmt dessen Identität an. Darum geht es in Patricia Highsmiths Roman "Der talentierte Mr. Ripley" - und in den bekannten Verfilmungen. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters zeigt Bastian Kraft diesen Mr. Ripley nun in einem neuen Licht - und bietet dabei packende Unterhaltung. Von Fabian Wallmeier
Das Thema
Was hier passiert, ist mit Sicherheit eine der bekanntesten Kriminalhandlungen überhaupt. Man kann sie nämlich nicht nur aus dem gleichnamigen Erfolgsroman von Patricia Highsmith kennen, sondern auch aus Anthony Minghellas bekannter Verfilmung mit Matt Damon oder René Clements Filmklassiker "Nur die Sonne war Zeuge" mit Alain Delon. Die Handlung ist in ihren Grundzügen überall gleich, so auch hier: Der unscheinbare Tom Ripley reist von New York nach Italien, um den umherreisenden betuchten Werftbesitzersohn Dickie Greenleaf nach Hause zu dessen besorgtem Vater zu bringen. Ripley befreundet sich zunächst mit Dickie. Später aber bringt er ihn um, nimmt seine Identität an und spinnt, weil man ihm auf die Schliche zu kommen droht, ein immer dichteres Netz aus Lügen.
Die Inszenierung
Aber war dieser in Literatur und Film gleich mehrfach zu Ruhm gekommene Tom Ripley nicht eigentlich ein eiskalt berechnender Strippenzieher, der den Mord und den Identitätsklau im Detail geplant hat? Hat er nicht seinen Kopf mit finsterem Geschick aus jeder Schlinge gezogen, in die er im Laufe der weiteren Verwicklungen geraten war? Und war Highsmiths Plot nicht eine zutiefst böse Geschichte voller raffinierter Wendungen? In der Inszenierung von Bastian Kraft, die schon in Frankfurt zu sehen war und nun nach Berlin kommt, ist Mr. Ripley ein Getriebener. Er ist - dank des Bühnenbilds beinahe im wörtlichen Sinn - ein Drahtseiltänzer. Er laviert sich zwar letztlich geschickt durch den Plot, doch von Beginn an beflügelt ihn nicht die eiskalte Aktion, sondern die verschreckte Reaktion. Schon der Mordplan ist hier nur ein aufblitzendes Gedankenspiel, das dann plötzlich zur Realität wird. Immer wieder wird dieser Mann ohne Eigenschaften von der nächsten Wendung des Schicksals überrumpelt, immer wieder steht er kurz vor dem Zusammenbruch. Und erst ganz am Ende kann er sich als der strahlende Sieger in Szene setzen. Das kommt dann zwar ein wenig überraschend, doch insgesamt ist diese Interpretation des Mr. Ripley als den Geschehnissen hinterher hechelndes Würstchen sehr erfrischend und überzeugend.
Das Bühnenbild
Hauptelement der Bühne ist ein - grob geschätzt - drei Meter hoher, sieben Meter breiter und einen halben Meter tiefer Rahmen, der in wechselnden Farben leuchtet. Auf der unteren Kante dieses Rahmens befindet sich Tom Ripley beinahe das ganze Stück über. Hier mordet er, hier wird er in die Enge getrieben, hier versucht er, mit rudernden Armen die Balance zu halten. Eine ebenso simple wie kluge Idee, die Hauptfigur in Szene zu setzen. Links und rechts am Bühnenrand sind zudem Garderoben angedeutet angedeutet: Vor Schminkspiegeln ziehen sich die Nebendarsteller um, um in ihre diversen Rollen zu schlüpfen - ein hübscher, kleiner, verdrehter Kommentar zum Motiv des Identitätswechsels. Denn während in der Bühnenmitte Ripley sich panisch und permanent von der Überforderung bedroht in Dickie Greenleaf hineinwindet, vollziehen sich die Wandlungen am Bühnenrand in lässiger Beiläufigkeit.
Die Darsteller
Star des Abends ist - wie sollte es auch anders sein? - Christoph Pütthoff vom Schauspiel Frankfurt, der in den von den eigenen Talenten überrumpelt scheinenden Mr. Ripley viel eleganter hineinschlüpft als eben der sich in die Rolle Dickies zwängt. Franziska Machens gibt überzeugend mal Dickies etwas blässliche Freundin Marge, mal die rotblonde Femme Fatale am Barmikrofon. Stefan Schießleder rückt Ripley als Kommissar und als Dickies Freund Freddy mit starker Körperlichkeit auf die Pelle. Und Daniel Hoevels trifft sowohl den sorglosen Lebemann Dickie als auch dessen kontrollfreudigen Vater auf den Punkt.
Die Publikumsreaktionen
Sehr freundlichen Applaus bekommen Bastian Kraft und sein Team, noch freundlicheren die Darsteller und den lautesten Christoph Pütthoff.
Das Fazit
Dieser "Talentierte Mr.Ripley" macht Spaß, wenn man das Buch oder die Filme kennt, weil Bastian Kraft die Figur überzeugend neu verortet. Aber auch ohne Vorkenntnisse bietet der Abend eindreiviertel Stunden stimmiges Theater, bei dem Inszenierung, Darsteller und Bühnenbild eine klare Einheit bilden. Dass all das vermutlich nicht allzu lange nachhallt, sei geschenkt. Packende Unterhaltung auf sehr hohem Niveau ist schließlich weiß Gott kein geringes Verdienst.
Fabian Wallmeier















































