Ulrich Matthes und Dagmar Manzel in "Gift" am Deutschen Theater (Quelle: imago)

Kurz-Check: "Gift" - Showdown in der Friedhofshalle

Ein Mann und eine Frau treffen knapp zehn Jahre nach ihrer Trennung wieder aufeinander, um die Umbettung des Grabes ihres Kindes zu regeln - das ist die Grundkonstellation von "Gift", das nun am Deutschen Theater Premiere feierte. Das Stück mag manchmal ins Kitschige abdriften, die Inszenierung nicht die einfallsreichste sein - doch was Dagmar Manzel und Ulrich Matthes zeigen, ist zum Niederknien gut. Von Fabian Wallmeier

Das Thema

Ein ehemaliges Paar trifft sich in einer Friedhofshalle. Fast zehn Jahre haben sich die beiden nicht gesehen. Jetzt haben sie einen Termin, um über die Umbettung des Grabs ihres Sohnes zu sprechen. Gift soll in den Boden des Friedhofs gesickert sein - und eine Verlegung der Gräber nötig machen. Gift steckt aber vor allem auch in den Worten, die sie sich nun an den Kopf werfen, während sie sich an ihre gemeinsame Vergangenheit herantasten - und an die beiden getrennten Gegenwarten: Die Frau lebt noch immer täglich mit der Trauer um ihr Kind, der Mann hingegen hat ein neues Leben begonnen. Ganz am Ende kommt es dann doch zu einer Annäherung - und das Stück der Niederländerin Lot Vekemans driftet ein wenig in den Trauerbewältigungskitsch ab.

Die Inszenierung

Christian Schwochow hat das Stück komplett schnörkellos inszeniert. Ohne Umschweife wirft er die Zuschauer in die Geschichte des gewesenen Paares hinein - wofür er auch mit den sonst so konstanten Gepflogenheiten des Hauses bricht: Der sonst vor Vorstellungsbeginn aus den Lautsprechern schallende Klingelton, mit dem die Zuschauer zum Ausschalten ihrer Handys ermahnt werden, fehlt. Auch wird das Saallicht nicht dezent heruntergedämmt, sondern abrupt ausgeschaltet. Genau so abrupt geht ein paar Augenblicke später das Licht auf der Bühne an - und der Reigen der Beschuldigungen, Wut- und Trauerausbrüche und vorsichtigen Annäherungen beginnt. Schwochow setzt dabei vollkommen zurecht auf seine beiden Darsteller - und nimmt sich Zeit, die Unerträglichkeit von Gesprächspausen zu zeigen.

Die Darsteller

Dagmar Manzel und Ulrich Matthes harmonieren exzellent miteinander. Jeden Zwischenton loten sie mit bedrückender Intensität aus. Wenn Matthes an einer Stelle plötzlich anfängt zu schreien und zu weinen, geht das durch Mark und Bein. Und wie präzise Dagmar Manzel ihm die Giftpfeile der Sarkasmen ihrer Figur ins Herz schießt, wie sie von einem Moment auf den anderen umschaltet in tiefe Trauer oder in nahe am Wahnsinn gebautes Gelächter ausbricht, ist schlichtweg zum Niederknien.

Das Bühnenbild

So schnörkellos wie die Inszenierung ist auch das Bühnenbild: Der hintere Teil der Bühne ist von einer Wand verkleidet. Fünf weiße Stühle stehen in der Mitte der Friedhofshalle, zwei weitere rechts am Rand und links ein Kaffeeautomat und ein Wasserspender. Mehr braucht es nicht.

Die Publikumsreaktionen

Erst applaudiert man verhalten, dann immer stärker. Der Beifall gilt in erster Linie den beiden Darstellern. Hier und da wird "Bravo" gerufen, freundlichen Applaus bekommen auch der Regisseur samt Team und die dem Deutschen Theater seit Jahren verbundene Autorin des Stücks.

Das Fazit

Das Stück ist nicht wirklich brillant, die Inszenierung setzt keine überraschenden Akzente - aber wer anderthalb Stunden große Schauspielkunst sehen will, dem sei "Gift" wärmstens empfohlen.

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